Montag, 9. Oktober 2017

Glaubensgesichter

Einmal kam Jesus zu den Jüngern zurück. Er fand eine große Volksmenge um sie versammelt. Darunter waren auch einige Schriftgelehrte, die mit den Jüngern stritten.
Die Volksmenge sah ihn sofort und wurde ganz aufgeregt. Die Leute liefen zu ihm hin und begrüßten ihn.
Und er fragte sie: »Worüber hattet ihr Streit mit meinen Jüngern?«
Ein Mann aus der Volksmenge antwortete: »Lehrer, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem bösen Geist besessen, der ihn stumm gemacht hat. Wenn der Geist ihn packt, wirft er ihn zu Boden. Er bekommt Schaum vor den Mund, knirscht mit den Zähnen und sein ganzer Körper verkrampft sich. Ich habe deine Jünger gebeten, dass sie den Geist austreiben – aber sie konnten es nicht.«
Da antwortete er ihnen: »Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation? Wie lange soll ich noch bei euch bleiben? Wie lange soll ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir!«
Und sie brachten den Jungen zu Jesus. Sobald der Geist Jesus sah, schüttelte er den Jungen durch heftige Krämpfe. Er fiel zu Boden, wälzte sich hin und her und bekam Schaum vor den Mund.
Da fragte Jesus den Vater: »Wie lange hat er das schon?«
Er antwortete: »Von klein auf. Der böse Geist hat ihn auch schon oft ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Wenn du kannst, dann hilf uns! Hab doch Erbarmen mit uns!«
Jesus sagte: »Was heißt hier: ›Wenn du kannst‹? Wer glaubt, kann alles.«
Da schrie der Vater des Jungen auf: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben.«
Immer mehr Menschen kamen zu der Volksmenge. Als Jesus das sah, gebot er dem unreinen Geist: »Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir: Verlasse den Jungen und kehre nie wieder in ihn zurück!«
Da schrie der Geist auf und schüttelte den Jungen durch Krämpfe hin und her. Dann verließ er ihn. Der Junge lag da wie tot. Schon sagten viele: »Er ist tot.«
Aber Jesus nahm seine Hand und zog den Jungen hoch. Da stand er auf.
(Markus-Evangelium 9,14-21 -- www.basisbibel.de)

Da stand der Junge nun. Und alle schauten ihn an und schauten Jesus an und schauten wieder ihn an.

Die Jünger schauten beschämt auf den Jungen. Sie waren an ihm gescheitert. Was mochte er von ihnen halten?
Sie hatten doch gehofft, dass sie das konnten: einen Menschen heilen. Sie hatten schließlich oft genug gesehen, wie Jesus es tat. Hätten sie es sich nicht zutrauen sollen?
Es waren die anderen gewesen, die sie beredet hatten. Sie trauten es ihnen jedenfalls zu, dass sie es konnten: „Gehört ihr nicht zu Jesus? Macht den Jungen gesund!“
Sie wollten nur helfen – und waren gescheitert. An dem Jungen und vor Jesus. Sie nannten sich seine Jünger und hingen an seinen Lippen und folgten jedem seiner Schritte. Aber sie hatten nichts gelernt.
Wenn sie ihn hörten, leuchtete alles ein. Wenn sie ihm zusahen, sah es so selbstverständlich aus.
Dann suchten sie ein einziges Mal allein nach Worten und Handlungen – und blieben peinlich stumm und hilflos.
Und Jesus legte unbarmherzig den Finger in die Wunde. Ungläubige nannte er sie. Als würde er bereuen, sie um sich gesammelt zu haben.
Was das Schlimmste war: Sie wussten, dass er Recht hatte.

So standen die Jünger da und schauten den Jungen und Jesus an.
Auch der Vater schaute den Jungen an. Mit vor heiligem Schreck geweiteten Augen.
Er sah den Jungen dort aufrecht stehen. Und er sah die ganzen Jahre zuvor. Die Jahre der Krankheit. Jedes Mal, wenn es den Jungen zu Boden riss, zerriss es ihm das Herz und stieg hilflose Verzweiflung auf.
Er hatte so viel versucht. Jeder neue Ratschlag hatte ihm neue Hoffnung gemacht. Bis auch der nächste Versuch fehlschlug und die Hoffnung wie eine Seifenblase zerplatzte.
Er mochte keine Ratschläge mehr hören. Schon gar nicht den, den Jesus ihm gab: „Wer glaubt, der kann alles.“
Als wäre das so einfach. Er hätte ja glauben wollen – aber wie sollte er das können mit einem unheilbar kranken Sohn? Jeder Anfall war eine Frage nach dem fernen Gott.
Aber jetzt war alles gut. Oder zumindest anders. Sein Junge stand da, aufrecht.
Und er, der Vater, schaute auf Jesus, dem er seinen Satz ins Gesicht geschrien hatte: „Ich glaube, hilf meinem Unglaube.“
Und dann war ihm, als wäre er gesprungen. Eine hohe Klippe hinab. Immer tiefer und weiter und schneller.
Und er wartete, dass er unten aufschlug. Und er wartete. Und dann wurde er aufgefangen. Und er machte die Augen auf und sah den Jungen stehen.

Der Junge stand da und sah wie alle ihn anschauten.
Und er sah sich selber. Ein freier Mensch. Sein ganzes Leben war er bislang ein Gefangener. Gefangen von einem stummen Geist.
Der bestimmte und zerstörte seinen Alltag. Er riss ihn vom Stuhl, wenn er aß. Er warf ihn auf den Boden, wenn er ging. Er schmiss ihn aus dem Bett, wenn er schlief.
Er hatte versucht, gegen ihn anzukämpfen. Sich zu wehren, wenn er nach ihm griff. Er hatte versucht, ihn hinzunehmen. Abzuwarten, bis er wieder ging.
Aber er schaffte es nicht. Weder konnte er den Geist vertreiben noch konnte er ihn dulden. Er musste damit leben, dass er so, wie er leben musste, eigentlich gar nicht leben konnte.
Aber jetzt stand er da aufrecht und wusste: Er war frei. Der Geist war weg und würde nie wiederkommen.
Er stand da und sah Jesus, sah den Mann, der ihn anschaute, der ihn berührte. Plötzlich fiel alles von ihm ab. Der ganze Druck, der auf ihm lastete. Der ganze Krampf, mit dem er sich immer gewehrt hatte. Die ganze Erschöpfung, die alle Luft aus ihm sog.
Erst fiel er in sich zusammen, weil die Anspannung wegging. Und dann richtete Jesus ihn auf. Er stand auf eigenen Füßen. Er konnte jetzt seinen Weg bestimmen. Er konnte in sein Leben gehen.
Aber noch steht der Junge da. Und wir sehen ihn an und den Vater und die Jünger.
Wir sehen sie an und es ist ein bisschen wie in den Spiegel zu schauen: Erkennst du dich wieder und deinen Glauben?
Glaube – deiner und meiner – hat womöglich drei verschiedene Gesichter.

Glaube trägt das Gesicht des Jungen. Ein strahlender Blick, weil Gottes Angesicht über ihm leuchtet. Voller Wärme davon, dass Gott das Leben berührt hat.
Glaube lebt davon und wächst daran, dass Gott nahe kommt. Plötzlich ist er da und wischt die Tränen ab und reicht die Hand und richtet auf.
Dieser Glaube kennt das dunkle Tal – dort hat er den getroffen, der ihn hindurch geführt hat. Jetzt steht er auf der grünen Aue, satt von der Nähe, die Gott ihm schenkt.
So satt, dass es auch für die nächste Durststrecke reicht. Die Nähe Gottes prägt sich der Seele ein. Eine helle Erinnerung, die im Dunkeln zu leuchten beginnt.

Glaube trägt auch das Gesicht des Vaters. Große Augen schauen aus ihm. Die nach einem Blick suchen, der ihnen standhält. Die flehen: Hilf mir! Die fragen: Bist du es?
Glaube trägt etwas in sich, das oft Zweifel genannt wird. Zweifel an sich selber und daran, ob er sich denn lohnt, der Glaube.
Antwort finden die Zweifel nur, wenn sie aufs Ganze gehen. Wenn sie dem Glauben sagen: Verlass dich doch ganz auf Gott. Du wirst sehen, was du davon hast.
Ganz heimlich sind die Zweifel überhaupt keine Zweifel. Sondern eine verkleidete Sehnsucht: Dass Gott trägt, wirklich trägt. Durchs dunkle Tal, auf die grüne Aue.
Und diese Sehnsucht fordert den Glauben heraus: Wag es. Spring. Spring Gott in die Arme. So soll der Glaube die Sehnsucht erfüllen, die sich Zweifel nennt.

Glaube trägt aber auch das Gesicht der Jünger. Den Blick leer und auf den Boden gerichtet. Enttäuscht durch die eigenen Erwartungen, beschämt vom Blick in den falschen Spiegel.
Glaube scheitert manchmal an sich selber. Weil er sich für etwas hält, das er nicht ist. Weil er auf sich setzt und vor allem an sich selber glaubt.
Als könnte er sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Das kann wohl Münchhausen, der Glaube kann es nicht. Der Glaube braucht Gott, der es für ihn tut. Der Glaube braucht Gott, wenn er Glaube sein will.
Der Glaube hat keine eigene Kraft. Wenn er sich auf sie verlässt, ist er verlassen. Wenn er sich selber helfen will, hilft ihm kein Gott.
Glaube ist Glaube, weil er auf einen anderen schaut. Auf den, bei dem alles möglich ist. Gott ist es, der ihm alles möglich macht. Gott ist es, der den Glauben überhaupt möglich macht.

So halten sie uns den Spiegel hin, die Jünger und der Vater und der Junge. Wir sehen hinein und erkennen uns selber. Mal so, mal anders. Und wir schauen noch einmal hinein – und sehen wie der Ganz Andere uns aus dem Spiegel anschaut. Er lächelt.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Brot verwandelt sich in Rosen

Vielleicht war es an einem Erntedankfest. Vielleicht geschah es auch an einem anderen Tag vor achthundert Jahren.
Die junge Elisabeth von Thüringen packt sich warm duftendes Brot in ihren Korb und deckt es mit einem Leinentuch zu.
Heimlich schleicht sie sich aus der Burg. Es gibt schon genug Gerede am Hof in Eisenach. Ständig geht die Frau des Landesherrn in die Stadt hinab zu den Armen. Was sucht sie dort?
Es steht der gnädigen Frau nicht an, in den Armenhäusern ein- und auszugehen. Erst recht, wenn sie dabei die Vorratskammern des Schlosses lehrt.
Elisabeth also verlässt mit dem Korb am Arm die Burg durch einen Seiteneingang und steigt hinab. Kurz bevor sie die ersten Häuser erreicht, stellt sich ihr die Schwiegermutter in den Weg.
„Was trägst du da in die Stadt?“, fragt die und zeigt auf den Korb. Elisabeth schaut auf das Tuch und zögert. Sie sieht die Schwiegermutter an und antwortet: „Rosen!“
Sie macht einen Schritt, um an der Schwiegermutter vorbei zu gehen. Aber die hält sie am Arm fest. „Das glaube ich dir nicht!“
Sie zieht das Leinentuch vom Korb. Er ist voller Rosen.

Brot verwandelt sich in Rosen. Aus dem, was einer alltäglich braucht zum Leben, wird etwas Schönes, Wunderbares.
Das ist, wie eine Kirche zu Erntedank zu schmücken. Im Kirchturm zum Beispiel liegen Getreidegarben durcheinander. Hafer und Weizen und Gerste und Roggen, irgendwann im August auf den Föhrer Feldern geschnitten.
In den Tagen vor Erntedank kommt dann eine und ordnet die Garben. Bündel für Bündel nimmt sie und schneidet eines nach dem anderen zurecht.
Sie fügt sie zusammen, bindet sie aneinander. Stunde um Stunde entsteht unter ihren Händen, was vor ihrem inneren Auge fertig ist: Eine Krone, an der jede Ähre ihren Platz hat.
Am Tag vor Erntedank kommen andere und bringen von dem, was der Garten so hergibt. Äpfel und Kartoffeln und Kürbisse. Ein ganzer Reichtum und doch nur ein Teil davon.
Zwei, drei, vier Menschen nehmen das alles in die Hand und schauen es an und fügen es zusammen zu einem duftenden und leuchtenden Stilleben.
Erntedank: Stroh verwandelt sich zu einer Krone. Mohrrüben und Kartoffeln und Zwiebeln werden zu Gaben. Und der Bäcker legt das Brot auf den Altar.

Brot verwandelt sich in Rosen. Aus dem, was einer hat zum Leben, wird etwas Schönes, Wunderbares.
Du kannst auch dein Leben zu Erntedank schmücken. Mit all dem, was du den Sommer über fast nebenbei gesammelt und geerntet hast.
Du breitest vor dir aus, was dein Leben reich macht und deinen Alltag bunt.
Das Lächeln, das dir deine Tochter schenkt, zum Beispiel. Oder die Stunde, die du nur für dich durch die nebelfeuchte Marsch läufst.
Das Sofa auch, auf dem du den Feierabend und ein Glas Wein genießt. Oder der Haken, den du hinter eine Aufgabe machst, die du erledigt hast.
Der Ort schließlich, an dem deine Seele fröhlich baumelt, es kann Föhr sein. Oder dein Lieblingsmensch, mit dem du immer noch mehr Zeit verbringen willst.
All das und noch viel mehr schaust du dir an. Und du ordnest es und bringst es zusammen. Und es wird eine Krone daraus. Oder du nimmst es und legst es auf den Altar und es wird eine Gabe daraus.
Dank verwandelt Brot in Rosen. Du sagst „Danke!“ – und aus dem, was eben noch alltäglich war, wird etwas Wunderbares. Und dann?

Dann sagt Gott:
Ist nicht das ein [Danken], an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
(Jesaja 58,6-11.)
So richtet Jesaja Gottes Worte aus.

Brot verwandelt sich in Rosen. Dürre verwandelt sich in einen bewässerten Garten.
Danken geht in zwei Richtungen. Die eine führt zum Altar hin. Ich sammle das Alltägliche und das Wunderbare in meinem Leben zusammen und bringe es zum Altar.
Ich danke Gott für das, was ich sonst im grauen Alltag übersehe. Und ich danke ihm für das, was mein Leben in Sonnenlicht taucht.
Aus dem, was ich habe, wird eine Gabe, die Gott mir gibt. Das, was mir begegnet, wird zu einem Geschenk Gottes. Wenn ich ihm danke.
Aber zu danken geht in zwei Richtungen. Die andere führt zu einem Menschen hin. Zum Nächsten, heißt es auf kirchendeutsch.
Doch der Nächste ist mir immer mal wieder der Fernste. Weil er mich ekelt, wie er da in seinem Schlafsack vor der dunklen Ladentür in der Fußgängerzone liegt. Oder er mir Angst macht, weil er anders spricht und lebt und glaubt und betet als ich.
Der Weg zu ihm, dem Elenden und Fremden ist weit. Weiter als der zum Altar. Aber es liegt Segen auf ihm. Und dann ist der Weg auf einmal ganz kurz.
Nur ein Schritt trennt mich von ihm, dem fremden Nächsten. Wenn ich ihn nur mache. Warum eigentlich nicht? Ganz leicht fällt er mir. Und Gott sagt: „Siehe, hier bin ich.“

Brot verwandelt sich in Rosen. Und Türen öffnen sich.
An deiner Tür klingelt es. Du gehst hin und machst sie auf. Vor dir steht einer in dreckigen Jeans und verwaschenem Pullover. Wilder Bart, fettiges Haar.
„Entschuldigung“, sagt der Mann. Er sei auf der Durchreise. Nur leider gerade knapp bei Kasse. Er brauche Geld für den Bus.
Geld willst du ihm nicht geben. Aber auch nicht einfach die Tür schließen. Eine Scheibe Brot kannst du ihm anbieten. Und eine Dusche, wenn er mag.
Der Fremde kommt herein. Du bringst ihn ins Gästebad. Er duscht. Du setzt Kaffee auf und stellst Brot und Butter und Käse und Wurst auf den Tisch.
Ein wenig später sitzt ihr einander gegenüber. Er ist, du trinkst einen Kaffee. Er erzählt dir seine Geschichte. Von der Arbeit, die er hatte. Der Krankheit, die kam. Du willst ihm die Geschichte mal so abnehmen.
„Das tat gut“, sagt er zum Abschied. Du bringst ihn zur Tür und überlegst, ob du ihm vielleicht doch ein wenig Geld mitgibst.
„Sie sind ein lieber Mensch“, sagt er zu dir. Er gibt dir die Hand und geht. Du siehst ihm einen Augenblick nach.

Du schließt die Tür und gehst zurück in die Küche. Du fängst an aufzuräumen. Dein Blick fällt auf den Tisch und die Vase, die dort steht. Am Morgen hattest du eine Rose aus dem Garten hereingeholt. Jetzt ist sie aufgeblüht.

Sonntag, 24. September 2017

Da wunderst du dich

Ein Dialog zur Goldenen Konfirmation

Es ist ein Wunder.
Hhm.
Wunderst du dich nicht?
Mich wundert schon lange nichts mehr.
Ich wundere mich.
Ja, das merke ich. – Worüber wunderst du dich eigentlich?
Über das Leben im Allgemeinen.
Ah ja.
Und die Vögel und Blumen im Besonderen.
Achso.
Du wunderst dich wirklich nicht?!
Nee. Höchstens über dich und deine Begeisterung.
Wieso?
Was ist an Vögeln und Blumen schon besonderes? Die einen fliegen herum. Die anderen stehen herum.
Eben. Das ist doch das Wunder.
Herumfliegen und herumstehen?
Schau doch einmal genau hin. Die Blumen hier in der Kirche zum Beispiel. Die sind doch ganz wunderbar. Du schaust sie an und denkst: Wie schön, dass es so etwas Schönes gibt. Einfach nur so.
Und machen nichts anderes als herumstehen. Im Garten oder in der Kirche.
Und sind dabei schön. Genau.
Was mich wundert...
Ah!
Was mich – erstaunt, ist, dass die Blumen ein Gleichnis sein sollen. Für das Leben eines Menschen und Gottes Segen in ihm.
Wieso sollten sie das nicht sein?
Herumstehen und schön sein – darauf soll Segen liegen?
Schönheit ist doch ein Segen.
Meinetwegen. Aber herumstehen! Ich habe es da eher mit den Vögeln. Die fliegen wenigsten herum. Die tun wenigstens noch etwas. Die verdienen sich das Leben und ihren Segen.
Muss man sich das verdienen?
Ob man es sich verdienen muss, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass man etwas dafür tun muss. Da brauchst du nur die Goldenen Konfirmanden hier zu fragen.
Du meinst, die haben was getan für ihren Segen.
Jeder tut etwas für seinen Segen. Wenn wir euch jetzt fragen! Keine Angst, ihr müsst jetzt nicht antworten! Aber wenn wir viel Zeit hätten, könnte jeder von euch einzeln erzählen.
Dann würden wir über 50 Geschichten aus 50 Jahren hören. Mehr als 50 verschiedene Lebenswege.
Vermutlich alle würden davon erzählen, dass ihr irgendwann ausgeflogen seid. Von Zuhause, einige auch von der Insel.
Aus der Kindheit und Jugend hinaus in die Ausbildung, ins Studium. In die Arbeit. Womöglich in die eigene Familie.
Und alle Geschichten würden davon erzählen, dass man das Ende von Kindheit und Jugend daran erkennt, dass ständig etwas zu tun ist.
Jetzt verstehe ich dich: Ein Hin- und Herfliegen. Wie bei den Vögeln.
Siehst du. Man muss etwas tun für seinen Segen.
Aber es ist ja nicht dein Segen. Es ist Gottes Segen. Und die Vögel wissen das.
Was wissen die Vögel?
Ich stelle mir vor: Die fliegen zwar hin und her und tun etwas. Aber die tun das ganz gelassen. Weil sie wissen, den Segen...
… gibt es sowieso. Ich habe dich verstanden. Es geht um die innere Haltung.
Genau. Es geht um den Glauben. Oder besser: Um das Vertrauen in das tägliche kleine Wunder, dass es reicht.
Es reicht, was du tust. Es reicht, was du hast. Weil Segen darauf liegt. Ein Wunder.
Und um das Wundervertrauen zu finden, hilft es, wenn du manchmal Blume bist.
Einfach nur schön sein und herumstehen?
Das ist mehr als „einfach nur“. Das ist harte Arbeit: Sich wie eine Sonnenblume hinstellen und das Gesicht nach der Sonne ausrichten und sich anstrahlen lassen.
Ah. Und auch das ist ein Gleichnis. Ein Gleichnis für die Goldene Konfirmation, zum Beispiel. Oder auch einen 40. Hochzeitstag.
Was?
Naja, an so einem Tag wie heute stehst du herum und schaust in die Sonne.
Wenn sie denn scheint.
Die scheint bestimmt. Über deinem Leben. Schau nur hin. Darum geht es: Ums Hinschauen. Damit du das Wunder siehst. Wir können wieder die Goldenen Konfirmanden fragen.
Ja, und ich ahne, was sie erzählen sollen. Wir fragen euch nach den Höhepunkten in eurem Leben. Nach dem, was schön war und gut. Was sich erfüllt hat. Was euch erfüllt hat.
Wieder hätten wir über 50 Erzählungen aus 50 Jahren. Geschichten, die das Herz zum Hüpfen und das Gesicht zum Strahlen bringen.
Und aus diesen Geschichten wächst das Vertrauen: Es reicht. Gottes Segen reicht für ein ganzes Leben. Ein Wunder.
Manche Geschichten würden aber auch davon erzählen, dass Blumen zart sind und verblühen. Glück kann wieder gehen. Oder auch ganz ausbleiben.
Auch deswegen ist es gut, dass wir heute hier sind und eure Goldene Konfirmation feiern. Damit ihr hört und erfahrt: Es liegt Segen auf eurem Leben.
Es liegt Segen darauf, wenn du hin- und herfliegst. Und es liegt Segen darauf, wenn du herumstehst.
Es liegt Segen auf dem, wofür du etwas tust. Und es liegt Segen auf dem, was du einfach so bekommst.
Ich finde: Das ist ein Wunder.
Siehst du. Das habe ich doch gleich gesagt. Aber du wolltest dich ja nicht wundern.

Sonntag, 17. September 2017

Segensleicht tanzen

Einmal kam ein Mann zu Jesus, der an Aussatz erkrankt war. Er fiel vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: »Wenn du willst, kannst du mich rein machen.«
Jesus hatte Mitleid mit ihm. Er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: »Ich will! Sei rein!«
Im selben Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann wurde rein.
(Markus 1,40-42 -- www.basisbibel.de)

So einfach ist es und so wunderbar, das Leben zu finden. Es braucht nur einen, der dich berührt, und es wird ganz und heil.
Am Ende jedenfalls. Vorher ist alles in Verzweiflung getaucht: Aussatz, das ist ein Todesurteil. Wer an Aussatz erkrankt, stirbt den sozialen Tod.
Er wird ausgesetzt aus seinem Leben. Aus seinem Haus muss er ausziehen und außerhalb des Dorfes leben. Von seiner Familie wird er getrennt und in ein Lager mit anderen Aussätzigen gesteckt.
Medizinisch ist das klug. Aussatz ist ansteckend. Aber es fühlt sich alles andere als klug an.
Du siehst wie deine Haut sich verändert, so dass du dich selber nicht mehr erkennst. Du siehst es im Spiegel. Du siehst es im Gesicht derer, die dich anschauen: Mitleidiges Entsetzen und hasserfüllter Ekel schauen dich an.
Du gehörst nicht mehr dazu. Du wirst nie mehr dazugehören. Nicht zu den anderen. Nicht in dein Leben. Eine Sackgasse.

Aussatz als Krankheit gibt es heute noch. In Brasilien, in Afrika, in Indien. Aussatz als Lebensgefühl gibt es an vielen Orten.

Achmad und Damir, die beiden syrischen Flüchtlinge, kennen die Krankheit. Getrennt sind sie von den Menschen, die sie lieben. Die Heimat, die sie barg, haben sie verloren.
Jetzt gehen sie hier einkaufen. Sie spüren das Misstrauen: Die werden bestimmt etwas klauen. Sie hören das Tuscheln und Zischeln. Und so viel deutsch können sie schon, dass sie wissen, was das heißt: Ausländer raus.

Sabine, die Trauer trägt, kennt das: Der Vertraute, mit dem sie eben noch das Leben teilte, ist nicht mehr da. Zuhause herrscht schweigende Leere.
Auf dem Weg zum Bäcker sieht sie, wie die Nachbarin schnell die Straßenseite wechselt. Die Klingel an der Ladentür bimmelt, die Gespräche verstummen, alle schauen sie an.
Sie spürt den Kloß und schluckt. Bloß nicht weinen. Dann laufen die Tränen doch und sie lässt sie laufen und laufen. Die alte Verkäuferin kommt hinter ihrem Ladentisch hervor und nimmt sie in den Arm.
Auf dem Heimweg klingelt sie bei der Nachbarin und lädt sie zu einer Tasse Kaffee ein. Die schaut sie verwundert an und sie sagt ihr: „Ich lebe noch. Mit mir kann man sprechen.“

Achmad und Damir stehen im Supermarkt unschlüssig vor dem Regal. Da kommt einer vorbei, der nicht gleich den Blick abwendet. „Sorry, chicken?“, fragen sie.
Er hilft ihnen das Hühnchen zu finden und die Brühe. Er geht mit in ihre stickige Wohnung und trinkt starken, süßen Tee mit ihnen, bis das Hühnchen gar gekocht ist.

Das Leben wird ganz und heil, ein wenig jedenfalls. Auch für den Aussätzigen, der sich Jesus vor die Füße schmeißt.
Er verbirgt sein Gesicht in seinem Gewand, damit Jesus es nicht sehen muss. Er spricht seine Worte in den Staub: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“
Jesus will. Er spricht ihn an und berührt ihn und da ist er rein. Er sieht es an seinen Fingern, die er strecken und bewegen kann. Er spürt es mit seinen Händen, mit denen er über sein Gesicht fährt: glatte, warme Haut.
Er erkennt es an dem Blick, mit dem Jesus ihn anschaut. Ruhig liegt er auf ihm und warm und freundlich. Ein Blick, der die Dämonen vertreibt.
Die Dämonen, die ihn besitzen und besetzen. Die anderen, die Gesunden haben ihm das gesagt: Seine Krankheit, das sind die Dämonen. Fremde Mächte, die ihn krank machen.
Jetzt spürt er den Blick, der auf ihm ruht. Und er merkt, wie die Dämonen ihn verlassen. Die Dämonen der Krankheit.
Gut möglich, dass sie seine Haut zerfressen haben. Vor allem aber haben sie seine Seele zersetzt. Tag für Tag haben sie ihr Gift in sie geträufelt.
„Du bist selber schuld. Du wirst hier nie wieder herauskommen. Du hast kein Leben mehr vor dir. Du bist es nicht wert.“ So haben sie geflüstert. Und er hat auf sie gehört. Sie waren die einzigen, die zu ihm sprachen.
Jetzt sind sie mit einem Mal verstummt. Ein leiser Blick hat ihnen die Sprache verschlagen. „Ich will“, sagt der Blick. „Ich will, dass du lebst. Ich halte zu dir. Ich sehe dein Herz an. Ich sehe dich. Ich berühre dich. Ich will dich, Mensch.“
Rein fühlt er sich. Und frei. Wie in dem Augenblick, in dem die pochenden Schmerzen weg sind und du die Welt um dich wieder klar wahrnimmst und tanzen willst.

Sofort schickte Jesus ihn weg. Er schärfte ihm ein: »Pass auf, dass du niemandem irgendetwas davon erzählst. Geh, zeige dich dem Priester und bring die Opfer, die Mose vorgeschrieben hat, um deine Reinheit wiederherzustellen. Das soll ihnen als Beweis dienen, dass ich das Gesetz achte.«
Aber der Mann ging weg und verkündete überall, was Jesus getan hatte. Bald konnte Jesus nicht mehr unerkannt in eine Stadt kommen. Deshalb blieb er an abgelegenen Orten. Trotzdem kamen die Leute von überall zu ihm.
(Markus 1,43-45 -- www.basisbibel.de)

Da will er also tanzen und das Leben feiern. Weil die Dämonen ihn losgelassen haben und er sich rein fühlt und frei. Aber Jesus schickt ihn weg.
Als wäre nichts gewesen, soll er zurückkehren. Zurück an den Platz, an dem er vor seiner Krankheit war. Ein trockenes „Da bin ich wieder“ vielleicht noch. Und dann geht es weiter im Tagesgeschäft.
Aber es ist etwas gewesen. Er war krank. Und er ist wieder gesund geworden. Er kann nicht nahtlos dort weitermachen, wo er von der Krankheit aus dem Alltag gerissen wurde.
Er kommt als ein anderer zurück. Als einer, der das Leben feiern muss und den, der es ihm neu gebracht hat.
Jeder Schritt, den er geht, muss davon künden, dass ihn das Leben gefunden hat. Er muss durch seinen Alltag tanzen.
Der Priester ist der erste, der seine Begeisterung zu spüren bekommt.Gern stellt er die ordnungsgemäße Bescheinigung aus, dass er wieder rein und ein vollgültiges Mitglied der Gesellschaft ist. Aber dass er mit ihm einen Freudentanz aufführen will, findet er doch übertrieben.

Sabine tanzt auch. Sie tanzt mit Heiner. Sie kennen sich schon lange. Die Paare waren befreundet, als sie noch Paare waren. Heiner ist schon länger allein, sie ist es jetzt auch.
Und ist es doch nicht. Sie tanzt ja mit Heiner. Irgendwann stand er vor der Tür. Mit einem Foto aus den Tagen, als sie noch zu viert waren.
Lange saßen sie über dem Bild und haben erzählt und gelacht und geweint. Am Ende waren sie ganz still und hielten sich im Arm. Wärme stieg auf.
Nur die Nachbarin wechselt wieder die Straßenseite, wenn sie jetzt Sabine und Heiner sieht, und schüttelt laut den Kopf: Wie man so kurz nach dem Tod schon wieder...
Aber Sabine hat inzwischen gelernt, ebenfalls wegzuschauen.

Ahmad und Damir wollen auch tanzen. Sie haben Wochenende und frei.
Damir macht inzwischen eine Ausbildung zum Tischler. Der Meister suchte dringend jemanden. Schnell hat er die Wörter gelernt. Hobel und Nagel, Säge und Gärung.
Ahmad arbeitet im Supermarkt. Er füllt die Regale und trägt Einkaufstaschen zu den Autos. Wenn ihn jemand fragt, weiß er, wo das Hühnchen und die Brühe zu finden sind.
Aber tanzen, nein, tanzen dürfen sie heute erst einmal nicht. „Ihr kommt hier nicht rein“, sagt der Türsteher. „Warum?“, fragt Ahmad. „Weil ich es sage“, sagt Türsteher.
Später tanzen sie dann doch. Auf der Wiese hinter dem Haus, in dem sie wohnen. Mit ein paar Jugendlichen, die dort feiern. Mit ihnen feiern sie das Leben.

Das Leben feiern. Das wollen sie alle, denen der Mann erzählt. Von seinem Aussatz und seinem Weg zurück ins Leben. Von dem, der ihn auf den Weg gebracht hat.
Also suchen sie nach Jesus. Sie suchen nach dem, der ihnen Leben verheißt. Auch wenn er sich zurückzieht und verbirgt.
Die Sehnsucht ist groß. Angesteckt von der Lebensfreude des Mannes, der ihn schon gefunden hat. So segensleicht tanzt er jetzt durch sein Leben.
Er lacht, wenn einer ihm sagt: „Du bist doch nichts wert.“ Er weiß es besser: Der, der das Leben verheißt, hat ihn freundlich angeschaut.
Er schüttelt den Kopf, wenn einer vom Tod und vom Ende spricht. Der Tod ist schwach, sagt er, das Leben ist stärker. Er ist schon einmal gestorben und neu ins Leben geboren.
Er geht einfach weiter, wenn einer ihm sagt: Dort ist eine Sackgasse. „Ich kenne ein Schlupfloch“, sagt er: „Hoffnung!“
Er wirkt, als könnten die Dämonen ihm nichts anhaben, die ihnen das Leben schwer machen. „Die flüstern auch mir ihre Worte ins Ohr“, sagt er. „Aber die gehen gleich wieder zum anderen Ohr hinaus.“
Als wäre in ihm kein Platz für lebensfeindliche Worte. Die Melodie in ihm klingt zu laut, die vom Leben singt und von dem, der es verheißt und schenkt.
Nach dieser Melodie tanzt er segensleicht durch sein neu geschenktes Leben.
Und sie, sie suchen den, der es ihm geschenkt hat und es auch ihnen verheißt.

Die gute Nachricht: Sie werden ihn finden. Er lässt sich finden.  

Montag, 11. September 2017

Neue Anfänge mit der Schuld


„Wir danken Gott für den Führer, den er uns geschickt hat.“ So steht es in mehreren Predigten meines Großvaters. 1934, 1935 wurde er Pastor, 10 Jahre später ist er gestorben.
So konnte, so brauchte ich ihn nicht mehr zu fragen. Nach dem, was er damals für wahr hielt und glaubte. Und danach, was er jetzt darüber dachte.
Meine Großmutter konnte ich noch fragen. Vor zwanzig Jahren, als ich in den Predigten ihres Mannes las. Aber sie erschrak selber: Das hatte er gesagt und gepredigt?
Sie hatte es vergessen und sich ein Bild von ihrem Mann bewahrt, in dem seine Begeisterung für den Führer nicht vorkam.
Nun zwangen die Predigten sie dazu, ihr Bild zu ändern. Nicht grundlegend. Aber ein paar mehr Farben, andere Pinselstriche kamen hinzu.
Meine Großmutter ließ sich darauf ein. Das habe ich nicht gesehen, hat sie gesagt. Jetzt sehe ich es.

Wie ist das, wenn sich das Bild verändert? Wenn zu bunten Farben auch graue dazukommen?
Wie ist das, wenn der alte Pastor, der mich konfirmiert hat, nicht nur der Menschenfreund war, als den ich ihn kennengelernt habe?
Sondern auch einer, der begeistert war vom Nationalsozialismus? Der kirchenpolitisch Verantwortung trug in der NS-Zeit und mit den Mächtigen der NSDAP freiwillig zusammenarbeitete?
Der vom erwachenden Deutschen Reich predigte und von der Treue zu Volk und Vaterland, die Gott fordert?
Vor der Frage standen wir gestern Abend. Da ging es hier in der Kirche um Fritz Gottfriedsen. Von 1946 bis 1962 war er an St. Johannis Pastor.
Einer, zu dem man gern in den Kindergottesdienst ging. Vor dem man als Konfirmand keine Angst hatte, dem man Vertrauen entgegenbrachte.
Dem man gut und gern zuhören konnte, wenn er predigte oder auf Feiern Reden hielt. Der in den ersten Jahren nach dem Krieg half, die Armut zu lindern, vor allem bei den Flüchtlingen in der Gemeinde.
Der aber von 1933 bis 1945 eben auch Propst war, in Südtondern und dann auch für Nordschleswig. Der kirchenpolitisch und ideologisch die Sache des NS-Staates vertrat.
Wie bringt man das zusammen? Hier der gute Seelsorger, dort der bekennende Nationalsozialist? Ist es vielleicht so, dass das eine nur die politische Einstellung ist, das andere aber das, was worauf es wirklich ankommt?

Die Frage stellt sich auch für die Zeit nach 1945.
Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden, heißt es in der Stuttgarter Schulderklärung. Gegründet auf die Heilige Schrift, mit ganzem Ernst ausgerichtet auf den alleinigen Herrn der Kirche, gehen die Kirchen daran, sich von glaubensfremden Einflüssen zu reinigen und sich selber zu ordnen.
Und dann erfährt man in der Ausstellung "Neue Anfäng?", dass die Kirche sich vielleicht von den Einflüssen trennt, nicht aber von den Personen.
Ein Bischof steht zu seinem Pressechef, von dem er weiß, dass er Kriegsverbrecher ist. Der nächste Pressechef kann mit den Geheimdienstmethoden arbeiten, die er als SS-Offizier und SD-Mann gelernt hat.
Derselbe Bischof, der Aushängeschild der Bekennenden Kirche war, vergisst seine judenfeindliche Schrift. Und vergisst erst recht, diese Schrift zu widerrufen.
Und ist doch derselbe Bischof, der die Landeskirche nach 1945 wieder aufgebaut hat und sich dabei um ihre Neuanfänge verdient gemacht hat.
Wie hält man diesen Widerspruch aus? Wirft man beides in die Waagschale? Hier die Verdienste, dort das Versagen. Und hofft dann, dass die Seite mit den Verdiensten schwerer wiegt?

Die Stuttgarter Schulderklärung wählt diesen Weg. Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.
Aber, so steht es zwischen den Zeilen: Wir haben doch bekannt und gebetet und geglaubt und geliebt. Da ist vieles, was wir in die Waagschale der eigenen Gerechtigkeit werfen können.
Und auch schwarz auf weiß steht es da: Wir haben lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat.
Wir standen auf der richtigen Seite, wir standen gegen diese Diktatur und gegen diese Ideologie. Was wir uns vorwerfen müssen, ist nur, dass wir nicht stark genug waren.
Damals, vor 70 Jahre, sorgte diese Schulderklärung für einen Aufschrei. Wie konnte man seine Schuld eingestehen?
Heute, so heißt es in der Ausstellung, heute liest sich die Erklärung wie eine „eigenartige Mischung aus Selbstmitleid und Selbstmystifizierung“. Als hätte die Kirche aus lauter Bonhoeffers bestanden, was aber leider nicht reichte.

Bonhoeffer entscheidet sich schon 1943 einen anderen Weg: Sind wir noch brauchbar?, fragt er. Hat uns das Leben in diesem NS-Staat nicht völlig verbogen? Zu Menschen gemacht, die wohl um das wissen, was menschlich ist, aber es schon lange nicht mehr leben können?
Denen jetzt auch die Kraft fehlt, sich gegen die eigene Unmenschlichkeit, die eigene Schuld zu stemmen? Die es nur noch achselzuckend hinnehmen, weil man sich an die Umstände gewöhnt hat?
Wird unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug geblieben sein, dass wir den Weg zur Schlichtheit und Geradheit wiederfinden?
So fragt Bonhoeffer, bevor sich neue Anfänge auftun. Voller Zweifel, ob diese neuen Anfänge gelingen können. Weil das Leben in der Diktatur den Menschen so verbogen hat, dass er nicht mehr aufrecht gehen kann.
Weil man sich an die täglichen kleinen Lügen und Selbsttäuschungen so gewöhnt hat, dass man blind wird für die eigenen Verstrickungen und die eigene Schuld.
Weil man sich selber gar nicht mehr in die Augen schauen könnte, wenn man die eigene Schuld klar sehen würde.
Man könnte gar nicht aufstehen und zu den neuen Anfängen aufbrechen, wenn sie kommen – weil man gelähmt wäre von der Schuld, der fremden wie der eigenen.
Man müsste sitzen bleiben. Es sei denn, es käme einer, der einem aufhilft.

Was ist denn einfacher?, fragt Jesus. Zu sagen: ›Deine Schuld ist dir vergeben!‹, oder zu sagen: ›Steh auf und geh umher!‹? (Matthäus 9,5.)
Eine merkwürdige Frage. Und eine erhellende Frage. Weil sich eine weitere Frage anschließt: Macht es einen Unterschied? Ob einer sagt: Steh auf und geh umher. Oder ob er sagt: Deine Schuld ist dir vergeben!
Für die, die zusehen, macht es vielleicht keinen Unterschied. Der, der eben noch gelähmt war, geht umher. Er steht auf und kann wieder laufen.
Aber für den, der eben noch gelähmt war, macht es einen Unterschied.
"Steh auf und geh umher!" Und ich stehe auf und gehe umher. Ich mache einen Schritt, ich mache zwei Schritte. Erst unsicher, dann immer sicherer.
Und dann laufe ich. So schnell ich kann, so weit es geht. Weg von dem Ort, an dem ich eben noch gesessen habe. Bloß weg von meiner Lähmung. Hinaus ins Leben.
"Deine Schuld ist dir vergeben!" Und ich richte mich auf. Langsam, Stück für Stück. Ich brauche einen, der mir aufhilft, der mich stützt.
Dann stehe ich und spüre meine Beine und spüre noch die Lähmung, die sie weich gemacht hat und steif zugleich. Ich muss das wieder lernen, das Laufen. Die Beweglichkeit muss in die Gelenke und die Kraft in die Muskeln zurückkehren.
Schritt für Schritt lerne ich das Laufen wieder. Und ich werde mich immer wieder erinnern, wie das war. Als ich gelähmt war. Und ich das Laufen wieder neu lernte. Ein neuer Anfang.

Neue Anfänge – das ist mehr, als aufzustehen und umherzugehen. Das ist etwas anderes, als die Vergangenheit wie eine Lähmung abzuschütteln und schnellen Schrittes in die Zukunft davonzulaufen.
Und doch ist man manchmal versucht, es genau so zu tun: Kein Blick mehr zurück auf das, was falsch war und unrecht. Den Blick nur nach vorne in die Wirtschaftswunderzeit, die wartet.
Und wenn die Vergangenheit mich einzuholen droht, muss ich eben ein wenig schneller laufen. Und ich renne und renne und renne – und stürze über die Vergangenheit, die mich überholt hat, ohne mich einzuholen.
Neue Anfänge – das geht nur mit der Vergangenheit. Wer aus ihr aufbrechen will, der braucht den Blick auf das, was falsch war an ihr. Durch die Schuld eines anderen. Durch die eigene Schuld.
Und wer aufbrechen will, der braucht einen, der einem dabei hilft, die Vergangenheit anzuschauen. Die Schuld der anderen und die eigene.
Der die Schuld aufhebt. Also: Sie aus dem Weg räumt, damit ich nicht mehr über sie stolpere. Aber auch: Sie bewahrt, damit ich sie nicht vergesse und nicht wiederhole.
Die Kirchenmänner damals kannten ihn gut, den, der die Schuld vergibt. Aber sie haben ihre eigene Schuld nicht ernst genommen. Und also auch nicht ihn, der sie vergeben wollte.

Samstag, 2. September 2017

Wo Zorn und Traum zusammentreffen

Große und kleine Bäume. Braune Stämme, grüne Kronen, rote Früchte. Ein Fluss, der sich durch Wiesen schlängelt.
Dazwischen Strichmännchen, die breit grinsen und die Arme hochwerfen. Menschen, die sich freuen, die gemeinsam feiern und tanzen.
17 Bilder sind auf dem Boden ausgebreitet. Im Religionsunterricht schnell gemalt mit Wachsstiften oder gezeichnet mit Buntstiften.
Ein Mosaik aus Bildern, das sich zu einem Obstgarten zusammenfügt. Das Paradies muss irgendwo in der Nähe sein.

Nur noch kurze Zeit / dann verwandelt sich der abgeholzte Libanon in einen Obstgarten / und der Obstgarten wird zu einem wahren Wald.
An jenem Tag hören alle, die taub sind, / sogar Worte, die nur geschrieben sind, / und die Augen der Blinden sehen selbst im Dunkeln und Finstern.
(Jesaja 29,17-18 - Einheitsübersetzung)

Das ist die Vorlage für die Bilder auf dem Boden: die blühende Landschaft, die der Prophet Jesaja sieht vor mehr als 2.700 Jahren.
Auf einem Bild geht schwarz in blau über, wechselt dunkle Nacht in hellen Tag. Ein Mensch steht noch auf der Grenze, macht aber schon den Schritt ins Helle, in den Tag hinein.
Auch andere Bilder zeigen einen Wechsel. Neben den Apfelbäumen, die schwer sind von den Früchten, stehen die Strünke der abgeschlagenen Stämme.
Karge, verwüstete Landschaften teilen sich das Blatt Papier mit blühenden, paradiesischen Landschaften. So als würden sie zusammengehören. Aber wie?
Die Bibel erzählt vom Paradies, in dem der Menschen einst lebte und das er verlor. Weil er schuldig wurde an Gott und der ihn daraufhin aus dem Garten vertrieb.
Die Bibel erzählt aber auch vom Paradies, das auf den Menschen wartet. Jesaja sagt: Gott verspricht es seinen Menschen. Nur noch ganz kurze Zeit, dann ist es so weit.

Ist das Paradies nun vergangen oder kommt es erst noch? Die Antwort auf diese Frage macht einen Unterschied.
Sie entscheidet darüber, wie ich die Welt sehe. War früher alles besser? Wird also alles immer schlechter? Oder kann es nur besser werden? Kommt das Beste womöglich erst noch?
Meine Antwort entscheidet auch darüber, welche Haltung ich einnehme zu der Gegenwart, in der ich lebe.
Ziehe ich die Mundwinkel herunter und lege die Hände in den Schoß und beklage den Untergang des Abendlandes, der sich nicht mehr aufhalten lässt?
Oder krempele ich die Ärmel hoch und spucke in die Hände und entwerfe eine Zukunft, wie sie mir gefällt und alle anderen auch glücklich machen soll?
Meine Antwort entscheidet schließlich auch darüber, welchen Weg ich für den halte, der zum Paradies führt. Ist es der Weg zurück in die goldene Vergangenheit? Oder ist es der Weg in die strahlende Zukunft?
Will ich zum Beispiel dahin zurück, wo die Frau sich um Kinder, Küche und Kirche kümmert und der Mann arbeiten geht und das Familienoberhaupt ist? Wo die Heimat allein den reinblütigen Deutschen gehört und Ausländer nur im Ausland leben?
Oder will ich dorthin, wo Familie die Menschen sind, die sich egal welchen Geschlechts aus Liebe zusammenfinden? Wo zur Bürgergemeinschaft alle gehören, die am selben Ort zusammenleben – ob sie schon immer da waren oder aus guten Gründen dazugekommen sind.
Je nachdem, wohin ich will, werde ich am 24. September auf dem Wahlschein mein Kreuz setzen.

Aber wo immer auch das Paradies wartet – verloren in der Vergangenheit oder verlockend in der Zukunft: die Gegenwart ist nicht das Paradies.
Die muss sich ändern. Die wird sich ändern. Damit sie wieder oder erstmals zum Paradies wird. Sagt Jesaja:

Die Erniedrigten freuen sich wieder über den Herrn / und die Armen jubeln über den Heiligen Israels.
Denn der Unterdrücker ist nicht mehr da, / der Schurke ist erledigt, / ausgerottet sind alle, die Böses tun wollen, die andere als Verbrecher verleumden, / die dem Richter, der am Tor sitzt, Fallen stellen / und den Unschuldigen um sein Recht bringen mit haltlosen Gründen.
(Jesaja 29,19-21 - Einheitsübersetzung)

Das Paradies liegt irgendwo hinterm Horizont der Gegenwart. Verschwommen, als Wunsch, als Traum.
Was es so drängend macht, sind die Menschen, um derentwillen es kommen soll, kommen muss.
Es gibt Menschen, die die Gegenwart drückt. Es sind die, die darauf warten, dass sie endlich etwas zu lachen haben und einen Grund zum Jubeln. Jesaja nennt sie die Erniedrigten und die Armen.
Du musst nur mit offenen Augen und wachem Herzen um dich schauen. Dann siehst du sie. So wie Jesaja sie zu seiner Zeit sah, wenn er durch die Straßen von Jerusalem lief.
Du musst nur in die Flüchtlingslager in Afrika gehen, wo Zehntausende seit Jahren in Hütten und Zelten wohnen. Die nicht zurück können und nicht vor. Die von dem leben, was Warlords ihnen zum Leben lassen. Und von dem, was an Spenden von unserem Tisch fällt.
Du musst dorthin gehen, wo multinationale Firmen die Machthaber mit Millionen von Euros und Dollars schmieren. Und dennoch Milliardengewinne einfahren, weil die Erniedrigten und Armen Sklavenarbeit für sie verrichten. Und wir kaufen und nutzen, was sie fördern und herstellen.
Du musst an die Grenzen von Europa gehen. Dorthin, wo Zäune errichtet werden, um die Erniedrigten und Armen von dem Reichtum abzuhalten, der auch der deine ist. Und du siehst die Tausenden von Toten, die beim Versuch, die Zäune zu überwinden, sterben. Und hörst andere sagen: Selber schuld.

Du musst dorthin schauen. Wenn du offene Augen hast und ein waches Herz – dann muss Zorn dich packen. Heiliger Zorn auf die Schurken und Unterdrücker, auf alle, die Böses tun.
Und du spürst den zornigen Blick von Jesaja, der auch dich trifft, weil du Teil des Systems bist.
Vielleicht verstehst du dann den Zorn, der sagt: Ach, wären sie doch endlich weg, die Unterdrücker und Schurken. Kommt, lasst sie uns ausrotten, die Bösen.
Damit der Weg frei wird. Der Weg heraus aus Erniedrigung und Armut. Der Weg ins Paradies. Oder wenigstens in ein besseres, in ein menschenwürdiges Leben.

Für Jesaja beginnt der Weg hier. An dem Ort, wo Zorn und Traum zusammentreffen.
Wer sieht, dass die Gegenwart eine andere werden muss, der will aufbrechen. Und wer den Traum vom Paradies träumt, der kann aufbrechen. Er ist nicht allein.

Darum – so spricht der Herr zum Haus Jakob, / der Herr, der Abraham losgekauft hat:
Nun braucht sich Jakob nicht mehr zu schämen, / sein Gesicht muss nicht mehr erbleichen.
Wenn das Volk sieht, was meine Hände in seiner Mitte vollbringen, / wird es meinen Namen heilig halten. Es wird den Heiligen Jakobs als heilig verehren / und erschrecken vor Israels Gott.
Dann kommen die Verwirrten zur Einsicht / und wer aufsässig war, lässt sich belehren.
(Jesaja 29,22-24 - Einheitsübersetzung)

Wo Traum und Zorn zusammentreffen, ist Gott ganz nah. Da steht er. Mittendrin statt nur dabei.
Er stellt sich den Unterdrückern und Schurken in den Weg. Er hält dem ersten von ihnen einen Spiegel hin. Einen, der ihm das Gesicht so verzerrt, dass er sich nicht wiedererkennt.
Vielleicht ist noch etwas Menschliches in seinem Herzen übrig geblieben und er erschrickt. Vor dem Bild, das Gottes Spiegel ihm von sich zeigt: Eine Fratze aus Habgier und Verachtung, aus Berechnung und Zynismus.
Es ist nicht viel, was Gott den Unterdrückern und Schurken entgegenhalten kann. Aber womöglich ist der Spiegel ein Anfang. Einer, der ihren Blick auf sich selbst und die Welt, auf ihr Tun und die Erniedrigten und Armen verändert.

An ihre Seite, an die Seite der Armen und Erniedrigten, stellt sich Gott. Auch dem ersten von ihnen hält er seinen Spiegel hin. Und er schaut hinein und sieht sich, wie Gott ihn sieht.
Er sieht – einen Menschen. Einen Mensch, den Gott wunderbar geschaffen nach seinem Bild und den er beim eigenen Namen gerufen hat.
Das macht ihn nicht satt. Aber es macht ihn frei. Es macht ihn frei von dem Verdacht, er könnte selber schuld sein an seiner Lage. Nicht er verschuldet sie, sondern der Unterdrücker.
Es macht ihn frei, den Kopf zu heben. Wen er aufblickt, schaut er in das Angesicht Gottes, das über einem leuchtet. Das eigene Gesicht beginnt zu leuchten, erst von innen, dann auch so, dass andere es sehen können.
Wenn er aufblickt, schaut er dem Unterdrücker in die Augen. Er hält dessen Blick stand, bis auch der erkennt: Er ist ein Mensch.

Wenn er aufblickt, kann er bis zum Horizont schauen – dort, wo das Paradies liegt. Vielleicht wartet dort ein Garten. Viele große und kleine Bäume. Braune Stämme, grüne Kronen, rote Früchte. Ein Fluss, der sich durch Wiesen schlängelt.

Sonntag, 6. August 2017

Brot schmeckt nach Himmel

Er hatte ihnen doch das Blaue vom Himmel versprochen. Da war es doch ihr gutes Recht, das jetzt auch einzufordern.
Von Freiheit hatte er gesprochen. Davon, dass sie niemals mehr ihren Rücken krumm machen müssten. Weder vor dem fremden Herrscher. Noch für die Arbeit, die sie wider Willen verrichten mussten
Sie hatten zu träumen angefangen. Von blühenden Landschaften, in denen es allen besser gehen würde. Sie könnten gehen, wohin sie wollten. Sie könnten sagen, was sie dachten.
Milch und Honig würden fließen. So hatte er ihnen doch den Mund wässrig gemacht. La dolce vita, ein süßes Leben sollte auf sie warten. Wenn sie mit ihm aufbrächen und ihm folgten.

Als sollte er ihnen die Sterne vom Himmel holen. Diesen ewig unzufriedenen, murrenden Menschen.
Wenn sie satt waren, saßen sie träge da und kauten wieder und ließen sich durch nichts und niemanden stören. Aber wenn sie Hunger hatten, wonach auch immer, wurden sie böse.
Böse auf ihn. Er sollte ihren Hunger stillen. Sofort und auf der Stelle. Wenn er es doch könnte. Ein für allemal. Aber er konnte es nicht. Hatte es noch nie gekonnt.
Wann würden sie das endlich einsehen? Er war nicht das, was sie in ihm sahen. Alles, was er hatte, war, was sie hatten: leere Hände.
Das einzige, was ihn von ihnen vielleicht unterschied: Er wusste, die mussten sie hinhalten, die leeren Hände. Gott hinhalten. Er würde sie füllen.
Und Gott tat das. Wachteln und Manna fielen vom Himmel, ihnen geradewegs in die ausgestreckten leeren Hände. Sie füllten die knurrenden Mägen und brachten die murrenden Stimmen zum Schweigen.
Danach konnte er es ihnen noch so oft sagen: Nicht ich habe. Gott hat. Für sie war er es, der das Wunder tat. Er machte sie satt. Er holte ihnen Wachteln und Manna vom Himmel.

Wer vom Himmel sprach, der musste sich seitdem an ihm, an Mose, messen lassen. Wer ein großer Mann sein wollte, einer, dem man glaubte – der müsste einer sein wie Mose.

Einmal fragten die Leute Jesus: »Was ist das denn für ein Zeichen, das du vollbringst? Lass es uns sehen, dann glauben wir dir! Was wirst du also tun?
Damals in der Wüste haben unsere Vorfahren das Manna gegessen. In den Heiligen Schriften steht: ›Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.‹«
Darauf sagte Jesus zu den Leuten: »Amen, amen, das sage ich euch: Mose hat euch kein Brot vom Himmel gegeben. Sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
Denn das Brot Gottes ist der, der vom Himmel herabkommt und dieser Welt das Leben schenkt.«
Sie baten ihn: »Herr, gib uns immer von diesem Brot!«
Jesus entgegnete: »Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern. Und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.
Aber ich habe es euch ja schon gesagt: Obwohl ihr mich gesehen habt, glaubt ihr nicht.
(Johannesevangelium 6,30-36 -- www.basisbibel.de)

Da warten sie also wieder mal auf einen, der ihnen das Blaue vom Himmel verspricht. So einer wie Mose damals soll es sein.
Einer, der von Freiheit spricht und den Weg weiß, der dorthin führt. Der sie aufrichtet und ihnen den Rücken stärkt. Der von besseren Zeiten redet. Aber auch so, dass man denkt, sie wären schon längst angebrochen.
Und dann steht er vor ihnen und er spricht mit ihnen und sie reden mit ihm – und sie erkennen ihn nicht. Was sie sehen, öffnet ihnen nicht die Augen. Blind bleiben sie, als wären sie geblendet.
Vielleicht stehen sie zu nah an der Lichtquelle. Vielleicht musst du von weiter weg auf die Zeichen sehen, um zu erkennen, wohin sie zeigen.

Da feiern zwei eine Hochzeit und versprechen ihren Gästen ein rauschendes Fest. Doch Ernüchterung droht, der Wein reicht nicht. Der Kater kommt schon vor dem Rausch.
Aber fast nur. Jesus hilft ihnen aus. Sie füllen Wasser in Krüge und als sie von dem Wasser kosten, ist es Wein. Wein im Überfluss für ein wirklich rauschendes Fest.
Kein Wunder, sondern ein Zeichen. Nicht um den Wein geht es, sondern um den, er ihn gebracht hat. Um Jesus und das Fest, das da gefeiert wird, wo er ist.
Ein Zeichen: Wo er hinkommt, bringt er das Leben mit. In berauschender Fülle, die nicht enden will.

Da stehen zwölf Männer und bestimmt auch ein paar Frauen mit ein paar Broten und ein wenig Fisch vor 5.000 Menschen. Sie sollen sie satt machen und wissen: Das schaffen wir nie. Das geht nicht.
Und dann teilen sie aus und teilen aus und teilen aus. Am Ende sind 5.000 Menschen und bestimmt noch ein paar mehr satt geworden. Und es ist immer noch etwas da.
Kein Wunder, sondern ein Zeichen. Nicht um das Brot und den Fisch geht es, sondern um die Menschen, die satt werden. Um das, was sie bekommen, um ihren Hunger zu stillen.
Ein Zeichen: Wo Jesus hinkommt, wird der Hunger gestillt. Der Hunger nach Leben. Wo Jesus ist, ist Leben, das satt macht.

Und dann hängt er am Kreuz, von Schmerz und Tod gezeichnet. Und sagt, nein: flüstert: Es ist vollbracht.
Kein Wunder, sondern ein Zeichen, auch das. Nicht um Schuld und Gehorsam geht es und den Plan hinter allem. Sondern um das Leben, das er bringt. Auch und gerade dorthin, wo der Tod am sichtbarsten und am grausamsten ist.
Ein Zeichen: Seit Jesus am Kreuz stirbt, gibt es keinen Ort mehr, an dem das Leben nicht ist. Das Leben ist überall. Jesus trägt es bis ans Kreuz und in den Tod.

Jesus verspricht nicht das Blaue vom Himmel herab. Er holt nicht die Sterne vom Himmel. Anders, mehr: Er kommt selber vom Himmel und bringt das Leben.
Er sagt: "Das Brot Gottes ist der, der vom Himmel herabkommt und dieser Welt das Leben schenkt." Er sagt: "Ich bin das Brot des Lebens."
Und weiß doch: "Obwohl ihr mich gesehen habt, glaubt ihr nicht." Als hätten sie, als würden wir die Zeichen übersehen.

Vielleicht ist das die Aufgabe: Nach den Zeichen zu suchen. Nach den Zeichen, die auf die Fülle zeigen inmitten des Hungers – und inmitten des Todes auf das Leben.
Die Zeichen, die dich und mich inmitten dieser Welt darauf stoßen, wie nah Gott ist. Auf den Korb, den Gott uns auf den Tisch stellt, gefüllt mit dem Brot des Lebens.

Da bist du gerade umgezogen und wühlst in deinen Kartons und weißt noch gar nicht, ob die Seele schon da ist, wo du jetzt bist.
Und du denkst an deine Freunde und deine Freunde denken an dich und sind auf einmal bei dir mit einem großen Topf Suppe und duftendem Brot und sagen: Wir wollten Einweihung feiern.
Und dann packt ihr erst noch drei Kisten aus und macht dann eine Flasche Sekt auf und die Suppe warm und brecht von dem Brot ab.

Da klingelt einer an deiner Tür und bettelt um etwas Geld für den Bus. Du willst die Tür eigentlich zumachen und ihn wegschicken. Aber du öffnest sie weit und bittest ihn herein.
Du schmierst ihm zwei Scheiben Brot und setzt dich mit ihm an den Tisch und er erzählt dir seine Geschichte, die vielleicht wahr ist. Am Ende seufzt er und sagt: „Das tat gut!“, und: „Gott segne dich!“, und geht.

Da nimmst du dir ein Stückchen von dem Brot und gehst zur alten Nachbarin. Die liegt in ihrem Bett, satt an Leben und schwach an Kraft. Sie will sterben und hat Angst davor.
Und du setzt dich einen Augenblick nur an ihr Bett und hältst ihre Hand und murmelst ein Vaterunser und wünschst ihr viel Kraft und sagst: Ich komme morgen wieder.

Das ist alles nicht der Himmel, noch nicht der Himmel. Aber ein wenig danach schmeckt es, das Stück Brot des Lebens.