Samstag, 15. April 2017

Das Ende der Sackgasse

I

Wir stehen am Ende des Weges. Vor uns richtet sich das Kreuz auf – das tödliche Ende einer Sackgasse. Von hier aus geht es nicht mehr weiter.
Es ist der Weg Jesu, der hier und heute endet. Wir sehen auf sein grausames Ende. Wir sehen auf den Schmerzensmann – die Figur, die im Fuß des Altaraufsatzes sitzt.
Sie zeigt Jesus, wie er nie zu sehen war und wir uns ihn doch vorstellen und anschauen sollen. Ganz ruhig und aufrecht sitzt er da. Die Augen sind geschlossen. Die Hände hat er flach auf die Knie gelegt.
Dabei müsste er doch schreien. In der Brust klafft die Wunde die ihm die Soldaten mit der Lanze stechen. Hände und Füße sind von den Nagelmalen gezeichnet. Die Dornenkrone windet sich um den Kopf.
Er müsste doch schreien. Die Wunden schneiden doch ins Fleisch. Das Gefühl, verlassen und verraten zu sein, schneidet doch ins Herz.
Aber er sitzt dort ruhig und aufrecht. Vielleicht damit der, der ihn anschaut, statt seiner anfängt den Schmerz zu fühlen und aufzuschreien.
Das ist doch zum Schreien: So viele Geschichten erzählen davon, wie Jesus Menschen auf neue Wege half. Manchen öffnete er die Augen, andere stellte er auf eigene Beine. Wieder anderen wies er ganz neue Wege. Und alle fanden sie zum Leben.
Aber Jesus selber kann sich nicht helfen und will sich nicht helfen lassen. Er geht den Weg, der ihn ins Verderben führt.
Der Schmerzensmann zeigt noch nicht einmal ein Spur von Zögern oder Angst. Ruhig geht er, bis sich das Kreuz vor ihm aufrichtet – das tödliche Ende einer Sackgasse.

II

Wir stehen am Ende dieses Weges. Es ist auch das Ende des Weges, den Gott mit den Menschen geht.
Jesus stellte die letzte Hoffnung Gottes für seine Menschen dar. Er versuchte, den Menschen das Leben und die Liebe zu zeigen, die in Gottes Geboten steckten. Die Menschen, so scheint es, hatten das ganz vergessen.
Die Gebote, das waren für sie kalte Vorschriften. Manchmal bogen sie die so hin, dass sie von Liebe völlig entleert waren. Und dann wieder machten sie die so starr, dass sie alles Leben erstickten.
Jesus aber wollte zum Leben befreien. Dadurch, dass er den Menschen klar machte: Euer Leben kommt aus Gott. Baut euer Leben auf Gott.
Jesus wollte zur Liebe befreien. Dadurch, dass er den Menschen zeigte: Leben könnt ihr nur mit anderen Menschen gemeinsam. Schaut auf die Menschen an eurer Seite.
Aber Jesus scheitert. Mit ihm scheitert auch Gott. Die Liebe und das Leben, die er für die Menschen will – Menschen sprechen das Todesurteil über sie und nageln sie ans Kreuz.
Damit stirbt auch die letzte Hoffnung der Menschen. Nun sitzen die Menschen fest. Sie sind Gefangene des Todes. Wer auf sein Leben schaut, muss unweigerlich auf seinen Tod schauen.
Der sagt: „Dein Leben ist nichts, ich aber, dein Tod, ich bin alles.“ Der Tod macht Angst. Und Angst macht Wut. Und Wut macht Gewalt.
So sind die Menschen auch Gefangene der Gewalt. Sie wehren sich mit aller Gewalt gegen ihren Tod. Aber gerade damit gehen sie ihm in die Falle.
Sie schwingen sich auf zum Herrn über Leben und Tod. Sie tun anderen Gewalt an, um selber keine zu erleiden. Sie bringen anderen Tod, um dem eigenen Tod zu entfliehen.
Welch ein Irrsinn. Sie schaffen das, wovor sie doch am meisten Angst haben. Gewalt und Tod fallen auf sie zurück. Und am Ende stehen auch sie am Ende der Sackgasse.

III

Es ist also das Ende des Weges, an dem wir angelangt sind. Aber vielleicht tut sich doch noch eine kleine Öffnung auf, ein kleiner Durchschlupf am Ende der Sackgasse.
Was, wenn dieser Tod am Kreuz nicht das Ende, sondern der Anfang ist? Was, wenn der Tod an sich nicht das Ende, sondern ein Beginn ist?

So sagt es der Hebräerbrief:
Christus ist der Vermittler eines neuen Bundes. Der Eintritt seines Todes bedeutet für uns die Erlösung von den Übertretungen aus der Zeit des ersten Bundes. Dadurch können alle, die berufen sind, das versprochene ewige Erbe erhalten.
(Hebräerbrief 9,15)

Jesus stirbt am Ende seines Weges. Es sieht aus, als würden Tod und Gewalt siegen, als hätte Jesus, als hätte Gott ihnen nichts entgegen zu setzen.
Aber dieser Tod am Kreuz ist keiner, der sich spurlos im Nichts verliert. Jesu Tod hinterlässt Spuren in dieser Welt. Er hinterlässt Spuren bei den Menschen und bei Gott. Er knüpft ein neues Band zwischen Gott und den Menschen.
Dort, am Ende der Sackgasse, am Kreuz, kommt Gott dem Menschen so nah wie noch nie zuvor. Gott kommt dem Menschen so nah, dass wir den Schmerz in seinen Augen sehen können.
Wir sehen den Schmerzensmann an und seine Wunden – und sehen die Wunden, die Menschen einander schlagen. Wir sehen, wie Gott an dem leidet, was Menschen einander antun.
Wir sehen, wie Gott mit geschlossenen Augen aushält, wie blindwütig Menschen das Leben vernichten. Gott, so wirkt es, tut nichts. Gar nichts. Der Schmerzensmann sitzt ruhig da, die Hände im Schoß.
Jesus steigt nicht vom Kreuz herunter. Er schlägt nicht mit seiner Allmacht zu. Er überlässt Tod und Gewalt das Feld. Als wäre er ohnmächtig.
Aber gerade darin verbindet sich Gott wieder und neu mit den Menschen: Gott trägt das Leiden. Er erträgt das Leid. Gott erduldet die Gottesferne. Gott duldet den Tod.
Dort, wo wir Gott nicht mehr sehen, wo wir fragen: „Wo ist Gott?“ – genau dort ist jetzt auch Gott. Weil er sich Tod und Gewalt aussetzt, sich ihnen unterwirft, in sie hineingeht.
Menschen wollen dem Tod entfliehen – und bringen einander den Tod. Gott geht in den Tod und hält ihm stand – und bringt Leben.

IV

Wir stehen also am Ende des Weges – und sehen, wie sich ein neuer Weg auftut. Am Kreuz gibt es nichts mehr, was Gott und Menschen trennt.
Tod und Gewalt können die Menschen nicht mehr von Gott trennen – weil Gott selber sie erduldet und erleidet und erträgt. Gott ist dir selbst in der größten Gottesferne noch nah.

Damit wendet sich die Zeit. So sagt es der Hebräerbrief:
Jetzt, am Ende der Zeiten, ist Christus ein einziges Mal erschienen. Und durch sein Opfer hat er die Sünde aufgehoben. Wenn er das zweite Mal erscheint, geschieht das nicht wegen der Sünde. Sondern es geschieht, um alle zu retten, die auf ihn warten.
(Hebräerbrief 9,26b-28)

Die Zeit wendet sich – und hinter dem Kreuz tut sich ein Weg auf. Am Ende der Sackgasse geht es doch weiter.
Dort am Kreuz hebt Gott die Gottesferne auf. Wo ich auch stehe im Leben – es gibt keinen Ort mehr, an dem ich Gott fern bin.
Wo du auch stehst im Leben – an jedem Ort kommt Gott dir nah. Und deshalb ist neues Leben möglich. Und deshalb kann die Angst vor dem Tod schwinden.
Natürlich: Der Tod ist weiter in der Welt und setzt dem Leben seine Grenzen. Die Gewalt zieht weiter ihre Schneisen durch die Welt und schlägt jedem einzelnen Leben Wunden.
Tod und Gewalt haben sich nicht verändert. Aber mein Blick auf sie kann sich verändern.
Ich kann die Grenze annehmen, die der Tod meinem Leben zieht. Weil Christus ihn für jede und jeden von uns getragen hat. Keiner stirbt sich mehr allein. Gott ist auch im Tod bei dir.
Ich kann die Augen öffnen für die Gewalt um mich herum. Weil Christus sie für jede und jeden von uns erlitten hat. Die Gewalt ist weniger zwangsläufig geworden, weil wir ihr nicht mehr wehrlos ausgesetzt sind.
Der wehrlose Christus am Kreuz gibt Kraft, die erhobene Hand zu senken und die andere Wange hinzuhalten.

V

Am Ende des Weges beginnt die Hoffnung. Ich will hoffen, dass – wo und wann Gott will – gar kein Tod und gar keine Gewalt mehr in Menschenleben und in der Welt sind.
Der Tag wird kommen, an dem für Tod und Gewalt kein Platz mehr auf der Welt ist, weil Leben und Liebe alles ausfüllen.
Der Tag wird kommen, an dem alle Wege in die Liebe und zum Leben führen.
Das macht das Kreuz zu einem Hoffnungszeichen. Am Ende der Sackgasse wartet das Leben. Gottes Weg geht weiter.

Montag, 27. März 2017

Das Haus am See

Früher wart ihr Teil der Dunkelheit. Aber jetzt seid ihr Teil des Lichts, denn ihr gehört zum Herrn. Führt also euer Leben wie Menschen, die zum Licht gehören! Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.  
(Epheser 5,8-9 -- www.basisbibel.de)

Andrea zum Beispiel. Sie öffnet an diesem Morgen im kleinen Haus am See die Fensterläden. Sonnenlicht stürzt in das Zimmer wie Wasser durch einen gebrochenen Deich.
Sie hält eine Hand vor die Augen. Geblendet, weil es so plötzlich so hell ist. Sie nimmt die Hand weg und blinzelt mit einem Lächeln in die Morgensonne. Sie wärmt schon.
Das Licht vertreibt das Dunkel. An diesem Morgen schluckt die Sonne die Nacht in ihrem Zimmer. Jeden Morgen und jeden Abend drängt das Licht das Dunkel ein wenig weiter zurück.
Ein Bild auch für ihr Leben? Hat sie die Dunkelheit gegen das Licht eingetauscht?
Früher, was noch gar nicht so lange her ist, verlor sie sich fast im Dunkeln. Mit einem Mal war das Licht ausgegangen, als sie dahinter kam, dass Thomas sie betrog. Kurzschluss, Sicherung raus. Vertrauen erloschen. Sie saß im Dunkeln.
Sie hasste erst die andere, die sie gar nicht kannte. Wie die sich einfach den nahm, der ihr nicht zustand.
Sie hasste dann ihn für seinen Verrat. Wie er sie so hintergehen konnte. Und sagte, dass habe mit ihnen beiden nichts zu tun. Mit wem sonst?
Sie hasste schließlich sich selber. Dafür, dass er sie so verletzen konnte. Dass sie nicht stärker war und über ihn lachte. Sollte er doch machen, was er wollte.
Der Hass machte ihre Tage dunkel. Wenn sie zu müde war, um zu hassen, verlor sie sich im Selbstmitleid. Das machte das Dunkel noch finsterer.
Eines Tages hielt sie es nicht mehr aus. Sie packte ein paar Sachen und fuhr los. Sie fand das Haus, irgendwo an einem See. Jeden Tag lief sie um diesen See. Der Kopf wurde leerer, der Hass verrauchte, das Herz schlug langsamer.
Eine Freundin kam zu Besuch. Wollte nichts wissen. Gab keine Ratschläge. Ging nur mit ihr um den See. Trank ein Glas Rotwein an ihrer Seite.
Am letzten Abend schauten sie sich an. Wunderbar, sagte die Freundin. Ja, es ist schön hier am See, antwortete sie. Darauf die Freundin: Du bist wunderbar. Gott hat dich genau richtig gemacht. Hat dir das schon mal jemand gesagt?
Die Freundin reiste ab. Ihre Worte blieben. Wunderbar gemacht. Von Gott. Sie.
Sie spürte die Sonne auf der Haut. Sie sah das Licht hinter sich im Zimmer tanzen. Sie wollte so leben. In diesem Licht. Wunderbar gemacht. Von Gott. Sie.
Sie ahnte: Dieses Licht wärmte. Aber es machte auch sichtbar. Jetzt, da die Sonne im Zimmer war, sah sie die Spinnweben an der Decke und den Staub auf dem Schrank. Auch die in ihrem Leben.
Wunderbar gemacht. Das hieß nicht: Alles ist okay. Das hieß: Fang etwas an mit dem Wunderbaren.
Es war Zeit, ihre Sachen zu packen. Sie konnte das Haus am See verlassen und zurückkehren und den Alltag wieder aufnehmen. Das Licht würde sie mitnehmen, hinein in diesen Alltag.
Sie sah ihn vor sich, den Alltag im neuen Licht. Ob er so werden würde, wusste sie nicht. Aber sie wollte es versuchen, ernsthaft versuchen.
Ehrlich würde sie mit sich sein. Die Tasche zunähen, in die sie sich immer log. Stattdessen auf den Spiegel hören, der ihr sagte, dass sie nicht die Schönste war.
Sie würde sich den Weg verstellen, auf dem sie vor sich selber weglaufen wollte und den kleinen fiesen Wahrheiten. Eine neben die andere würde sie vor sich hinstellen. Was sie ändern konnte, würde sie ändern. Was nicht, würde sie annehmen.
Anderen wollte sie gerecht werden. Sie mit wachen Augen ansehen und ihnen mit offenen Ohren zuhören. Nicht sich einfach ihren Teil denken, sondern nachfragen, wenn sie etwas nicht verstand. Zeit wollte sie sich nehmen für mehr als einen ersten Eindruck.
Was zu klären war, wollte sie klären. Was zu vergeben war, vergeben. Und was dennoch zwischen ihr und anderen blieb, sollte nicht trennen.
Weit wollte sie ihr Herz öffnen. So weit wie die Fensterläden an diesem Morgen. Damit das Licht hereinströmen konnte.
In diesem Licht wollte sie auch die anderen sehen. Sie wollte in ihnen das sehen, was ihre Freundin in ihr entdeckt hatte: Wunderbar bist du gemacht. Von Gott. Du stehst in seinem Licht.
Das Licht Gottes. Es brachte jeden Menschen zum Leuchten. Und jeder Mensch konnte es zum Leuchten bringen. Sie wollte es versuchen.

Beim Geld fängt die Liebe an

Nehmt euch also Gott zum Vorbild! Ihr seid doch seine Kinder, denen er seine Liebe schenkt. Und führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist. 
(Epheser 5,1-2 -- www.basisbibel.de)

Zachäus zum Beispiel. Er versucht ein liebevoller Zöllner zu sein. Obwohl er selber weiß, wie unmöglich das klingt.
Zöllner sein und liebevoll handeln, das schließt sich aus. Sagen die Oberen, von denen die Zollvorschriften kommen.
Die machen die Regeln und die Gesetze. Die setzen die Abgaben fest. Die warten auf die Einnahmen. Dass die fließen und die Regeln für alle gelten, dafür soll er gerade stehen.
Zöllner sein und liebevoll handeln, das ist doch ein schlechter Witz. Das sagen die, die vor seiner Zollstation stehen.
Wenn er in der Ladung auf ihrem Wagen stöbert und den Zoll festsetzt. Wenn ihre Münzen in seinem Lederbeutel klimpern.
Bei Geld hört die Liebe auf, sagt man. Aber kann man das nicht auch andersherum sehen?, fragt er sich. Kann man nicht sagen: Beim Geld fängt die Liebe an!?

Er weiß noch genau, wann die Liebe anfing. Da saß er erst allein auf einem Baum und dann mit ungeladenen Gästen an seinem Tisch.
Dass er überhaupt auf diesen Baum geklettert war, das hatte damit zu tun, dass beim Geld die Liebe aufhört.
Er wollte ihn auch sehen, diesen Mann, der durch ihre Stadt zog. Von dem sie alle möglichen und unmöglichen Wunder erzählten.
Aber die anderen ließen ihn nicht. Wo er auch hinkam, schubsten sie ihn weg.
Es reichte, dass sie ihm ihre Münzen für den Zoll gaben. Ansonsten wollten sie mit ihm nichts zu tun haben. Also kletterte er auf den Baum.
Da saß er auf dem absteigenden Ast. Der Steuereintreiber, den keiner mochte. Eine Witzfigur, die den letzten Rest der Würde verlor, die sie noch besaß.
Aber er sah den Mann, Jesus. Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Unter seinem Baum blieb er stehen. Zachäus beugte sich nach vorn. Es knackte in den Ästen.
Da schaute Jesus nach oben und ihn an. „Steig herunter. Ich muss heute dein Gast sein.“
Dann saßen sie in seiner Zollstation an seinem Tisch. Eng gedrängt. Er, Jesus, seine Begleiter, Neugierige, die einfach mitkamen.
Aber für ihn war es, als seien sie beide allein. Als hätte Jesus nur Augen für ihn. Als sei er nur seinetwegen da. Keine Worte, nur Nähe. Ein Blick, der ihn sah.
Da fing die Liebe an, traf sie ihn. Womöglich ersehnt und erwartet, bestimmt plötzlich und überraschend.
Schneller als sein Kopf war sein Herz und legte ihm Worte auf die Zunge. „Die Hälfte von meinem Besitz werde ich den Armen geben.“ Da fing sie an, die Liebe, beim Geld.

Der Kopf kam dem Herz kaum nach. Er schüttelte ihn über sich selber, als die Gäste wieder weg waren und das Haus leer. Als er wieder über den Zoll- und Steuerlisten saß.
Aber das Herz war hartnäckig, die Liebe hatte sich in ihm festgesetzt. Er hatte sein Geld gezählt und die Hälfte genommen und sie verteilt.
An die Witwe, die drei Straßen weiter wohnte. Den blinden Bettler, der vor dem Stadttor saß. Die Witwe hatte gedacht, er wolle sie kaufen. Und der Bettler hatte ihn mit seinen toten Augen erstaunt angesehen.
Wer verschenkt Geld, ohne etwas dafür zu erwarten? Wer gibt Liebe, ohne etwas dafür zu wollen? Do ut des, sagten die Römer. Ich gebe dir, damit du mir gibst.
Aber er wollte wirklich nichts. Er brauchte nichts. Er hatte schon genug. Ein Blick nur. Aber so viel mehr als alles, was er vorher eingenommen hatte.
Er gab nur weiter, was er empfangen hatte. Mit Liebe, hatte er gelernt, mit Liebe kannst du nicht handeln. Liebe kannst du dir nicht erwerben. Die Liebe, die dir fehlt, die bekommst du geschenkt. Und die Liebe, die du hast, die musst du verschenken.

Das versucht er jetzt, als liebevoller Zöllner. Obwohl beim Geld die Liebe aufhört, versucht er sie beim Geld durchzuhalten.
Er hält das Misstrauen aus, dass ihm die Oberen entgegenbringen. Und er hält das Misstrauen aus, mit dem er an seiner Zollstation beäugt wird.
Immer hat er die Vorschriften in der Hand. Immer führt er genau Buch. Aber merkwürdig: Je offener er das tut, desto größer wird das Misstrauen. Wer so mit offenen Karten spielt, muss ein As im Ärmel haben.
Aber er tut es nur, damit alle wissen: Nichts landet in seiner Tasche. Außer dem, was dort hingehört. Und von dem gibt er regelmäßig die Hälfte weiter. An die Witwe, an den Bettler.
Es geht. Beim Geld fängt die Liebe an.

Montag, 13. März 2017

Ein Augenblick

Es war einmal irgendwo eine Kirchengemeinde, der ging es schon einmal besser. Vor gar nicht allzu langer Zeit waren die Kirche sonntags voll und die Gottesdienste fröhlich. Irgendwann aber verlor sich nur noch ein trostloses Häuflein in der viel zu großen Kirche und sang ganz zaghaft.
Da kam eines sonntags ein Fremder vorbei. Er schaute sich alle einzeln an, die verloren in den Kirchenbänken saßen. Schließlich sagte er: „Einer von euch ist der Messias – verkleidet – und ihr merkt es nicht.“
Als er das gesagt hatte, drehte er sich um und verließ die Kirche. Die Menschen blieben ohne ihn zurück und schauten sich um. Einer von denen ist also der Messias. Der Mensch, in dem Gott zu ihnen kommt. Aber wer?
Vielleicht die Frau, die immer auf den letzten Drücker zu ihrem Platz schleicht? Oder die Konfirmanden, die tuscheln, statt zu singen?
Der Küster womöglich, der ist ja schließlich immer da und oft genug mit Gott allein in der Kirche. Oder die Organistin, die manchmal so spielt, als wären die Stücke nicht von dieser Welt.
Aber wahrscheinlich doch eher einer von den Urlaubern. Die kennt man ja nicht. In denen könnte sich am ehesten der Messias unerkannt verstecken.
Da saßen die Leute also in ihren Kirchenbänken und schauten sich um. Und jeder, den sie anschauten, verwandelte sich unter ihren Blicken.
Er verlor die Gesichtszüge, die ihn sonst auszeichneten. Die Spuren der Woche, die dort für gewöhnlich zu sehen waren, verwischhen. Die Sorgenfalten glätteten sich. Die Sonntagmorgenmüdigkeit verschwand.
Die Gesichter begannen zu leuchten. Lachte aus ihren Mundwinkeln einem nicht die Lebensfreude entgegen? Sagten seine freundlichen Blicke nicht: Gut, dass ausgerechnet du heute Morgen da bist?
Ja, du könntest der Messias sein. Und selbst, wenn du es nicht bist: In deinem Gesicht kann ich etwas entdecken, das mehr ist, als du bist. Ich schaue dich an und ich sehe: Wir sind nicht allein. Da ist immer einer, der dich anschaut. Freundlich, segensreich.

Heute ist der Abschluss der InselBibelWoche. An drei Abenden kamen wir zusammen. Jeweils ein Dutzend Menschen saß erst an einem Tisch und aß gemeinsam. Und wechselte dann in einen Kreis, um aus einer Bibelgeschichte und voneinander etwas zu lernen über den Glauben.
„Bist du es?“ So lautete die Frage, die uns begleitet hat.
Am ersten Abend hier in Nieblum war das die Frage, die Johannes der Täufer an Jesus stellen lässt. Bist du es, der kommen soll – oder müssen wir auf einen anderen warten?
Jesus antwortet auf diese Frage weder mit Ja noch mit Nein. Sondern: Sagt weiter, was ihr hört und seht: Lahme gehen, Blinde sehen, Taube hören, Aussätzige werden rein. Hier ist einer, der seinen Segen ausschüttet über Menschen.
Und wir haben das getan: Von dem Segen erzählt, den wir erfahren haben. Wie eine getröstet wurde, wo sie doch eigentlich untröstlich war. Wie einer eine Last von der Schulter genommen wurde, von der sie dachte, die müsste sie alleine tragen.
Der zweite Abend in Süderende knüpfte beim Segen an: Selig seid ihr – so fängt Jesus seine Bergpredigt an. Selig seid ihr, auch wenn euer Leben gar nicht danach aussieht.
Wir haben uns gefragt, ob das eine Vertröstung ist oder ein Trost. Und wussten wieder zu erzählen von Augenblicken, in denen sich das Herz weitet vor Lebensglück und wir uns überreich beschenkt fühlen. Was für ein Trost.'
Wohl wissend, dass es nur Augenblicke sind, in denen wir selig sind. Wir können sie nicht festhalten. Aber die Fülle, die in ihnen steckt, nährt die Hoffnung: So ein Zustand der Gnade kommt wieder.
Um solch einen Augenblick ging es am dritten Abend in Wyk. Petrus steht im schwankenden Boot und sieht Jesus auf dem Wasser und fragt: Bist du es? Komm!, antwortet Jesus. Und Petrus steigt aus dem Boot und geht über das Wasser auf ihn zu.
Nur ein Augenblick. Aber einer, der sich endlos dehnt. Weil das Leben trägt, weil der Glaube trägt. Ein Gefühl, als ginge ich über Wasser.
Wir haben den Ort gesucht, an dem wir in dieser Geschichte stehen. Am sicheren Ufer? Im schwankenden Boot? Oder mitten auf dem Wasser, Schritt für Schritt auf Jesus zu? Bist du es, der mich hält?

Wer bei allen drei Abend dabei ist, hatten wir vorher etwas waghalsig angekündigt, entdeckt einen roten Faden. Für mich habe ich einen gefunden. In der Frage, die Johannes und Petrus stellen: Bist du es, Jesus?
'Erstaunlich, dass die beiden das fragen. Sie sollten es doch eigentlich wissen. Der Vorläufer Johannes, der Jesus getauft hat. Und der Nachfolger Petrus, den Jesus zu seinem Stellvertreter gemacht hat.
Aber sie wussten es nicht. Sie mussten nachfragen. Oder anders: Sie wussten es wohl. Aber sie mussten es noch einmal erfahren. Und noch einmal. Und noch einmal.
Darin fühle ich mich ihnen nah. Ich glaube – und das heißt: ich bin überzeugt und ich vertraue. Aber ich kann nicht einfach so glauben. Ich brauche gute Gründe.
Ich brauche Augenblicke, die mich glauben machen. Augenblicke, die ich erlebe und von denen ich danach erzählen kann.
Vielleicht war sogar das der eigentliche rote Faden der InselBibelWoche: Dass wir genau das getan haben – uns von unserem Glauben zu erzählen und von den Augenblicken, die ihn ausmachen. Von den Augenblicken, in denen es die Antwort gibt auf die Frage: „Bist du es, Jesus?“

Wie diese Augenblick aussehen und wo wir sie finden – dafür legt Jesus noch eine ganz andere Spur.
Ihr wisst es doch längst, sagt er: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben. Ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.“ (Matthäusevangelium 25, 35 – Lutherbibel 2017)
Die Spur, die Jesus legt, führt von ihm weg. Sie führt weg von den heiligen Augenblicken, in denen wir in der Kirche oder im Watt oder in der Marsch mit Gott und uns allein sind.
Sie führt weg vom Gebet und der Zwiesprache mit Gott. Als ginge es gar nicht um Gott, wenn es um Gott geht. Als würden wir Jesus gar nicht finden, wenn wir ihn suchen.
Jesu Antwort führt zum Nächsten. Zum Menschen neben dir, neben mir. Als müssten wir ihn gar nicht erst lange suchen. Weder den anderen noch Jesus.
Als müssten wir nur die Augen öffnen und den Kopf heben und dem ersten Menschen ins Angesicht schauen, der uns begegnet. Und schon sehen wir ihn. Den anderen. Und Jesus.
Wenn wir ihn sehen. Dass wir es tun, daran entscheidet sich, ob wir Menschen sind. Daran entscheidet sich auch, ob wir Gott hineinlassen in unser Leben.
Es geht um den Augenblick. Den kurzen Augenblick, in dem sich die Blicke treffen, vom anderen und von mir.

Die Mutter ist gestorben. Nach einem erfüllten Leben, am Ende einer Demenz, als er und alle Kinder an ihrem Sterbebett versammelt waren. Ein Tod, auf den seine Mutter gewartet hat und mit dem auch er einverstanden ist.
Die Trauer macht das nicht kleiner. Eine Geschichte ist zu Ende gegangen. Jetzt gibt es nur noch Erinnerung. Das muss ich ihr erzählen, fängt der Gedanke an und bricht jäh ab. Sie ist ja nicht mehr da.
Sie liegt in dem Sarg, hinter dem er jetzt aus der Kirche zieht. Zwischen den voll besetzten Kirchenbänken hindurch. Das halbe Dorf ist gekommen, weil es sich gehört. Die Freunde, weil es ihnen wichtig ist.
Er hebt den Blick vom Sarg auf. Er sucht nach den Gesichtern der Menschen, an denen er vorbei zieht. Leere Blicke, starr auf den Boden gerichtet. Als wäre da kein Sarg. Als ginge er gar nicht vorbei.
Da: Ein Augenpaar, das ihn anschaut. Er sieht, wie es feucht glänzt. Er sieht das leise Lächeln. Er spürt, wie eine Träne durch sein Gesicht läuft und es sich kurz entspannt.
Ein Augenblick nur. Aber er weiß: Der andere hat mich gesehen. Er teilt mein Leid, auch wenn es nicht seines ist. Er schenkt mir Trost. Er schenkt mir einen freundlichen Blick.

Senke ich den Blick, wende ich ihn ab? Überlasse ich den anderen sich selber? Oder halte ich dem Blick stand?  Erwidere ich seinen Blick? Und andersherum: Öffne ich mich für den Blick des anderen? Lasse ich ihn hineinschauen in mein Leben, in meine Seele? Schaue ich ihn an und zeige ihm, wie es mir geht?
Wenn sich die Blicke treffen, ereignet sich ein Augenblick. Ein gefüllter Augenblick, der verbindet. Zwei Menschen, die sich einander anvertrauen.
Ganz ohne Worte womöglich. Nur über einen Blick, der sagt: So geht es mir. Und einen Blick, der antwortet: Ich sehe dich. Wo die Blicke sich treffen, ereignet sich der Augenblick.
Eine gefüllte Zeit, in der die, die sich anschauen und sehen, zu dritt sind.
Die Augen Jesu, die mir aus den Augen des anderen entgegen blicken. Ein Blick, der mich anlächelt. Mich versteht. Mich annimmt. Mir Mut macht. Mich segnet.
Die Augen Jesu, mit denen ich den anderen anschaue. Ein Blick, der in dem anderen einen sieht, dem Gott sich zuwendet. Auf dem Gottes Segen ruht wie mein Blick. Leicht und freundlich.
Zwei Blicke, die einander anschauen und mehr sehen und mehr zeigen als sich selber.
Bist du es?, fragen sie. Der andere ist der Messias, sagen sie: Was ihr für einen eurer Brüder oder eine eurer Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für ihn getan.

Montag, 6. Februar 2017

Gott ist so frei

Am Anfang war die Neugier:

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.

(2. Mose 3,1-3 -- Lutherbibel 2017)

Am Anfang war die Neugier. Mose ist neugierig. Er will sehen, was da geschieht. Auch wenn er womöglich seinen Augen nicht traut: Ein Dornbusch, der in Flammen steht und nicht verbrennt. Was verbirgt sich dahinter?
Am Anfang war die Neugier. Sie war neugierig. Sie wollte wissen, was da geschieht. Sonntag für Sonntag läuteten die Glocken. Viele Menschen gingen hinein in das Haus. Was sie dort machten, hieß Gottesdienst. Aber was war das?

Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.
Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

(2. Mose 3,4-7.10 -- Lutherbibel 2017)

Mose geht hin zum Dornbusch. Er findet heraus, was es damit auf sich hat. Mehr noch: Er wird ergriffen. Gott greift nach ihm. Er greift hinein in sein Leben. Geh zu meinem Volk. Ich gehe mit dir. Und Mose?
Sie geht hin, am nächsten Sonntag, als wieder die Glocken läuten. Sie setzt sich zu den Leuten in die Kirche. Sie hört die fremden Melodien und die fremden Worte. Sie betet. Sie wird ergriffen. Gott greift hinein in ihr Leben. Vertraue mir. Ich gehe mit dir. Und sie?

Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?
Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

(2. Mose 3,13-14 -- Lutherbibel 2017)

Mose tritt wieder einen Schritt zurück: Ich sehe den Dornbusch. Ich höre Gott. Aber wenn ich davon erzähle: Wer wird mir glauben, was ich sehe und er nicht sieht? Wer wird dem Glauben schenken, den ich gehört habe und er nicht hört?
Sie tritt vor die Kirche: Ich habe die Melodien gehört und die Worte. Ich habe gebetet, mit dem barmherzigen Gott gesprochen. Welch merkwürdig schönes Wort: barmherzig. Was soll ich davon zuhause erzählen? Wer wird mir glauben? Wer wird mir Glauben schenken?

Am Anfang des Glaubens steht ein heiliger Augenblick. Manchmal ist es ein brennender Dornbusch. Oft ist es sehr viel bescheidener, alltäglicher.
Du bist das erste Mal in einer Kirche. Einfach nur so, mal schauen. Aber du kannst die Stille hören und das, was die Menschen hier über Jahrhunderte getröstet hat und froh gestimmt hat und glücklich gemacht hat.
Oder du gehst unter der Weite des Sternenhimmels spazieren, die Schritte knirschen im Schnee, und du weißt: Du bist aufgehoben und hast deinen Platz in dieser weiten Welt.
Oder du kniest vor dem Altar und spürst die Hände auf dem Kopf, die dich segnen, und eine Kraft rieselt dir über den Rücken und du weißt: Gott ist bei dir, du lebst in seinem Segen.
Aber was sollst du, kannst du anderen davon erzählen? Wer wird dir glauben? Wer wird dir Glauben schenken?

Wenn ich von der Wahrheit erzähle, die mein Leben ausmacht, begebe ich mich in Gefahr. Ich setze mich den anderen aus. Was, wenn sie lachen: Du spinnst, Gott gibt es nicht!?
Ich setze mich mir selber aus. Was ich erlebt habe, war so einmalig – wenn ich davon erzähle, klingt es so banal und schal. War da was?
Halte ich das aus, mich und die Wahrheit, die mein Leben ausmacht, so aufs Spiel zu setzen?
Am Ende könnte ich mich getäuscht haben: Da waren kein brennender Dornbusch, keine Sterne, kein Segen. Alles nur eingebildet?!
Also schweige ich lieber von der Wahrheit, die mein Leben ausmacht. Ich verberge sie tief in mir selbst hinter einer Tür mit sieben Schlössern. Nur hin und wieder gehe ich sie dort heimlich besuchen.

Andere Menschen schreien ihre Wahrheit laut heraus. Um ihre eigenen Zweifel zu übertönen. Mit jeder Frage, die andere ihnen stellen, werden sie lauter.
Man sagt, jeder Glaube, jede Religion stehe in der Gefahr, diesen Weg zu gehen. Am Anfang stehen die Neugier und der heilige Augenblick: Gott ist da und Gott ist nah.
Der Augenblick vergeht. Was bleibt und immer wieder hervorgeholt wird, ist die Erinnerung. Von ihr wird erzählt. Jedes Mal ein wenig anders, aber doch auch gleich.
Irgendwann schreibt einer auf, was erinnert werden soll – und zwar genau so. Als würde einer den heiligen Augenblick auf Papier bannen, damit er nicht wegläuft.
Das Papier wird immer dicker. Glaubenssatz wird unablässig an Glaubenssatz gefügt. Einen ganzes Haus entsteht auf diese Weise: So müsst ihr glauben und nicht anders. Das Haus wird dem Glauben zum Gefängnis.
Irgendwann geht es nur noch um die Macht. Es geht nicht mehr um den heiligen Augenblick, nicht mehr um Gott. Es geht nur noch darum, dass der andere sich unterwirft.
Die Wahrheit, die das Leben ausmacht, ist da längst in dem Gefängnis verkümmert, in das sie eingesperrt wurde. Und mit ihr ist das Vertrauen gestorben, dass es überhaupt eine Wahrheit geben könnte, die das Leben trägt.

Wer wird mir glauben? Wer wird mir Glauben schenken? Mose stellt die Frage Gott. Und Gott verrät Mose seinen Namen.
„Ich werde sein, der ich sein werde. So sollst du sagen: 'Ich werde sein', der hat mich zu euch gesandt.“
Nomen est omen. Der Name ist ein Zeichen. Wer den Namen kennt, der kennt den Menschen. Gilt auch: Wer Gottes Namen kennt, der kennt Gott?
Ich bin der Gütige. Ich habe euch alle lieb. Oder Ich bin der Gerechte. Ich richte euch nach euren Taten. Das wären  Namen, die ein eindeutiges Zeichen abgeben.
Sie versprechen: So und nicht anders ist Gott. Aber „Ich werde sein, der ich sein werde“?
Gott verweigert das eindeutige Zeichen. Sein Name sprengt jede Mauer, hinter der ich ihn einsperren will. Ich kann Gott nicht festlegen. Ich kann über ihn nicht verfügen.
Gott ereignet sich. Er begegnet mir. Ich begegne ihm. Mal so, mal anders. Dass er es ist, weiß ich erst, wenn ich vor ihm stehe. Vorher habe ich vielleicht eine Ahnung.
Dass er es ist, weiß ich nur, wenn ich ihm begegne. Nachher habe ich vielleicht eine Erinnerung.
Gott bleibt beständig der Ganz Andere. Anders als meine Ahnung, anders als meine Erinnerung. Er schenkt sich, wann er will und wie er will und wem er will. Er bleibt er selbst. Der, der er sein wird.
Gott ist so frei, der z werden, der er sein wird. Das macht mich frei.

Es gibt nicht nur den einen Ort, an dem ich Gott finde. Es gibt nicht nur die eine Art, Gott zu vertrauen. Es gibt nicht nur die einen Worte, von Gott zu reden.
Das ist anstrengend. Ich muss immer wieder von neuem suchen. Nach einem Ort, an dem Gott mir nahe kommt. Nach dem Vertrauen, das meinen Glauben trägt. Nach den Worten, die etwas von der Wahrheit erzählen, die mein Leben ausmacht. Ich werde damit nicht fertig.
Das ist aber auch gut so. Weil Gott der wird, der er sein wird, kann ich Sonntag für Sonntag über Gott und den Glauben reden. Weil ich mich jeden Tag neu ins Abenteuer Glaube stürzen muss, kann ich erleben, das Vertrauen trägt. Weil Gott mich überraschen oder sogar erschrecken kann, kann ich heilige Augenblicke erleben.
Das schönste daran: Gott ist so frei, das zu tun: Mich zu überraschen. Immer wieder neu. Damit er für mich der wird, der er sein wird.

Montag, 30. Januar 2017

Rettung vom Ertrinken

Ein Pastor saß an seinem Schreibtisch und bereitete eine Predigt vor, als er eine Explosion zu hören meinte.
Bald sah er Menschen hin und her laufen und erfuhr, dass ein Damm gebrochen war, der Fluss Hochwasser führte und die Bevölkerung evakuiert wurde.
Der Pastor dachte bei sich: „Jetzt erhalte ich Gelegenheit zu tun, was ich predige. Ich werde nicht fliehen. Ich werde bleiben und zu Gott beten, dass er mich rettet.“ Und er betete zu Gott.
Als das Wasser bis zu seinem Fenster stand, fuhr ein Boot vorbei: „Steigen Sie ein, Herr Pastor“, sagte man ihm. „Oh, nein“, antwortete der Pastor, „ich habe zu Gott gebetet. Der wird mich retten. Ich bleibe hier.“
Das Wasser stieg und der Pastor musste in das Obergeschoss gehen. Als das Wasser auch bis dorthin stieg, kam ein weiteres Boot voller Menschen vorbei.
„Steigen Sie ein, Herr Pastor, wir haben noch Platz“, riefen sie ihm zu. „Das Wasser wird weiter steigen.“
„Das ist nett“, antwortete der Pastor. „Aber ich habe gebetet. Und ich bin mir sicher: Gott wird mich retten. Ich warte hier.“
Das Wasser stieg und der Pastor musste auf das Dach klettern. Als ihm das Wasser dort bis zu den Knien reichte, kam ein Motorboot.
„Schnell, steigen Sie ein, Herr Pastor“, hieß es wieder. „Nein, danke“, sagte der Pastor. „Ich vertraue auf Gott. Er wird mich nicht im Stich lassen. Ich warte hier auf ihn.“
Das Wasser stieg. Der Pastor ertrank.
Er kam in den Himmel und stand vor Gott. „Mein Gott“, sagte er, „ich habe zu dir gebetet und dir vertraut! Warum tatest du nichts, um mich zu retten?“
„Nun ja“, entgegnete Gott, „immerhin habe ich dir drei Boote geschickt.“

Wir erzählen die Geschichte den Konfirmandinnen und Konfirmanden, wenn es ums Beten geht. (Man kann sie auch auf einem Feuerwehrball erzählen.)
Es geht in ihr ums Vertrauen. Darum, wie Vertrauen rettet. Und wie schwer es ist, im richtigen Augenblick das richtige Vertrauen zu haben.
Davon kann auch Petrus erzählen.

Jesus drängte die Jünger, in das Boot zu steigen. Sie sollten an die andere Seite des Sees vorausfahren. Er selbst wollte inzwischen die Volksmenge verabschieden.
Das Boot war schon weit vom Land entfernt. Die Wellen machten ihm schwer zu schaffen, denn der Wind blies direkt von vorn.
Um die vierte Nachtwache kam Jesus zu den Jüngern. Er lief über den See. Als die Jünger ihn über den See laufen sahen, wurden sie von Furcht gepackt. Sie riefen: »Das ist ein Gespenst!« Vor Angst schrien sie laut auf.
Aber sofort sagte Jesus zu ihnen: »Erschreckt nicht! Ich bin es. Ihr braucht keine Angst zu haben.«
Petrus antwortete Jesus: »Herr, wenn du es bist, befiehl mir, über das Wasser zu dir zu kommen.« Jesus sagte: »Komm!«
Da stieg Petrus aus dem Boot, ging über das Wasser und kam zu Jesus. Aber auf einmal merkte er, wie stark der Wind war und bekam Angst. Er begann zu sinken und schrie: »Herr, rette mich!«
Sofort streckte Jesus ihm die Hand entgegen und hielt ihn fest. Er sagte zu Petrus: »Du hast zu wenig Vertrauen. Warum hast du gezweifelt?«
Dann stiegen sie ins Boot – und der Wind legte sich. Und die Jünger im Boot warfen sich vor Jesus nieder. Sie sagten: »Du bist wirklich der Sohn Gottes!«
(Matthäusevangelium 14,22-33 -- www.basisbibel.de.)

Petrus versinkt in den Fluten. Jesus zieht ihn heraus. Petrus versinkt, weil ihm im richtigen Augenblick das richtige Vertrauen fehlt. Jesus zieht ihn dennoch heraus. Petrus ist glückselig.
Armselig und eine Schande ist dagegen diese Zahl: 5.022. So viele Menschen starben im Jahr 2016 bei der Flucht über das Mittelmeer. Im Jahr 2015 waren es 3.771.
Diese Zahlen sind keine „alternative facts“. Sie sind belastbar und stammen vom Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen.
Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat erhoben, dass 2016 jeder 41. Mensch, der sich auf die Flucht über das Mittelmeer begab, ertrank. Im Jahr zuvor war es jeder 276.
Diese Flüchtlinge haben im falschen Augenblick den falschen Menschen vertraut. Aber was heißt vertraut?
Sie haben Menschen ihr Leben ausgeliefert, die mit ihrem Leben Geschäfte machen. An Schlepper haben sie es verloren, die ihr Leben nach schlechtestem Wissen und Gewissen aufs Spiel setzten.
Im Jahr 2015 überluden die Schlepper Holzboote mit Menschen. Die EU schrieb sich daraufhin auf ihre Fahnen, die Schlepper zu bekämpfen. Sie schickte Kriegsschiffe, um die Holzboote der Schlepper an der libyschen Küste zu zerstören, bevor sie mit ihrer menschlichen Fracht ablegen konnten.
Tote und Flucht wollte sie damit verhindern. Das Gegenteil hat sie erreicht. Die Menschen fliehen weiter. Und die Schlepper verdienen weiter.
Sie haben die Holzboote durch billige, aufblasbare Schlauchboote ersetzt. Es braucht keinen Sturm, damit sie im Mittelmeer in Seenot geraten und kentern.
Die entsetzliche Folge: immer mehr Tragödien, mehr Tote – ertrunken oder erstickt durch das Gewicht hunderter Flüchtlinge auf viel zu kleinen Booten.

Die Flüchtlinge versinken also im Meer, weil sie im falschen Augenblick den falschen Menschen vertrauen.
Petrus versinkt im Meer, weil ihm im richtigen Augenblick das richtige Vertrauen fehlt. Dennoch zieht Jesus ihn heraus. Welch ein Segen für Petrus.
Aber wer zieht die Flüchtlinge heraus? Wo bleibt der Segen für sie? Der Segen, den sie sich erhofft haben. Auf den sie vertraut haben.
Die Geschichte vom sinkenden Petrus erleidet Schiffbruch und versinkt in den Fluten des Mittelmeers. Sie geht unter mit jedem der 5.022 Flüchtlinge, die dort im vergangenen Jahr ertrunken sind.
Da liegt ein dreijähriger Junge am Strand, mit rotem T-Shirt und blauer Jeans, das Gesicht im Sand, ertrunken auf der Flucht. Ailan Kurdi heißt er. Und du sollst erzählen, dass Jesus jeden heraus zieht, der nicht mehr vertrauen kann.
Aber diesen einen da und Tausende andere hat er nicht herausgezogen. Dabei hat doch jedem von ihnen das Versprechen gegolten: Ich ziehe dich heraus.
Mit jedem Menschen, der im Mittelmeer ertrinkt – Junge oder Mädchen oder Frau oder Mann – versinkt ein Teil von dir.
Von deinem Vertrauen in das Gute im Menschen. Wie kann das sein, dass Schlepper und Politiker den Tod von Menschen in Kauf nehmen, die ohnehin schon am Leben verzweifelt sind? Haben die keine Augen und kein Herz?
Auch dein kindliches Vertrauen in Gott gerät in Seenot. Wie kann das sein, dass er trotz aller Gebete kein Rettungsboot vorbeischickt? Hat er keine Augen und kein Herz?
Dann kannst du nur noch hoffen, dass er dich wieder herauszieht. Aus dem Zweifel am Menschlichen im Menschen und an der Barmherzigkeit des Barmherzigen.
Damit du weiter vertrauen kannst. Auf die Menschen, die er doch nur wenig niedriger geschaffen hat als sich selbst. Und in ihn, der doch sagt: Ich ziehe dich heraus.

Vielleicht hilft eine Gegengeschichte.
Sie erzählt von Mussie Zerai. Er weiß, was es heißt, in einer fremden Gesellschaft anzukommen. Er ist 16 Jahre alt, als er 1992 als Flüchtling Italien erreicht.
In den ersten Jahren trägt er Zeitungen aus, verkauft Obst, übersetzt für einen britischen Priester. Später studiert er Theologie und Philosophie. Nach dem Erhalt der Priesterweihe, entsendet ihn die katholische Kirche in Rom als Seelsorger in die Schweiz.
Als ihn ein italienischer Journalist im Jahr 2003 fragt, ob er für ihn in einem libyschen Gefängnis dolmetschen könne, kommt Zerai erstmals mit eritreischen Flüchtlingen in Kontakt, die auf dem Weg nach Europa unterwegs sind.
Die Geschichten seiner Landsleute lassen ihn fortan nicht mehr los, und er sieht sich in der Pflicht, zu helfen.
Schon bald nach seinem Besuch im Gefängnis erhält er Anrufe von den Menschen, die er dort kennengelernt hat, und wenig später auch von Flüchtlingen in Seenot.
Jemand hatte Mussie Zerais Telefonnummer in die Wand des Gefängnisses geritzt mit dem Hinweis: »Bei Notfällen diese Nummer anrufen!« So ist seine Telefonnummer seit 2004 für viele Bootsflüchtlinge die letzte Hoffnung.
Und vielfach auch die Rettung. »Lieber Baba, hilf uns schnell. Wir haben kein Essen, kein Wasser, und der Handyakku ist fast leer«, so oder ähnlich lauten die bislang tausendfachen Hilferufe von Bootsflüchtlingen, die Mussie Zerai in über zehn Jahren erreicht haben.
Wenn ihn Anrufe aus Seenot erreichen, setzt sich Zerai sofort mit der italienischen Küstenwache in Verbindung. Schnell hat er gelernt, worauf es ankommt, wenn ein Rettungsversuch erfolgreich verlaufen soll.
Die italienische Küstenwache schätzt, dass Mussie Zerai inzwischen bereits mehreren Tausend Menschen das Leben gerettet hat.
Sie strecken ihm ihre Hand entgegen. Und er greift nach ihr, um sie herauszuziehen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Und wenn du denkst: Jetzt ertrinkt sie – dann greift der Eine nach ihr und zieht sie heraus aus den Fluten.
Und die Hoffnung prustet und hustet und atmet durch. Sie ist mit dem Leben davon gekommen.

Montag, 16. Januar 2017

Das Fest beginnt

Andreas steht am Rand der geschmückten Halle und schaut den Menschen beim Tanzen zu. Er weiß nicht, was er von dem halten soll, was er sieht.
Da sind die Braut und der Bräutigam. Sie fliegen von einem Tanz zum anderen. Sie wollen die Umarmung nicht lösen. Fest halten sie sich umschlungen.
Die Augen können sie nicht voneinander lassen. Sie strahlen sich voller Glück an.
Da sind die unzähligen Menschen, die mit dem Paar feiern. Die wenigsten sind da, weil sie zu den beiden gehören. Auch er selber kennt gerade einmal die Namen von Braut und Bräutigam.
Die meisten sind Zaungäste wie er. Sie sind einfach nur da, um zu feiern. Das fremde Glück wollen sie teilen. Es soll ein wenig auf ihr Leben abfärben.
Da ist auch der Festmeister. Eben lief er noch aufgeregt umher. Etwas war nicht in Ordnung. Das sagten seine fahrigen Bewegungen, das zeigte seine zerfurchte Stirn.
Jetzt steht er da und schüttelt den Kopf. Ist er verärgert? Ist er erleichtert? Immer wieder riecht er an dem Weinbecher, nimmt einen kleinen Schluck und schüttelt von neuem den Kopf.
Da ist auch Jesus. Mit ihm sind sie zum Fest gekommen. Jetzt steht Jesus auf der anderen Seite. Er lehnt dort an der Wand und schaut mit leuchtenden Augen auf das Fest. Seine Schwester zieht ihn zum Tanzen. Schon dreht er sich mit ihr.
Andreas weiß nicht, was er davon halten soll. Die vielen fröhlichen Menschen. Der Wein, der warm durch den Körper strömt. Das Glück, das ins Herz steigt. Steht der Himmel offen?
Ihr werdet den Himmel offen sehen“ (Johannesevangelium 1,51). Jesus hat das zu ihnen gesagt. Erst gestern.
Nur wenige Tage zuvor sind sie ihm begegnet. Am Jordan war das. Sie sind ihm nachgelaufen, ohne weiter darüber nachzudenken. Aus Neugier. Aus Sehnsucht.
Beides hatte sie ja auch an den Jordan geführt. Etwas sollte sich ändern in ihrem Leben. Etwas musste sich ändern. Sie suchten ihr Glück. Gott nahe zu sein – davon versprachen sie sich ihr Glück.
Deshalb waren sie zu Johannes an den Jordan gekommen. Von ihm hieß es, er würde die Menschen auf den Weg zu Gott bringen. Ein Wegweiser mitten in der Wüste.
Johannes tauchte sie unter im Jordan. Das sollte der Neuanfang sein. Das Zeichen, dass Gott neu mit ihnen anfängt. Und dass sie neu mit ihrem Leben anfangen.
Das haben sie dann ja auch getan. Als sie diesem anderen Mann nachgelaufen sind, der Jesus war.
Das ist er“, hatte Johannes gesagt. „Das ist der, der nach mir kommen soll und schon lange vor mir da war. Ich habe es gesehen und kann bezeugen: Er ist der Sohn Gottes.“ (Johannesevangelium 1,30.34.)
Da sind sie ihm nachgegangen. Aus Neugier. Aus Sehnsucht. Und Jesus sah das und drehte sich um und fragte sie: „Was wollt ihr?“ Und sie antworteten, weil ihnen nichts besseres einfiel: „Wo wohnst du?“ Und er forderte sie auf: „Kommt und seht selbst!“ (Johannesevangelium 1,38f.)
Sie waren mit ihm gegangen. Diesen Tag und den nächsten und auch den übernächsten. Und sie fragten sich und sie fragten ihn: Ist das der Neuanfang in ihrem Leben, mit dem auch Gott neu mit ihnen anfängt?
Er hatte ihnen geantwortet: „Ihr werdet noch viel größere Dinge zu sehen bekommen.“ Und er hatte ihnen versprochen: „Amen, amen, das sage ich euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen!
Gestern erst war das. Heute, jetzt sind sie auf diesem Fest. Und er fragt sich: Sieht er schon den Himmel offen?
Steht der Himmel offen, wenn Wasser sich in Wein verwandelt? Sechs riesige Krüge, von denen jeder gut und gern 100 Liter fasst.
Andreas versteht es nicht, aber will es verstehen. Mit dem Kopf, mit dem Herzen. Der Kopf tut sich schwer damit. Was nicht am Wein liegt. Sondern an dem, was er gesehen hat.
Er hat gesehen, wie die Diener Eimer um Eimer Wasser in die weiten Krüge schütteten. Es war wirklich Wasser. Sie holten es vom Brunnen im Innenhof.
Und er hat gesehen, wie einer eine Kelle nahm und aus einem Krug etwas in eine Karaffe schöpfte und es dem Festmeister brachte.
Er hat gesehen, wie der Festmeister mit hochgezogenen Augenbrauen erst daran roch und dann davon kostete und überrascht schaute.
Er hat mit eigenen Ohren gehört, wie der Festmeister den Bräutigam für den hervorragenden Wein lobte und sich wunderte, warum er nicht vorher davon wusste.
Und er hat mit eigenen Augen gesehen, dass Jesus es war, der den Dienern sagte, sie sollten das Wasser in die Krüge füllen, und der ihnen dann auftrug, davon dem Festmeister zu bringen.
Aber verstehen, was da geschehen ist, kann Andreas nicht. Nicht mit dem Kopf.
Mit dem Herzen könnte er es wohl verstehen. Das merkt er. Er ist nahe dran am Verstehen. Aber mit jedem Schritt, den er auf es zumacht, weicht es einen Schritt zurück. Wie der Horizont, den er immer sieht, aber nie erreicht.
So viel versteht er: Die entscheidende Frage ist nicht: Wie konnte das geschehen? Dass jetzt Wein ist, wo eben noch Wasser war. Wie hat Jesus das gemacht?
Mit dieser Frage kommt sein Kopf nicht weiter und auch nicht das Herz.
Die entscheidende Frage ist: Wozu hat Jesus das gemacht? Was ist anders, jetzt, wo das Wasser Wein geworden ist?
Vielleicht hat es etwas mit den Krügen zu tun. Andreas kennt sie, diese Krüge, und den Zweck, für den sie eigentlich bestimmt sind. Wasser kommt in sie hinein, mit dem man sich wäscht, bevor man betet.
Wortwörtlich und im übertragenen Sinn: Du sollst sauber sein, wenn du mit Gott sprichst. Du musst den Schmutz abwaschen, der sich im Alltag auf dich legt. Auf die Hände, auf die Seele. Nur wenn du dich gewaschen hast und sauber bist, darfst du zu Gott kommen.
Aber Jesus hat die Wasserkrüge in Weinkrüge verwandelt. Was hat er sich dabei gedacht? Hat er sich dabei etwas gedacht?
Bestimmt hat es auch etwas mit den Menschen zu tun, für die Jesus es gemacht hat.
Wer weiß, was aus dem Fest ohne Wein geworden wäre. Grau wäre es geblieben, grau wie der Alltag. Ohne Freude, ohne Lachen.
Peinlich wäre es gewesen. Für das Brautpaar, für seine Familien. Für die Gäste, die früh gegangen wären, auf der Suche nach einem richtigen Fest.
Aber sie können jetzt ja bleiben. Sie können lachen und tanzen und trinken und tanzen und lachen. Sie können ihr Fest feiern.
Ein rauschendes, glückliches, ausgelassenes Fest: Was gestern war und morgen kommt, das war gestern und kommt morgen. Jetzt aber zählt der Augenblick. Bis zum Überlaufen ist er gefüllt.
Der Tanz. Das Glück. Der Rausch. Das Leben. Es erfüllt sich jetzt, in diesem Augenblick. Als stünde der Himmel offen.
Und wenn Jesus ihn geöffnet hat? Andreas greift mit seinem Herz nach der Antwort – und schon entzieht sie sich wieder. Aber da irgendwo liegt sie, bei Jesus: „Kommt und seht. Ihr werdet den Himmel offen sehen.
Aus Wasserkrügen werden Weinkrüge. Das Wasser, das rein machen soll vor Gott – es wird zu Wein, um ein Fest des Lebens zu feiern. Weil Jesus da ist und dafür sorgt.
Das Herz macht einen Sprung: Du brauchst das Wasser jetzt nicht. Jetzt ist die Zeit des Festes. Du brauchst dich nicht vorzubereiten, um Gott nahe zu kommen. Gott kommt zu dir, und wenn er da ist, kannst du, sollst du feiern.
Jetzt ist die Zeit des Festes. Der Himmel steht offen. Kommt und seht und feiert mit.
Ist es das, was Jesus ihnen zeigen will? Dem Brautpaar, dem Festmeister? Allen anderen Gästen? Ihnen und sich selber?
Sein Kopf füllt sich mit Zweifeln. Wie soll er sich sicher sein? Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden, sagt das Herz.
Statt hier am Rand zu stehen und dem Fest zuzuschauen, musst du mitten hinein gehen und mitfeiern. Dann wirst du es herausfinden, dass es stimmt.
Erst wenn du aufhörst zu überlegen und nachzudenken. Erst wenn du aufhörst dich wie auch immer vorzubereiten. Erst wenn du aufspringst und anfängst zu tanzen. Erst wenn du dich ganz von dem Augenblick überraschen lässt, in dem Gott zu dir kommt. Erst wenn du dich ganz aufgibst und dich ganz ihm überlässt.
Erst dann siehst du den Himmel offen stehen.
Andreas löst sich langsam aus seiner Starre. Er macht drei, vier Schritte in die Mitte des Raumes.
Schon greifen zwei Hände nach seinen Händen und ziehen ihn weiter zwischen die Tanzenden. Er hört die Musik. Er hört das Lachen und Jubeln und Rufen.
Er wird hierhin und dahin gezogen. Erst stolpert er. Dann findet er sich hinein in die tanzenden Schritte. Er beginnt zu fliegen von einer Seite des Raumes zur anderen.
Er vergisst den Kopf. Das Herz schlägt wummernd. Er sieht den Himmel offen. Das Fest beginnt auch für ihn.