Montag, 19. Juni 2017

So einfach


Am Anfang war alles ganz einfach.
„Steh auf, nimm deine Matte und geh!“ Das hatte der Mann zu ihm gesagt, der plötzlich vor ihm stand und ihn fragte, ob er gesund werden wolle.
Natürlich wollte er das. Seit 38 Jahren wartete er darauf. Endlich wieder laufen können. Ein Traum, der ihm in den Jahrzehnten zum Alptraum wurde, weil er sich nicht erfüllen wollte.
Aber es am Ende doch tat. „Steh auf, nimm deine Matte und geh!“ Ja, er nahm seine Matte und ging. So einfach war das.
Am Anfang ist alles ganz einfach.
Eine Tür tut sich für dich auf und du trittst durch sie ein in das Haus des Glaubens.
Vielleicht bist du vorher um das Gebäude geschlichen, hast an Türen gerüttelt, die verschlossen waren, hast durch Fenster geschaut, die lange nicht mehr geputzt wurden.
Aber jetzt trittst du über die Schwelle. Vielleicht reicht dir jemand die Hand. Einer, der sich auskennt in dem Haus. Der die Tür von innen für dich öffnet und dich freundlich fragt, ob du nicht eintreten willst.
Und du trittst ein und staunst und fühlst dich wohl: „Ja, hier kann ich bleiben.“ Und du wunderst dich, warum du nicht schon viel früher die Tür gefunden hast.
Du gehst zu den Menschen, die dir winken, dich zu ihnen zu setzen. Einer holt einen Stuhl und stellt ihn dir hin, eine andere springt auf und bringt Teller und Glas.
Du setzt dich und schaust sie an. Sie lächeln dir zu und schenken dir ein und du feierst mit ihnen das Leben.
So einfach war das. Am Anfang. Dann kamen die Probleme.
„Du darfst deine Matte nicht tragen!“ Zwei Vertreter der Behörden hielten ihn fest. Der eine zeigte auf die Matte unter seinem Arm, der andere auf das dicke Buch, das der unter dessen Arm trug.
Da stand drin, dass man das nicht tun dürfe, am Sabbat eine Matte tragen. Da müsse man Gott die Ehre geben und ruhen.
Gott die Ehre geben, das wollte er gern, schließlich war er endlich gesund. Aber ruhen, ach, das hatte er doch zuvor 38 lange Jahre getan.
Das ließen die beiden nicht gelten, und er wollte ihnen den Mann zeigen, der ausgerechnet am Sabbat zu ihm gesagt hatte, er solle seine Matte nehmen. Aber der war weg.
Damit hätte der Ärger ein Ende haben können, wenn er nicht selber für mehr gesorgt hätte. Er ging in den Tempel, um Gott die Ehre zu geben und ihm zu danken. Dort traf er ihn wieder, den Mann, der ihn geheilt hatte, Jesus.
Er dankte ihm, er dankte Gott. Dann ging er fort aus dem Tempel und zu den Behörden und sagte: Der war es, der Wanderprediger Jesus, der mir gesagt hat, ich solle meine Matte nehmen, und ich habe das getan, wo ich doch nicht wusste, dass man das am Sabbat nicht darf.
So einfach ist das. Am Anfang. Dann kommen die Probleme.
Du fühlst dich wohl im Haus des Glaubens. Du genießt die Gemeinschaft.
Aber die ist nicht nur gastfrei. Die weiß auch, wie einer sich zu benehmen hat, der dazu gehören will. Du musst gerade sitzen am Tisch des Herrn und die Hände auf den Tisch legen.
Es gibt viele Regeln, die du kennen sollst, ohne dass sie dir einer erklärt. Und Vorschriften, die du halten sollst, weil man das eben schon immer so getan hat.
Und es gibt Menschen, die darauf achten, dass du auch das tust, was sie für richtig halten. Schließlich steht das ja in dem dicken Buch, das sie unter ihrem Arm tragen.
Nur den Gastherrn, den vermisst du manchmal. Sein Platz an der großen Tafel bleibt leer. Das muss so sein, sagen die anderen. Er ist dennoch gegenwärtig. Davon spürst du manchmal wenig.
Dafür entdeckst du die Spinnweben in den Ecken des Hauses und den Dreck, der unter den Teppich gekehrt wurde.
Und dir fallen die Leute ein, die dich schon gewarnt haben, als du noch um das Haus des Glaubens herumgelaufen bist. Was, wenn es den Hausherrn gar nicht gibt?
So einfach war das am Anfang. Und es wurde wieder einfach.
Er war mit dabei, als die Vertreter der Behörden Jesus zur Rede stellten. Oder war es umgekehrt: Jesus stellte die Behördenwächter zur Rede?
Er zeigte jedenfalls auf das dicke Buch unter ihrem Arm und sagte:
„Ihr erforscht die Heiligen Schriften, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu erhalten. Auch die sind meine Zeugen. Aber ihr wollt euch mir nicht anschließen, um das ewige Leben zu erhalten.“ (Johannesevangelium 5,39-40 -- www.basisbibel.de.)
Die Behördenvertreter schauten verdutzt. Er verstand ihn sofort. Aber er hatte ja auch nicht 38 Jahre über Büchern gesessen, sondern gelähmt auf einer Matte gelegen.
Wenn dann einer kommt und sagt: „Steh auf!“ – dann musst du nicht in Büchern forschen; dann weißt du, wie Trost und Segen sich anfühlen und woher sie kommen. Plötzlich sind sie in dein Leben gefahren. Nicht weil du sie gesucht hast, sondern weil sie dir einer geschenkt hat.
Aber Jesus war noch nicht fertig mit den Behördenmenschen. Freundlich holte er zur Klatsche aus:
„Ich habe euch durchschaut: Ihr habt keine Liebe zu Gott in euch. Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr lehnt mich ab. Wenn aber irgendjemand anderes in seinem eigenen Namen kommt – den nehmt ihr auf. Wie könnt ihr denn zum Glauben kommen? Es geht euch doch nur darum, dass einer dem anderen Herrlichkeit zugesteht! Aber nach der Herrlichkeit, die der einzige Gott schenkt, strebt ihr nicht.“ (Johannesevangelium 5,42-44 -- www.basisbibel.de.)
Er sah, wie der eine der Behördenmenschen zuckte, als wollte er sich wegducken, der andere aber vor Zorn bebte: Keine Liebe zu Gott? Wo sie doch dessen Gesetze verwalteten.
Er fühlte mehr, als er verstand, dass stimmte, was Jesus den Behördenleuten vorwarf. Sie waren gefangen in dem Netz, dass sie selber gesponnen hatten.
Ein feines, ein kunstvolles Netz aus Regeln über das, was man zu glauben hat und zu tun. Sie webten immer weiter an dem Netz, immer engmaschiger wurde es. Sie achteten darauf, dass jeder tat, was er tun sollte. Und sie wussten, dass auch sie beobachtet wurden.
Es war ein Wettstreit: Wer die Regeln am besten beherrschte, stieg am höchsten. Woher die Regeln einmal kamen und wozu sie gut waren – das spielte nur auf dem Papier eine Rolle.
Sie und all die anderen Behördenvertreter hatten sich selbst gefangen in ihrem Netz. Sie waren so gelähmt, wie er die 38 Jahre auf seiner Matte gelegen hatte.
Es war an der Zeit, dass mal einer kam und zu jedem einzelnen von ihnen sagte: „Steh auf!“ Und eigentlich stand der ja vor ihnen. Aber sie sahen die Hand nicht, die er ihnen zum Aufstehen reichte.
Er, er hatte die Hand genommen. Er war aufgestanden. Und er wusste jetzt auch, wer ihm aufgeholfen hatte. So einfach war das. So einfach würde das hoffentlich bleiben.
So einfach ist das am Anfang. Und es wird wieder einfach.
Da betritt eines Tages ein Fremder das Haus des Glaubens und fragt, ob neben dir noch Platz sei. Du willst erst auf einen anderen freien Platz zeigen. Doch dann stehst du auf und holst einen Stuhl und einen Teller und ein Glas.
Der Fremde sitzt neben dir und ist neugierig. Er will wissen, was du hier machst. Du fängst an, ihm von den Regeln zu erzählen.
Aber er unterbricht dich. Von den Regeln will er nichts wissen. Von dir will er etwas wissen. Was du hier machst. Was du hier suchst.
Dir läuft es kalt über den Rücken und heiß durch den Magen. Das hattest du fast vergessen. Du bist ja in das Haus des Glaubens gekommen, weil du etwas suchtest.
Was war es? Trost? Vielleicht war es Trost. Kein Taschentuch, kein „Das wird schon wieder“. Sondern Trost. Also: Die Gewissheit, dass es Sinn macht, was du erlebst. Das Schöne und das Schwere.
Segen, das wäre ein anderes Wort für diesen Trost. Nicht dass alles irgendwie gut wird und dir nichts geschehen kann. Aber dass du gewiss sein kannst: Einer meint es gut mit dir. Er schaut dich freundlich an.
Der Fremde schaut dich an, ziemlich freundlich immerhin, und nickt. Das kann dich hier finden, sagt er. Dann legt er dir die Hand auf die Schulter und steht auf.
Er geht um den Tisch herum und setzt sich auf den Platz des Hausherrn. Und er nimmt ein Stück Brot und bricht es und gibt es an seine Nachbarin weiter.
Du willst etwas sagen, aber der Fremde, der es auch für dich jetzt nicht mehr ist, legt den Zeigefinger an die Lippen und lächelt dich an.
So einfach ist das. So einfach wird das hoffentlich bleiben.

Sonntag, 11. Juni 2017

Hinter der Tür

Die Holztür öffnet sich schwer und langsam. Als wolle sie sagen: Achtung, du trittst über eine Schwelle zu einem anderen Raum.
Die Tür schließt sich hinter ihm. Mit einem Klicken fällt sie ins Schloss. Die Geräusche und das Licht des Tages bleiben draußen.
Er macht drei, vier Schritte nach vorn. Der Raum breitet sich vor ihm aus in seiner Breite und Höhe und Tiefe. Als sollte er die Ewigkeit fassen.
Am anderen Ende leuchtet der Altar mattgolden. Unendlich viele Schritt scheint es von hier bis dorthin. Das Gewölbe zieht den Blick nach oben. Knapp unter dem Himmel schließt es der Schlussstein, der die Spannung hält.
Seine Schritte verhallen in der Weite. Er lauscht in die Stille unzähliger Gebete, die in dem Raum schweben.

Jesaja schreibt:
In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.
(Jesaja 6,1)

Da betrittst du eine Kirche und hast eigentlich nichts anderes vor, als sie dir einmal anzuschauen. So viel gibt es an dem Ort ja nun nicht zu sehen.
Dann stehst du in dem Raum und wunderst dich über dich: Was ist es, das dich so ergreift?
Bilder steigen in dir auf. Aus längst vergangenen Zeit kommen sie und von ganz anderen Orten. Doch sie ziehen jetzt in diesem Raum an dir vorüber.
Diese kindliche Weihnacht an der Seite deiner Eltern, umgeben von leuchtenden Kerzen und andächtig-ungeduldigen Menschen. Das klopfende Herz, als du am Taufstein stehst, deinen Kopf beugst und das Wasser spürst und die Hand, die dich segnet. Die Tränen, die du weinst und deine Mutter mit dir, als ihr nebeneinander sitzt und auf den Sarg von Oma schaut.
Du schüttelst dich. Eigentlich willst du dir doch nur den Raum anschauen und vielleicht ein oder zwei Bilder machen. Stattdessen siehst du dein Leben.
Du setzt dich hin und schließt die Augen. Da siehst und spürst du noch mehr: ein heiliger Ort, der Gott gehört. An dem du Gott gehörst.

Jesaja schreibt:
Serafim standen über dem Thron; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie.
Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.
(Jesaja 6,2-4)

Auch Serafim sind Engel, sind Boten Gottes. Aber solche, die Furcht einflößen: Schlangengleiche Wesen mit einem Menschenkopf, sechsflügelig. Mit zwei Flügeln fliegen sie.
Mit zwei anderen bedecken sie ihre Augen, weil Gottes Angesicht so blendet. Mit dem letzten Paar decken sie ihre Geschlechtsteile ab, um allein Gott die Ehre zu geben.
Aber vor allem: Sie rufen und singen laut: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen! Alle Lande sind seiner Ehre voll.“
So laut ist ihr Gesang, dass die Schwellen des Tempels davon erbeben und das Gebäude in seinen Grundfesten erzittert.

So jedenfalls sieht und erzählt es Jesaja vor bald 2.800 Jahren. Er steht im Tempel, einem Gebäude aus Stein und Lehm wie andere Gebäude auch. Und doch ein Heiliger Ort, einer der Gott gehört. Der Tempel kann Gott nicht fassen, aber seit Salomos Zeiten wohnt dort immerhin Gottes Name.
Jesaja sieht, wie mitten in seiner Wirklichkeit noch eine ganz andere verborgen ist, unsichtbar und doch da: die Wirklichkeit Gottes. Unfassbar groß, erschreckend und gefährlich, so erlebt er sie.
Alles Reden vom lieben Gott, von dem, der gütig und verständnisvoll ist wie ein gütiger Großvater, verbietet sich. Für Jesaja zumindest. Wer so von Gott redet, redet ihn klein.
Er begegnet Gott. Und der hat die Kraft, ein ganzes Leben in den Grundfesten zu erschüttern wie es der Gesang der Seraphim tut.
Vermutlich wäre Jesaja etwas anderes lieber. Ein wohliger kleiner Schauer vielleicht und das warme Gefühl, dass alles so, wie es ist, gut ist. Dass er so, wie er ist, gut ist. Als würde Gott sagen: Ich bin okay, du bist okay.
Aber Gott sagt nichts. Nur die Serafim singen laut. Und Jesaja zittert vor Angst.
Wer in das Kraftfeld Gottes gerät, womöglich ganz unbeabsichtigt, der wird durcheinandergewirbelt. Am Ende ist er nicht mehr der, der er vorher war.

Jesaja schreibt:
Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.
(Jesaja 6,5)

Jesaja gibt sein Leben aus der Hand in diesem einen Augenblick. Alles, was er hat oder ist, verliert seinen Wert.
Da ist nichts mehr, worauf er stolz wäre, was er in die Waagschale werfen wollte. Unter den Augen Gottes zerfällt sein Leben zu einem kleinen Häufchen Elend.
Er schämt sich: Er malt sich aus, wie Gott ihn wohl sehen muss. Und ihm fällt nichts ein, was ihm an sich selber gefallen würde, wenn er Gott wäre. Dafür aber vieles, was er vor sich selber gern verbirgt – aber jetzt nicht mehr kann.
Wie kommt einer wieder heraus aus der Scham? Was mache ich, wenn ich überführt bin: eines kleinen Fehlers, einer großen Lüge? Wie gehe ich damit um, wenn mein stolzes Ich angegriffen wird?
Ich kann Tweets schreiben. In denen ich leugne, dass ich etwas falsch gemacht haben sollte. Und in denen ich die lächerlich mache, die mir etwas vorwerfen. In denen ich alles zu fake news erkläre, was nicht meiner Sicht auf die Welt und die Wahrheit entspricht.
Natürlich mache ich das nicht. Ich habe ja keinen Twitter-Account. Und doch leugne ich eher, als dass mir gelingt, was Jesaja tut. Er verwandelt seine Scham in Demut. Er hält sie aus, seine Fehler, und liefert sich dem aus, an dem er schuldig geworden ist. Der, Gott, soll sein Urteil sprechen.

Jesaja schreibt:
Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.
(Jesaja 6,6-7)

Auch das ist eine Taufe: eine glühende Kohle, die den Mund verbrennt.
Kein Vergleich zu den beiden Taufen, die ihr gerade erlebt habt, liebe Anna und liebe Familie Holst . Da ging es um etwas anderes. Da ging es um ein Versprechen.
Ihr habt Kira zur Taufe gebracht, weil ihr hofft: Gott umgibt sie von allen Seiten und hält seine Hand über ihr.
Dass du jetzt getauft bist, Anna, ist auch dein Versprechen, dass du vertrauen willst: Gott ist dein Licht und Heil, wovor solltest du dich also fürchten?
Taufe ist ein Bündnis, das ihr geschlossen habt mit Gott. Ein Bündnis für das Leben von … und dein Leben – und gegen all das, was euch ängstlich und einsam machen könnte.
Auf dem Taufstein hat das der Steinmetz eingehauen: Ein Ritter ist darauf zu sehen, der einen Menschen vor einem Monster retten will. In letzter Sekunde befreit er ihn vor dem, was ihm ans Leben will, und schenkt ihm das Leben neu.
Aber auch das, was Jesaja erlebt, ist Taufe: Wer vor dem Monster gerettet wird, trägt Narben aus dem Kampf davon. Gott hinterlässt Spuren, wenn er so in ein Leben tritt.
Manchmal sind es Wunden, die sich dem Gedächtnis einbrennen. Wie die Kohle an Jesajas Lippen.
Manchmal ist es wie ein Bauchnabel ist, der Jahre später noch an die neue Geburt erinnert: Jetzt ist dein Leben neu und du bist frei.

Jesaja schreibt:
Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!
(Jesaja 6,8)

Du sitzt eine kleine Weile in deiner Bank und merkst gar nicht, wie die Zeit vergeht. Vielleicht steht sie ja auch still, für einen kleinen ewigen Augenblick.
Solltest du jetzt beten?, geht es dir durch den Kopf. Irgendetwas sagen, dem, der so nah ist, obwohl du ihn nicht siehst, noch nie gesehen hast.
Aber er hat dich berührt. Am Herzen berührt. Er muss also da sein. Irgendwo um dich herum. Dir gegenüber. In dir. Also wird er auch hören, was du nicht sagen kannst.

Er wendet sich zum Gehen. Noch ein letzter Blick auf den Altar, in das Gewölbe.
Dann steht er vor dem Tisch im Vorraum. Ein Buch liegt dort, die Seiten beschrieben von den Leuten, die in den letzten Tagen wie er diesen Raum betraten. Die nichts suchten, aber gefunden wurden.
Er nimmt den Kugelschreiber, hält kurz inne und schreibt: Danke für das Leben, das jeden Tag neu wird und immer dir gehört.

Vergnügt blinzelt er in die Sonne, als er vor die Tür tritt.

Dienstag, 6. Juni 2017

Aufgestanden

Heilung am Teich Bethesda - Jahreskrippe von St. Canisius, München.
Auch ich bin aufgestanden und habe meine Matte genommen und bin gegangen. Einfach so. Weil einer zu mir gesagt hat: „Jonathan, steh auf, nimm deine Matte und geh!“

Es ist so einfach. Wenn du es erst einmal tust. Aber bevor du es tust, ist es unendlich schwer. So schwer, dass du dich unter der Last kaum rühren kannst.

Und dich auch gar nicht rühren willst. Es ist so verlockend, da zu liegen und zu jammern. Über die Umstände. Über die anderen. Wenn die sich ändern würden, dann würde sich was ändern.

Aber es ändert sich nichts. Bis einer kommt und dir sagt: „Jonathan, steh auf, nimm deine Matte und geh!“

Wie gut, dass er kam, Jesus, und das gesagt hat. Wie gut, dass ich aufgestanden bin, mir meine Matte unter den Arm geklemmt habe und losgegangen bin.

Zum Haus meines Freundes bin ich gegangen. Der sich all die Jahre nicht bei mir hat sehen lassen. Den ich aber auch gar nicht angeschaut hätte, wenn er gekommen wäre.

Er hat mir meine Frau genommen. So sah ich es jedenfalls. Damals, als mir meine Frau sagte, was ich schon lange wusste, aber nicht sehen wollte. Dass sie hinter meinem Rücken mit meinem Freund etwas angefangen hatte.

Ach, nicht nur etwas. Alles. Eine ganze Liebe. Eine Liebe, die ich ihr nie geschenkt habe. Sage ich heute. Damals konnte ich das nicht so sehen.

Blind war ich vor Liebe, damals. Vor Selbstliebe. Meine Frau war der Spiegel, in dem ich mich selbst bewunderte. Sie habe ich nie gesehen. Was ihr gut tat, wusste mein Freund. Ich habe sie nie danach gefragt.

Ich habe mich eifrig um mich selber gedreht. Erst in Selbstliebe. Dann auch im Selbstmitleid.

Zur Liebe gehören zwei. Zur Trennung auch. Aber ich genügte mir immer selber. In der Liebe und in der Trennung.

„Jonathan. Steh auf, nimm deine Matte und geh!“ Ich frage mich immer noch, ob Jesus mir die Hand gereicht hat zum Aufstehen. Oder ob er mir einen Tritt in den Hintern gegeben hat. Vielleicht erst das eine, dann das andere.

Immerhin bin ich aufgestanden und zu meinem Freund gegangen. Um ihm die Hand zu reichen. Mit ihm zu reden. Über meine Frau. Seine Frau. Und ihre Liebe. Und ihr Leben.

Misstrauisch war er erst. Aber ich habe ihm in die Augen gesehen und gewartet. Und er hat erzählt. Von ihren letzten Wochen. Der Krankheit, die so schnell war.

Dann schwieg er und schaute mich an: „Wie kommt es, dass du gekommen bist?“

Und ich erzählte ihm, dass ich nun ein anderer sei, weil mir einer gesagt hatte: „Steh auf und nimm deine Matte und geh!“ Und dass ich jetzt nicht mehr vergessen würde, was mein Name mir sagt: „Jonathan – ein Geschenk Gottes, das bist du!“

Und er schüttelte den Kopf und sagte: „Ich fürchte, du bist immer noch derselbe!“ Aber er hat dabei gelacht.

Sonntag, 4. Juni 2017

Hörst du es rauschen? - Ein Pfingstdialog

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes seien mit euch allen.
Amen. – So. Hörst du es rauschen?
Rauschen? Was für ein Rauschen? Ich höre kein Rauschen.
Ich auch nicht. – Dann müssen wir noch warten.
Worauf warten?
Auf das Rauschen.
Was für ein Rauschen?
Was meinst du: Haben die auch gewartet, damals?
Wen meinst du? Damals?
Die Freunde von Jesus. Als sie in Jerusalem in dem Haus zusammen saßen und plötzlich das Rauschen kam.
Achso! Dieses Rauschen meinst du. – Ich weiß nicht. Vielleicht waren sie zu traurig, um auf irgendetwas zu warten.
Stimmt. Wer traurig ist, der wartet auf nichts. Der schaut nach hinten. Auf das, was war und nie mehr so wird, wie es war.
Und auf das Früher kann man nicht warten. Das kommt nicht wieder. Warten kannst du nur auf das, was auf dich zukommt.
Auf das Rauschen zum Beispiel.
Jesus sagt: „Der Vater wird euch den Beistand schicken, der an meine Stelle tritt: den Heiligen Geist.“
Also haben sie doch in ihrem Haus gesessen und gewartet. Wie wir jetzt. Darauf, dass Gott das Versprechen einlöst und das Rauschen kommt.
Womöglich nicht gerade gewartet wie man auf die Fähre wartet. Aber mit Sehnsucht.
Also bei Ostwind und Niedrigwasser kann man auch mit Sehnsucht …
Du weißt, was ich meine.
Ja. Sehnsucht, das ist, wenn noch etwas aussteht. Wenn dir noch etwas fehlt zum Glück.
Wenn du dich sehnst, hast du einen Traum. Du hast einen Traum davon, wie dein Leben und die Welt sein sollen. Und der Traum hält dich wach.
Heißt es nicht: Träume sind Schäume?
Ja. Aber es gibt Träume und es gibt Träume. Mit den einen fliehst du aus der wirklichen Welt in eine Traumwelt.
Weil du die wirkliche Welt nicht erträgst. Oder weil du zu müde bist, dich ihr zu stellen.
Die anderen Träume haben die Kraft, die wirkliche Welt zu verändern.
Weil sie dir Kraft geben. Die Kraft, standzuhalten, aufzustehen, hinauszugehen, etwas zu verändern.
So einen Traum träumten die Jünger. Sie sehnten sich, dass etwas anders wird. Dass Gott etwas anders macht.
Und dann kam das Rauschen.
Dann kam das Rauschen.
Sei mal still! … Nein noch kein Rauschen. Wir müssen weiter warten.
Jesus sagt: „Wer mich liebt, wird sich nach meinem Wort richten. Mein Vater wird ihn lieben. Und wir werden zu ihm kommen und immer in ihm gegenwärtig sein.
Was hat das jetzt mit dem Rauschen zu tun?
Zur Sehnsucht gehört die Liebe.
Liebe ist Sehnsucht. Und Sehnsucht ist Liebe.
Sage ich doch. Wenn du dich sehnst, liebst du. Und wenn du liebst, sehnst du dich.
Was auch heißt: Wenn du dich danach sehnst, dass sich etwas ändert – dann sehnst du dich nach einem, der das tut: alles ändern.
Und wenn du einen liebst, dann traust du ihm zu, dass er das kann: alles ändern.
Wie ein Kind, das zur Mama rennt, weil es sich gestoßen hat. Und dann pustet die Mutter den Schmerz weg.
Eher wie ein Kind, dem die Lieblingstasse heruntergefallen ist und das natürlich davon ausgeht, dass Papa die wieder heile machen kann, und zwar sofort.
Das ist ein gefährliches Sehnen. Papa kann nicht alles.
Und enttäuscht das Sehnen seines Kindes. Was wird dann aus dessen Liebe? Ist die dann auch enttäuscht?
Schwierig. Zweifel werden kommen. Daran, dass Papa alles kann. Aber hoffentlich nicht an der Papa-Liebe.
Das ist fast ein Gleichnis. Manche Menschen erwarten das von Gott, dass er das, was in ihrem Leben in Scherben zerfällt, gleich wieder zusammensetzt.
Oder besser noch: Dass er überhaupt und grundsätzlich verhindert, dass etwas zerbricht.
Fragt sich, ob nur das Liebe ist: Wenn mich einer vor allem bewahrt. Oder auch das: Wenn einer meinen Schmerz teilt und die Tränen abwischt, wenn es an der Zeit ist.
Darauf haben die Jünger gewartet. Auf die Zeit, dass Gott kommt und ihre Tränen abwischt.
Und dann kam das Rauschen.
Sei mal still? – Hm. – Wir müssen weiter warten.
Jesus sagt: „Das ist der Geist der Wahrheit. Diese Welt kann ihn nicht empfangen, denn sie sieht ihn nicht und erkennt ihn nicht. Aber ihr erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch gegenwärtig sein.“
Sehnsucht braucht Vertrauen.
Wie kommst du jetzt darauf?
Vertrauen öffnet dir die Augen. Wenn du vertraust, siehst du, was andere nicht sehen.
Jaaa. Das ist die alte Sache mit dem halbvollen oder halbleeren Glas.
Alt, aber wahr. Wenn du dich sehnst, dass etwas anders wirst, aber nicht vertraust, dass etwas anders wird …
… dann packt dich der Zorn. Auf die Zustände, wie sie sind. Auf die Menschen, die sie verantworten.
Und am Ende reißt die Wut dich mit sich fort, und du schlägst ein auf die Zustände und die Menschen.
Und meinst womöglich noch, du tätest damit Gott einen gefallen und würdest dafür mit dem Paradies belohnt.
Dabei ist deine Wut nichts als blanker Terror.
Besser du traust deiner Sehnsucht etwas zu. Oder Gott, dem sie gilt. Dann siehst du die Zustände und die Menschen, wie sie sind …
… aber du traust ihnen zu, dass sie andere werden können.
Weil du vertraust, dass sie andere werden sollen.
Gott hat sie anders gedacht, als sie gerade sind. Und sie sind auf dem Weg, das zu werden, was sie werden soll.
Und du machst die Augen auf und siehst die ersten Frühblüher und entdeckst die erste Schwalbe. Die macht zwar noch keinen Sommer …
… aber sie ist sein Bote. Du siehst ihn, wenn dein Vertrauen dir die Augen öffnet.
Oder die Ohren: Du hörst, was andere nicht hören.
Das Rauschen?
Das Rauschen.
Sei mal still! – Nein. Noch nichts.
Jesus sagt: „Zum Abschied schenke ich euch Frieden. Ich gebe euch meinen Frieden.“
Zur Sehnsucht gehört die Erfüllung. Die Augenblicke, in denen das Rauschen kommt und alles Denken und Fühlen ausfüllt.
Zum Beispiel als die Jünger in dem Haus in Jerusalem zusammensitzen und die innere Unruhe und das Warten abgelöst werden vom Frieden.
Es ist wie bei einem Mosaik. Steinchen um Steinchen setzt du zusammen. Wenn du den letzten Stein an seinen Platz setzt, breitet sich Friede aus. Und du siehst das ganze Bild.
Die Jünger verstehen jetzt zumindest mit dem Herzen ihre Geschichte mit Jesus. Sie erfassen: Diese Geschichte hat einen Sinn. Gott gibt ihr einen Sinn.
Manchmal geschieht das. Mitten in einem Gespräch. Du breitest die Einzelteile deines Lebens vor einem anderen aus.
Und der andere nimmt die Puzzleteile, von denen du nicht weißt, wie du sie anordnen sollst, und er setzt sie an die richtigen Stellen.
Alles fügt sich zusammen zu einem Bild. Und du siehst und spürst: Da liegt Segen von Gott drauf. Auf dem Gespräch und auf deinem Leben. Und Frieden breitet sich in dir aus.
Aber Frieden heißt nicht, dass du jetzt deine Hände in den Schoß legst. Die Jünger jedenfalls stehen auf und verlassen das Haus.
Wenn sich eine Sehnsucht erfüllt, bleibt immer ein Überschuss. Und der trägt dich weiter.
Das Rauschen trägt dich weiter. Und du musst es weitertragen. Die Begeisterung der Jünger jedenfalls schwappte über.
Sie steckte andere an. Der Heilige Geist kam über sie und dann verbreiteten sie ihn wie eine ansteckende Gesundheit.
Wenn ein Mensch dich berührt, also: im Innersten berührt – dann springt der Geist über. Weil Gott dich berührt.
Und wenn du dann einen anderen berührst, dann springt er auch auf ihn über.
Und wenn das dann viele Leute gleichzeitig machen, dann entsteht ein Geräusch.
Es beginnt zu rauschen!
So Gott will! Amen.

Montag, 29. Mai 2017

Mein Gebet

Er steht an seinem Pult und streckt sich. Es dauert, bis sich die Verspannungen der Nacht gelöst haben.
Er ist ein alter Mann. Mitte Fünfzig. Das Fleisch wird schwach. Aber der Geist ist wach. So wach wie vor dreißig Jahren. Da traf er Paulus das erste Mal in der Synagoge. Solange er sich daran erinnert, ist er jung.
So jung wie er damals war. Er lebte in Ephesus zu der Zeit, in der großen und umtriebigen Hafenstadt. Er fühlte sich wohl dort, in dem bunten Durcheinander der Menschen.
Er konnte ganze Tage auf den Plätzen der Stadt oder am Hafen verbringen. Das Leben sog er in sich auf wie die Gerüche, die durch die Straßen zogen.
Manchmal versetzte ihn die Stadt in einen Glücksrausch. Dann wieder schmeckte alles vermeintliche Glück nur noch schal. Er stieß sich an den Ellenbogen, die andere ausfuhren, wenn es darum ging, vorwärts zu kommen.
Er schüttelte den Kopf darüber, wie sie alle zusammen von einem Tempel zum anderen rannten. Immer hatten sie kleine oder große Opfergaben im Gepäck, um ihr Glück zu kaufen. Aber nie machte es sie satt. Er ging regelmäßig in die Synagoge. Er hielt sich an den Glauben an den einen Gott seines Vaters, des Gottes Abrahams und Isaaks und Jakobs.
Er versuchte nach den Regeln seines Glaubens und seines Gottes zu leben. Er versuchte, Gott zu lieben. Und er versuchte allen Menschen liebevoll zu begegnen.
Oft genug erwischte er sich dabei, dass er das Gegenteil tat. Das Gute, das er wollte, das tat er nicht. Aber das Böse, das er nicht wollte, das tat er.  

Es war ein großes Staunen, das ihn damals ausfüllte, als er Paulus begegnete, dort, in der Synagoge von Ephesus. Was Paulus zu sagen hatte, das war so aufregend und so umstürzend, dass er nächtelang nicht ruhig schlafen konnte.
Paulus sagte, was er die ganze Zeit gefühlt hatte: Es war sinnlos, den eigenen Begierden nachzurennen. Es war zwecklos, von einem Tempel zum anderen zu rennen. So würde sich das Glück nicht erzwingen lassen.
Es war ohne Aussicht auf Erfolg, gegen das Böse in sich selbst anzukämpfen. Es war lächerlich, eine Strichliste über die eigenen guten Taten zu führen. So würde sich das Gefühl von Gottes Nähe nicht erzwingen lassen.
Es war alles sinnlos – und so viel einfacher. Paulus sagte, was er sich nie zu träumen gewagt hätte: Jeder Mensch kann Gottes Nähe finden. Gott schenkt sie ihm. Und jeder Mensch kann sein Glück finden. Gott schenkt es ihm. Wenn er, der Mensch, es sich schenken lässt, das eine wie das andere.
Es war ein Wunder für ihn, Paulus so zu hören. Ein Wunder, das nachwirkt, bis heute. Es hält ihn jung. Er kann von ihm nicht schweigen. Er muss von ihm erzählen. Und es anderen Menschen ans Herz legen. Besser noch: Ins Herz schreiben.

Also steht er an seinem Pult und reibt sich über die Verspannungen der Nacht und schreibt. Er schreibt, um Paulus Gedanken zu bewahren und sie weiterzugeben.
Er sieht die Menschen, an die er schreibt, vor sich. Er sieht wie sie zusammenkommen, in ihren Gemeinden, in Ephesus, an anderen Orten ein oder zwei Tagesreisen weiter.
Er sieht sie vor sich wie sie gemeinsam Gottesdienst feiern und den Brief laut lesen, den er ihnen schreibt.
Er staunt: Dass so etwas möglich ist, dass Gott das schenkt. Und so schreibt er:

Noch einmal: Wenn ich mir das alles vor Augen halte, kann ich nicht anders, als anbetend vor dem Vater niederzuknien. Er, dem jede Familie im Himmel und auf der Erde ihr Dasein verdankt und der unerschöpflich reich ist an Macht und Herrlichkeit, gebe euch durch seinen Geist innere Kraft und Stärke.
Es ist mein Gebet, dass Christus aufgrund des Glaubens in euren Herzen wohnt und dass euer Leben in der Liebe verwurzelt und auf das Fundament der Liebe gegründet ist. Das wird euch dazu befähigen, zusammen mit allen anderen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, die Liebe Christi in allen ihren Dimensionen zu erfassen – in ihrer Breite, in ihrer Länge, in ihrer Höhe und in ihrer Tiefe.
Ja, ich bete darum, dass ihr seine Liebe versteht, die doch weit über alles Verstehen hinausreicht, und dass ihr auf diese Weise mehr und mehr mit der ganzen Fülle des Lebens erfüllt werdet, das bei Gott zu finden ist.
Ihm, der mit seiner unerschöpflichen Kraft in uns am Werk ist und unendlich viel mehr zu tun vermag, als wir erbitten oder begreifen können, ihm gebührt durch Jesus Christus die Ehre in der Gemeinde von Generation zu Generation und für immer und ewig. Amen.

(Brief an die Gemeinde in Ephesus 3,14-21 – Neue Genfer Übersetzung)

So schreibt er an die Menschen, die er vor sich sieht – und wer weiß – vielleicht sah er auch uns vor seinem inneren Auge. Sie und euch und mich, die wir jetzt hier feiern.
Ich finde es jedenfalls einen schönen Gedanken, dass sein Gebet auch uns gilt. Dass da einer über Zeiten und Raum hinweg auch für uns betet.
Dass einer für uns – für jeden einzeln und für uns als Gemeinschaft – dass einer für uns vor Gott auf die Knie geht, als Zeichen dafür, wie sehr er bewegt ist, wie sehr es ihm wichtig ist. Dass einer sich für uns an Gott wendet und ihn voller Vertrauen Vater nennt, damit er auch unser Vater sei.
Und das Gebet berührt mich. Gern möchte ich mich ihm öffnen – und dem, worum es für uns, für jeden einzelnen und für uns als Gemeinde, betet.

Da ist die eine Bitte: „Es ist mein Gebet, dass Christus aufgrund des Glaubens in euren Herzen wohnt.
Ja, das möchte ich gern: Dass Christus in meinem Herzen wohnt. Das möchte ich gern, damit ich nicht woanders nach meinem Glück suchen muss. Denn ich trage alle Erfüllung schon in mir.
Wenn Christus in meinem Herzen wohnt, dann brauche ich mich nicht nach etwas anderem zu sehnen. Dann habe ich schon alles, was ich zum Leben brauche.
Dann bin ich nicht unruhig, aus Angst irgendetwas zu verpassen. Dann ist mein Herz ruhig und gelassen, denn was sollte ich verpassen, wenn Gott bei mir ist?
Dann hadere ich nicht mit dem was war oder ist oder sein wird. Dann bin ich zufrieden, mit dem, was ich habe – denn Gott schenkt mir seine Nähe.
Ja, das möchte ich gern – und es ist gut, dass darum einer für mich betet, denn manchmal fühlt sich das Herz leer und gottfern an.

Die nächste Bitte: „Es ist auch mein Gebet, dass euer Leben in der Liebe verwurzelt und auf das Fundament der Liebe gegründet ist.“  
Auch das möchte ich gern, dass mein Leben in der Liebe verwurzelt ist. Denn dann spüre ich, wie die Liebe durch meine Adern strömt, durch mein Wollen und mein Tun. Und dann tue ich, was gut ist.
Dann tue ich, was gut ist für mich. Ich gehe sorgsam und aufmerksam mit mir um, schaue auf meine Kräfte, nutze meine Gaben, achte meine Schwächen, freue mich an mir selber.
Und dann tue ich, was gut ist für andere. Ich gehe sorgsam und aufmerksam mit ihnen um. Ich schaue auf das, was ihnen fehlt und ich ihnen geben kann.
Ich halte aus, was sie mir antun. Und ich suche nach gemeinsamen Wegen um all die Steine herum, die zwischen uns liegen.
Wenn mein Leben in der Liebe wurzelt, trägt es liebevolle Früchte. Und es ist gut, dass darum einer für mich betet. Denn oft genug reichen die Wurzeln nicht tief in den Boden.

Auch so betet der Beter für uns alle und für jeden einzeln: „Ich bete darum, dass ihr die Liebe Christi versteht, die doch weit über alles Verstehen hinausreicht.
Auch das möchte ich gern, damit ich es erhoffe und erahne und – mehr noch – im innersten Inneren und mit allem Denken und Fühlen verstehe: Wie leer und gottfern sich mein Herz auch manchmal anfühlt – Gott schenkt mir seine Nähe.
Ich muss nicht nach ihm suchen, ich muss nicht mein Glück überall und nirgendwo suchen. Wo ich auch hinkomme, wohin ich mich auch wende, er ist längst schon da. Was mich auch bewegt, was mich auch umtreibt, schon längst umfängt und birgt er mich.
Und auch das möchte ich in meinem innersten Inneren und mit allem Denken und Fühlen verstehen: Wie lieblos mir mein Tun und Lassen auch manchmal erscheint und wie vergeblich alle Versuche, es zu ändern: Ich kann es, weil ich es nicht muss, sondern Gottes Liebe mir die Kraft schenkt.
Wenn ich mich auf seine Liebe besinne, dann kann es mir gelingen, dann wird es mir geschenkt, etwas von seiner Liebe in meinen Umgang mit mir selber, mit anderen Menschen zu legen.
Das möchte ich gern im innersten Inneren verstehen – und es ist gut, dass darum einer für mich betet, übersteigt es doch alles Verstehen: Dass kein Ort ohne Gottes Liebe ist und seine Liebe alles ausfüllt.  
 
Und schließlich betet der Beter: „Ich bete, dass ihr mehr und mehr mit der ganzen Fülle des Lebens erfüllt werdet, das bei Gott zu finden ist.
Auch das möchte ich gern spüren und glauben, fühlen und hoffen: Dass in mir das Vertrauen grenzenlos wird. Das Vertrauen, dass nichts mich trennen kann von der Liebe Gottes.
Weder die Hochzeiten meines Lebens, in denen ich mit Jubel angefüllt bin und vor Zuversicht überschäume. Noch die Tiefpunkt meines Lebens, in denen ich am Boden zerstört bin und mir und dem Leben nichts mehr zutraue.
Und auch der Tod kann mich nicht von der Fülle des Lebens trennen, das bei Gott ist und mich ausfüllt. Denn der Tod ist wohl das Ende – aber für mich der Beginn des Lebens.
Und es ist gut, dass jemand darum für mich betet – denn immer wieder nagt der Zweifel am Vertrauen.

So betet der Beter, für uns alle und für jeden einzeln. Und sein Gebet berührt mich – und ich stimme in sein überschwängliches Lob ein:
Gott, der mit seiner unerschöpflichen Kraft in uns am Werk ist und unendlich viel mehr zu tun vermag, als wir erbitten oder begreifen können, ihm gebührt durch Jesus Christus die Ehre in der Gemeinde von Generation zu Generation und für immer und ewig. Amen.

Der Europäische Gerichtshof und das Beten - Ein Dialog

Ich weiß nicht, ob du es wusstest und ihr. Aber: Es gibt ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes zum Beten.
Nein?!
Doch, ist zwar schon was älter. Aber habe ich gestern erst auf Facebook gelesen und auch gleich geteilt.
Und?!
Also: Wenn einer betet und sein Gebet geht nicht in Erfüllung, dann müssen die Kirchen dafür einstehen.
Das ist jetzt nicht dein Ernst?
Doch. Da hatte einer gebetet, dass er zu seinem 30. Geburtstag einen Porsche in seiner Garage stehen hat.
Und das hat nicht geklappt?
Genau. Daraufhin hat er den Papst verklagt – der Kläger ist zum Glück Katholik.
Und hat Recht bekommen.
Ja. Der Europäische Gerichtshof sagt, die Kirchen sagen: Gebete werden erfüllt. Dadurch kommt ein Vertrag zustande. Der Vertrag muss eingehalten werden.
Und wenn Gott das nicht tut, dann müssen die Kirchen einspringen.
So sehen das die Juristen.
Und der Kläger hat jetzt also seinen Porsche?
Ja! Er ist darüber zwar vier Jahre älter geworden. Aber dafür steht jetzt ein Porsche 987 Boxster Spyder in seiner Garage.
Bezahlt vom Papst?
Bezahlt vom Papst! Der fährt ja nur FIAT 500.
Klingt verrückt.
Ist aber ganz logisch.
Was ist daran bitte schön logisch?
Jesus sagt: „Bittet und es wird euch gegeben.“
Achso. „Und wer bittet, der bekommt.“
Und wer bittet und nicht bekommt …
… der kann klagen.
So sehen es der Porschefahrer und der Europäische Gerichtshof.
Eine merkwürdige Logik.
Immerhin nimmt der Porschefahrer ernst, was Jesus sagt. Er hat um etwas gebeten, wie Jesus gesagt hat.
Und hat dann darauf bestanden, dass er es bekommt. Wie Jesus gesagt hat.
Und der Europäische Gerichtshof sagt: Wer etwas verspricht, muss es auch halten. Vertrag ist Vertrag.
Ja, aber...
Was: Ja, aber?
Naja – ein Porsche. Ich bitte dich: Das ist doch keine Bitte!
Achtung. Es könnten Porschefahrer hier sein! Oder solche, die es gerne wären.
Aber stimmt doch: Wenn ein Kranker um Gesundheit bittet. Oder jemand, der im Krieg lebt, Frieden will. Das sind Bitten.
Stell dir vor, die Menschen, die darum bitten, würden klagen. Weil die Gesundheit ausbleibt und der Frieden nicht kommt. Und sie bekommen vorm Gerichtshof Recht.
Dann müssten die Kirchen dafür sorgen, dass …
Stell es dir lieber nicht vor.
Aber was ist dann die ernsthafte Antwort darauf, dass Menschen um etwas bitten – und es bleibt aus?
Ich fürchte, es gibt keine – zumindest keine einfache.
Eine einfache wäre ja: Du hast nicht genug gebetet. Wenn du nur ein wenig länger an die Tür geklopft hättest…
Als wäre beten wie eine Maschine zu bedienen. Wenn du es richtig tust, funktioniert es auch. Und wenn es nicht funktioniert, hast du etwas falsch gemacht.
Oder schlimmer noch: Der Automat ist kaputt. Er schluckt zwar die Gebetsmünze, die du einschmeißt. Aber er wirft  nichts aus.
Das wären die einfachen Antworten. Du betest nicht richtig. Oder: Beten hilft nicht.
Dabei heißt es doch: Da hilft nur noch beten.
Merkwürdiger Satz eigentlich. „Da hilft nur noch beten.“
Klingt ganz und gar halbherzig.
Ja. Wer das sagt, will wohl gar nicht beten. Weil beten erst dann kommt, wenn ich mit den eigenen Kräften nicht mehr weiterkomme.
Dabei soll man doch alles aus eigenen Kräften schaffen. Selbstständig und selbstoptimiert von der Wiege bis zur Bahre.
Ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Und ohne anderen zur Last zu fallen.
Wenn dann nur noch beten hilft …
… dann ist das eine Niederlage. Du fällst Gott zur Last und bist auf seine Hilfe angewiesen.
Und du hast mit einem Mal nichts mehr selber in der Hand. Du bist dann ganz in fremden Händen. In Gottes Hand.
Und genau das heißt beten. Etwas aus meiner Hand geben und es ganz Gott in die Hand legen. Ihm meine Sache, meine Anliegen anvertrauen.
Und es heißt, Gott in Anspruch zu nehmen: Hier ist, was mich bewegt. Hier ist mein Leben. Gott, mach was draus.
Und Gott macht was draus. Nach seinem Willen.
Meine Erfahrung ist: So zu beten kannst du gut lernen, wenn du kleine Kinder hast.
Ja. Da hältst du das kleine große Leben auf dem Arm und merkst, dass du zwar das Kind gut allein tragen kannst – aber nicht die Verantwortung für sein Leben.
Und also suchst du nach einer Hand, in die du die ganze Verantwortung legen kannst.
Und siehe da: Gott hält seine Hand auf. Taufe nennt sich das Gebet dann. Du vertraust dein Kind Gott an.
Weil du erfährst: Es steht nicht in deinen Kräften, dass aus deinem Kind etwas wird.
Und weil du aus Liebe zu deinem Kind Gott in Anspruch nimmst: Er soll deinem Kind helfen.
Und das Schöne an der Taufe ist: Du hörst und siehst und spürst gleich die Antwort auf das Gebet.
Der Segen für das Kind: Gott hält es in seiner Hand. Was auch kommt, es wird gut.
Oder wenn du getauft wirst: Der Segen für dich selber. Gott sagt Ja zu deinem Leben, das du ihm anvertraust.
Die Taufe – ein Gebet mit eingebauter Antwort. Ja, sagt Gott, ich habe dich gehört.
So sollte Beten immer sein. Du legst dein Anliegen und dich selber in Gottes Hand. Und jemand anders sagt dir: Gott hat dich gehört.
Amen.

Samstag, 15. April 2017

Das Ende der Sackgasse

I

Wir stehen am Ende des Weges. Vor uns richtet sich das Kreuz auf – das tödliche Ende einer Sackgasse. Von hier aus geht es nicht mehr weiter.
Es ist der Weg Jesu, der hier und heute endet. Wir sehen auf sein grausames Ende. Wir sehen auf den Schmerzensmann – die Figur, die im Fuß des Altaraufsatzes sitzt.
Sie zeigt Jesus, wie er nie zu sehen war und wir uns ihn doch vorstellen und anschauen sollen. Ganz ruhig und aufrecht sitzt er da. Die Augen sind geschlossen. Die Hände hat er flach auf die Knie gelegt.
Dabei müsste er doch schreien. In der Brust klafft die Wunde die ihm die Soldaten mit der Lanze stechen. Hände und Füße sind von den Nagelmalen gezeichnet. Die Dornenkrone windet sich um den Kopf.
Er müsste doch schreien. Die Wunden schneiden doch ins Fleisch. Das Gefühl, verlassen und verraten zu sein, schneidet doch ins Herz.
Aber er sitzt dort ruhig und aufrecht. Vielleicht damit der, der ihn anschaut, statt seiner anfängt den Schmerz zu fühlen und aufzuschreien.
Das ist doch zum Schreien: So viele Geschichten erzählen davon, wie Jesus Menschen auf neue Wege half. Manchen öffnete er die Augen, andere stellte er auf eigene Beine. Wieder anderen wies er ganz neue Wege. Und alle fanden sie zum Leben.
Aber Jesus selber kann sich nicht helfen und will sich nicht helfen lassen. Er geht den Weg, der ihn ins Verderben führt.
Der Schmerzensmann zeigt noch nicht einmal ein Spur von Zögern oder Angst. Ruhig geht er, bis sich das Kreuz vor ihm aufrichtet – das tödliche Ende einer Sackgasse.

II

Wir stehen am Ende dieses Weges. Es ist auch das Ende des Weges, den Gott mit den Menschen geht.
Jesus stellte die letzte Hoffnung Gottes für seine Menschen dar. Er versuchte, den Menschen das Leben und die Liebe zu zeigen, die in Gottes Geboten steckten. Die Menschen, so scheint es, hatten das ganz vergessen.
Die Gebote, das waren für sie kalte Vorschriften. Manchmal bogen sie die so hin, dass sie von Liebe völlig entleert waren. Und dann wieder machten sie die so starr, dass sie alles Leben erstickten.
Jesus aber wollte zum Leben befreien. Dadurch, dass er den Menschen klar machte: Euer Leben kommt aus Gott. Baut euer Leben auf Gott.
Jesus wollte zur Liebe befreien. Dadurch, dass er den Menschen zeigte: Leben könnt ihr nur mit anderen Menschen gemeinsam. Schaut auf die Menschen an eurer Seite.
Aber Jesus scheitert. Mit ihm scheitert auch Gott. Die Liebe und das Leben, die er für die Menschen will – Menschen sprechen das Todesurteil über sie und nageln sie ans Kreuz.
Damit stirbt auch die letzte Hoffnung der Menschen. Nun sitzen die Menschen fest. Sie sind Gefangene des Todes. Wer auf sein Leben schaut, muss unweigerlich auf seinen Tod schauen.
Der sagt: „Dein Leben ist nichts, ich aber, dein Tod, ich bin alles.“ Der Tod macht Angst. Und Angst macht Wut. Und Wut macht Gewalt.
So sind die Menschen auch Gefangene der Gewalt. Sie wehren sich mit aller Gewalt gegen ihren Tod. Aber gerade damit gehen sie ihm in die Falle.
Sie schwingen sich auf zum Herrn über Leben und Tod. Sie tun anderen Gewalt an, um selber keine zu erleiden. Sie bringen anderen Tod, um dem eigenen Tod zu entfliehen.
Welch ein Irrsinn. Sie schaffen das, wovor sie doch am meisten Angst haben. Gewalt und Tod fallen auf sie zurück. Und am Ende stehen auch sie am Ende der Sackgasse.

III

Es ist also das Ende des Weges, an dem wir angelangt sind. Aber vielleicht tut sich doch noch eine kleine Öffnung auf, ein kleiner Durchschlupf am Ende der Sackgasse.
Was, wenn dieser Tod am Kreuz nicht das Ende, sondern der Anfang ist? Was, wenn der Tod an sich nicht das Ende, sondern ein Beginn ist?

So sagt es der Hebräerbrief:
Christus ist der Vermittler eines neuen Bundes. Der Eintritt seines Todes bedeutet für uns die Erlösung von den Übertretungen aus der Zeit des ersten Bundes. Dadurch können alle, die berufen sind, das versprochene ewige Erbe erhalten.
(Hebräerbrief 9,15)

Jesus stirbt am Ende seines Weges. Es sieht aus, als würden Tod und Gewalt siegen, als hätte Jesus, als hätte Gott ihnen nichts entgegen zu setzen.
Aber dieser Tod am Kreuz ist keiner, der sich spurlos im Nichts verliert. Jesu Tod hinterlässt Spuren in dieser Welt. Er hinterlässt Spuren bei den Menschen und bei Gott. Er knüpft ein neues Band zwischen Gott und den Menschen.
Dort, am Ende der Sackgasse, am Kreuz, kommt Gott dem Menschen so nah wie noch nie zuvor. Gott kommt dem Menschen so nah, dass wir den Schmerz in seinen Augen sehen können.
Wir sehen den Schmerzensmann an und seine Wunden – und sehen die Wunden, die Menschen einander schlagen. Wir sehen, wie Gott an dem leidet, was Menschen einander antun.
Wir sehen, wie Gott mit geschlossenen Augen aushält, wie blindwütig Menschen das Leben vernichten. Gott, so wirkt es, tut nichts. Gar nichts. Der Schmerzensmann sitzt ruhig da, die Hände im Schoß.
Jesus steigt nicht vom Kreuz herunter. Er schlägt nicht mit seiner Allmacht zu. Er überlässt Tod und Gewalt das Feld. Als wäre er ohnmächtig.
Aber gerade darin verbindet sich Gott wieder und neu mit den Menschen: Gott trägt das Leiden. Er erträgt das Leid. Gott erduldet die Gottesferne. Gott duldet den Tod.
Dort, wo wir Gott nicht mehr sehen, wo wir fragen: „Wo ist Gott?“ – genau dort ist jetzt auch Gott. Weil er sich Tod und Gewalt aussetzt, sich ihnen unterwirft, in sie hineingeht.
Menschen wollen dem Tod entfliehen – und bringen einander den Tod. Gott geht in den Tod und hält ihm stand – und bringt Leben.

IV

Wir stehen also am Ende des Weges – und sehen, wie sich ein neuer Weg auftut. Am Kreuz gibt es nichts mehr, was Gott und Menschen trennt.
Tod und Gewalt können die Menschen nicht mehr von Gott trennen – weil Gott selber sie erduldet und erleidet und erträgt. Gott ist dir selbst in der größten Gottesferne noch nah.

Damit wendet sich die Zeit. So sagt es der Hebräerbrief:
Jetzt, am Ende der Zeiten, ist Christus ein einziges Mal erschienen. Und durch sein Opfer hat er die Sünde aufgehoben. Wenn er das zweite Mal erscheint, geschieht das nicht wegen der Sünde. Sondern es geschieht, um alle zu retten, die auf ihn warten.
(Hebräerbrief 9,26b-28)

Die Zeit wendet sich – und hinter dem Kreuz tut sich ein Weg auf. Am Ende der Sackgasse geht es doch weiter.
Dort am Kreuz hebt Gott die Gottesferne auf. Wo ich auch stehe im Leben – es gibt keinen Ort mehr, an dem ich Gott fern bin.
Wo du auch stehst im Leben – an jedem Ort kommt Gott dir nah. Und deshalb ist neues Leben möglich. Und deshalb kann die Angst vor dem Tod schwinden.
Natürlich: Der Tod ist weiter in der Welt und setzt dem Leben seine Grenzen. Die Gewalt zieht weiter ihre Schneisen durch die Welt und schlägt jedem einzelnen Leben Wunden.
Tod und Gewalt haben sich nicht verändert. Aber mein Blick auf sie kann sich verändern.
Ich kann die Grenze annehmen, die der Tod meinem Leben zieht. Weil Christus ihn für jede und jeden von uns getragen hat. Keiner stirbt sich mehr allein. Gott ist auch im Tod bei dir.
Ich kann die Augen öffnen für die Gewalt um mich herum. Weil Christus sie für jede und jeden von uns erlitten hat. Die Gewalt ist weniger zwangsläufig geworden, weil wir ihr nicht mehr wehrlos ausgesetzt sind.
Der wehrlose Christus am Kreuz gibt Kraft, die erhobene Hand zu senken und die andere Wange hinzuhalten.

V

Am Ende des Weges beginnt die Hoffnung. Ich will hoffen, dass – wo und wann Gott will – gar kein Tod und gar keine Gewalt mehr in Menschenleben und in der Welt sind.
Der Tag wird kommen, an dem für Tod und Gewalt kein Platz mehr auf der Welt ist, weil Leben und Liebe alles ausfüllen.
Der Tag wird kommen, an dem alle Wege in die Liebe und zum Leben führen.
Das macht das Kreuz zu einem Hoffnungszeichen. Am Ende der Sackgasse wartet das Leben. Gottes Weg geht weiter.