Sonntag, 26. November 2017

Glänzen wie die Sterne






»Hab keine Angst! Gott liebt dich. Frieden sei mit dir!« (Daniel 10,19.)
Der Engel spricht sacht zu Daniel, berührt leise seinen Arm. Das tut gut. Sehr gut. Tod und Zerstörung hat Daniel gesehen.
Seine Heimat liegt in Trümmern, Jahrzehnte schon. Die Menschen um ihn herum schauen immer noch gebannt auf das Ende, das mit Schrecken kam. 
Er will den Blick lösen von dem, was war. Er will neues Leben, für sich, für die Menschen um ihn herum.
Er hebt den Kopf. Er hebt die Hände. Er klagt das Leid zu Gott. Sein Leid, das Leid der Menschen. Leid, das von Gott kommen muss, wenn es eine Sinn haben soll. Und wenn das Leid von Gott kommt, soll er helfen, es zu tragen.
Da erscheint ihm der Engel. Eine Gestalt aus Licht, die ihn leise anspricht, die ihn sanft anrührt.

»Hab keine Angst! Gott liebt dich. Frieden sei mit dir!« 
Eine spricht mich leise an und legt ihre Hand sacht auf meine Schulter. Ich atme auf, richte mich auf. Da ist eine bei mir. Eine, die mit mir teilt, was mich so einsam macht. Die Trauer, der Schmerz.
Ich möchte eigentlich nicht reden. Nicht über den Tod. Nicht über den Menschen, den er mir genommen hat. 
Ich möchte auch nicht daran denken. Aber ich komme nicht los davon: das letzte Gespräch, der Abschied für immer.
Also erzähle ich doch. Das tut weh. Aber der Schmerz bekommt Worte. Und die Worte kann ich mit ihr teilen.
Sie sagt nichts. Sie sitzt nur da und hört zu. Sie nimmt die Worte auf, in ihr Ohr, in ihr Herz. Und teilt so meinen Schmerz. Mir wird leichter.

Der Engel sagt zu Daniel: »Es wird eine Zeit der Not und Bedrängnis sein, wie es sie seit Menschengedenken nicht gegeben hat.« (Daniel 12,1b.)
Daniel wünscht sich etwas anderes. Es kann doch einfach vorbei sein. Und etwas Neues anfangen. Er und alle Menschen um ihn herum wischen die Tränen ab und krempeln die Arme hoch und packen an.
Stück für Stück nehmen sie die Trümmer, die herumliegen, und bauen sie wieder auf: die Häuser, die Heimat, die Zukunft.
Und dann wird es so sein, als sei nie etwas gewesen. Bald schon werden sie vergessen haben, dass es jemals Trauer und Trümmer gaben.
Doch der Engel lässt Daniel dort sitzen. Inmitten von Not und Bedrängnis. Als seien sie unausweichlich. Nichts, das ohne weiteres einfach aufhört.

»Es wird eine Zeit der Not und Bedrängnis sein, wie es sie seit Menschengedenken nicht gegeben hat.«
Ich würde den Tod und die Trauer gern abschütteln können. Wie einen schlechten Traum etwa. Schon bei der ersten Tasse Kaffee beginnt er zu verblassen.
Doch Tod und Trauer verfliegen nicht. Auch wenn ich mich Tag für Tag einen Schritt entferne vom offenen Grab, an dem ich stand.
Tod und Trauer laufen mit und manchmal bringen sie mich zum Stolpern, mitten im Alltag oder an einem Tag wie heute.
Ich stehe ihnen wieder gegenüber, dem Schmerz und dem Abschied. Auch wenn ich sie dann schon längst kenne, erlebe ich sie wieder neu. Durchdringend, aufwühlend.
Jetzt weglaufen, hilft nicht. Die Augen schließen und langsam bis drei zählen auch nicht.
Ich muss ihnen in die Augen schauen, dem Tod und der Trauer. Sie gehören zu meinem Leben.

Der Engel sagt Daniel: »Aber dein Volk wird gerettet werden, alle, deren Namen im Buch Gottes geschrieben stehen.« (Daniel 12,1b.)
Daniel sieht sie vor sich: eine große, dicke Rolle aus Papyrus. Sie rollt sich auf vor seinem inneren Auge auf und zeigt eine endlose Reihe von Namen.
Aus jedem Namen steigen ein Gesicht auf und eine Geschichte. Die Namen mögen sich wiederholen. Die Gesichter und die Geschichten sind alle einzigartig.
Vielleicht ist diese Rolle der größte Schatz, den Gott besitzt: Zu jedem Namen, der in ihr steht, gehört ein Leben. Gott hält die Namen fest – und er bewahrt jedes Leben.
Kein Mensch geht Gott verloren. Von ihm kommen sie, zu ihm gehen sie. Er segnet ihren Ausgang und Eingang.

»Aber dein Volk wird gerettet werden, alle, deren Namen im Buch Gottes geschrieben stehen.«
In meinem Herz stehen auch Namen. Von Menschen, die gestorben sind. Manche zu früh. Andere, als es Zeit war.
Ich trage ihre Namen weiter in mir. Deswegen haben Tod und Trauer noch Macht über mich. Manchmal fängt das Herz an zu bluten, wenn ich an diese Menschen denke.
Die Gesichter und die Geschichten steigen auf, die zu den Namen gehören. Ich kann sie vor mir sehen, ich kann sie erzählen. Die Trauer beginnt sich zu verwandeln. 
Sie fängt an zu lächeln. Sie wird warm. Weil sie sich mit Leben füllt. Mit dem Leben, das ich mit den Menschen geteilt habe.
Jemand ist erst tot, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Also erinnere ich mich und trage den Menschen im Herzen.
Und vertraue, dass Gott das auch tut. Er schreibt die Namen aller Menschen in sein Herz. Er trägt sie alle in sich, die Namen und die Gesichter und die Geschichten.

Der Engel sagt zu Daniel: »Viele, die in der Erde schlafen, werden erwachen, die einen zu ewigem Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.« (Daniel 12,2.)
Daniel stellt sich das vor: Menschen stehen auf aus dem Tod wie aus einem Schlaf. Auf ihren Gesichtern stehen ihr Tod und ihr Leben geschrieben.
Ruhe geht von den einen aus, der Friede, den sie gefunden haben. Sie sind im Reinen mit dem Leben, das sie lebten.
Erschrocken sehen die anderen aus. Weit aufgerissene Augen, als hätte ihnen jemand den Blick aufgetan für das, was sie anderen Menschen angetan haben.
Daniel sieht das Gericht und was es mit den Menschen macht. Es sorgt für Gerechtigkeit, endlich. Für eine Gerechtigkeit, die Daniel hier, in diesem Leben vermisst.
Hier leiden die Gerechten, weil sie nicht auf Kosten anderer leben wollen. Aber die Ungerechten fahren die Ellbogen aus – und haben ein gutes Leben.
Dort aber, im Gericht, wird Gott das zurecht bringen. Die gerechte Strafe für die einen und und für die anderen den gerechten Lohn. Es muss diesen Ort geben, an dem die Gerechtigkeit herrscht. So sieht es Daniel.

»Viele, die in der Erde schlafen, werden erwachen, die einen zu ewigem Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.«
Ich schaue auf den Tod und sehe eine Tür, die sich öffnet. Eine Tür aus Licht in einer dunklen Wand. Ich stelle mir vor, jeder geht durch diese Tür. Auch ich, wenn es an der Zeit ist.
Dann stehe ich auf der Schwelle dieser Tür. Und muss Rechenschaft ablegen über mein Leben.
Bist du den Menschen gerecht geworden, denen du begegnet bist? Bist du dem gerecht geworden, was dir für dein Leben anvertraut wurde?
Ich sehe wie wertvoll das Leben ist: Auch wenn mein Leben vielleicht nur ein Wimpernschlag ist: Es kommt darauf an, wie ich mein Leben lebe. Jedes Leben hinterlässt Spuren, auch meines. 
Ich stelle mir vor: Wenn ich in der Tür stehe, werde ich mit Gott zurück auf diese Spuren sehen. Gott wird mich nicht allein lassen mit dem, was ich sehe, an Schönem, an Schwerem.
Danach werde ich mich umwenden. Und dann gibt es nur einen Weg, den Gott mich über die Schwelle führen wird: den Weg ins Licht, ins ewige Leben. Weil Gott es für jeden so will.

Der Engel sagt Daniel: »Die Einsichtigen werden leuchten wie der taghelle Himmel, und alle, die anderen den rechten Weg gezeigt haben, werden glänzen wie die Sterne für ewige Zeiten.« (Daniel 12,3.)
Daniel sieht den taghellen Himmel. Er sieht das ewige Blau, das sich über ihm wölbt. Er sieht die Sonne, von der er weiß, dass sie untergeht, um wieder aufzugehen.
Und er sieht das Bild, das der Engel ihm malt: Das Leben eines Menschen gleicht einem Tag, der am Ende in der Nacht versinkt. Aber aus der Nacht geht ein neuer Tag hervor. 
Aus dem Tod geht neues Leben hervor. Dieses neue Leben leuchtet wie der ewige Himmel. Unerreichbar nah in seiner blauen Weite. Ein Ort jenseits aller Orte. Er leuchtet für die Ewigkeit: Zeit jenseits aller Zeit.

»Die Einsichtigen werden leuchten wie der taghelle Himmel, und alle, die anderen den rechten Weg gezeigt haben, werden glänzen wie die Sterne für ewige Zeiten.«
Da stehe ich eines Abends und schaue in den Himmel über der Marsch. Dunkel und schwarz liegt er über mir. 
Ich schaue hin und sehe den ersten Stern. Und den zweiten. Ich sehe das erste Sternbild und das nächste. Immer mehr Lichter durchbrechen das Dunkel und verweben sich zu einem unendlichen Lichtmuster.
Der leuchtende Nachthimmel gefällt mir als Bild für den Tod und das Leben. Dunkel auf den ersten Blick und doch voller Licht wölbt er sich über mir.
Der dunkle Himmel kann das Licht nicht schlucken, der Tod nicht das Leben.
Die, um die ich trauere, leuchten weiter, auch im Tod. Jeder, der stirbt, trägt ein weiteres Licht in die Todesnacht. Wer hier liebt und lebt, leuchtet dort weiter. Die, von denen ich Abschied nehmen musste. Eines Tages auch ich.

»Hab keine Angst! Gott liebt dich. Frieden sei mit dir!«

Freitag, 24. November 2017

Davon redet der Mund

Der "grüne Mann" in der Elisabethkirche" in Marburg (Foto: B. Dietrich)
Ein Gesicht, aus dem grüne und goldene Blätter wachsen: Wer die Elisabethkirche in Marburg besucht, wird erstaunt diese Figur entdecken.
Sanft schaut sie den Betrachter mit einem freundlichen Gesicht an. Die Gesichtszüge sind weich und zugewandt – kaum zu entscheiden, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.
Grün und golden glänzen die Blätter, die aus dem Mund und der Stirn dieses Menschen kommen, so als würden gute Worte und Gedanken aus ihm herauswachsen.

Jesus sagt:
Entweder der Baum ist gut und dann sind auch seine Früchte gut. Oder der Baum ist schlecht und dann sind auch seine Früchte schlecht. Denn an seinen Früchten könnt ihr den Baum erkennen.
(Matthäusevangelium 12,33 -- www.basisbibel.de)

Was dieses Gesicht in der Elisabethkirche hervorbringt, ist gut. Es schaut nicht nur freundlich, seine Worte und Gedanken sind deutlich. Es sieht mich an, als fragte es:
Und wie ist es mit deinen Gedanken und Worten? Sind sie gut oder böse, heilsam oder zerstörerisch?

Worte haben Macht, mit ihnen kann man anderen Menschen helfen. Aber auch Streit zwischen Menschen beginnt meist mit Worten. Solche bösen Worte können das Zusammenleben von Menschen vergiften und zerstören.
Da sagt eine Frau über ihre Mutter: „Die ist für mich gestorben.“
Grausamer kann man sich wohl nicht von einem anderen Menschen lossagen; ein endgültiger Trennungsstrich. Solche Worte treffen die alte Frau direkt ins Herz.
Oder jemand sagt in einem unbedachten Moment etwas Schlechtes über einen anderen, vielleicht: „Dein hässliches Gesicht will ich nicht mehr sehen.“
Kaum gesprochen, tut es ihm schon leid, doch nun ist es zu spät. Alle Beteuerungen und Entschuldigungen helfen nichts: Was einmal gesagt ist, lässt sich nicht mehr zurückholen, lässt sich nicht mehr ungesagt machen.

Das Wort ist schneller, das schwarze Wort“, dichtet Hilde Domin. „Es kommt immer an, es hört nicht auf, anzukommen. Besser ein Messer als ein Wort. Ein Messer kann stumpf sein. Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei. Nicht das Wort.“

Jesus sagt:
Am Tag des Gerichts werden die Menschen Rechenschaft ablegen müssen für jedes sinnlos dahergesagte Wort! Denn aufgrund deiner eigenen Worte wirst du freigesprochen. Und aufgrund deiner eigenen Worte wirst du schuldiggesprochen.«
(Matthäusevangelium 12,36-37 -- www.basisbibel.de)

Dafür ist der Buß- und Bettag da, als kleiner Tag des Gerichts: Damit wir Rechenschaft ablegen vor uns selbst und vor Gott. Rechenschaft über unnütze und unwahre Worte, die aus unserem Mund kommen.

Jesus sagt:
Ihr Schlangen! Wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid? Denn wovon das Herz voll ist, davon redet auch der Mund.
(Matthäusevangelium 12,34 -- www.basisbibel.de)

Die Worte weisen zurück auf den, der sie sagt. Wie die Früchte an einem Baum, so stehen die Worte im Zusammenhang mit der Person, die sie spricht.
Jeder bringt nur das hervor, was in ihm steckt. Das trifft, weil wohl jede und jeder weiß: Es ist nicht immer gut, was ich sage, es gibt Worte, die verletzt und verstoßen haben.
Oder ich habe nichts unternommen gegen Worte, die unwahr und zerstörerisch wirkten. Ich habe den Mund nicht geöffnet, um dagegen zu reden.
Wer könnte da von sich behaupten, wie ein guter Baum zu sein? Unsere Worte sind wie ein Spiegel, der uns zeigt, wie wir sind.

Da nützen dann auch gute Vorsätze nicht. Etwas mehr Vorsicht im Umgang mit den Worten ist zwar lobenswert, macht mich aber nicht zu einem anderen Menschen.
Wohlklingende Worte können mein Wesen nicht ändern. Ich wäre dann nur wie der Wolf, der Kreide gefressen hat – aber der Wolf bin ich weiterhin.
Wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid?“

Buße ist mehr als das Erkennen der unnützen Worte und der Versuch, es künftig besser zu machen. Es reicht nicht, es mit guten statt faulen Früchten zu versuchen.
Es käme darauf an, ein guter Baum zu werden. Das meint Jesus mit Buße: eine Umkehr, die an die Wurzeln geht.
Das meint Luther mit der ersten von seinen 95 Thesen:
Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße, hat er gewollt, dass alles Leben der Gläubigen Buße sein soll.“

Umkehren, wie kann das gehen? Wie wird aus einem faulen Baum ein guter? Wie kommen wir zu einer guten Wurzel und guten Worten?

Jesus sagt:
Ein guter Mensch holt aus der guten Schatzkammer in seinem Innern nur Gutes hervor. Ein schlechter Mensch holt aus seiner schlechten Schatzkammer nur Schlechtes hervor.
(Matthäusevangelium 12,35 -- www.basisbibel.de)

Vielleicht wäre das ein Bild für die Umkehr: Wir steigen in die doppelte Schatzkammer in unserem Herzen hinab.
Wir gehen mit Gott in die schlechte Schatzkammer. Vielleicht heute, am Buß- und Bettag. Wir schauen uns all das an, was dort verführerisch glänzt: Scharfe, blitzende Worte, die dazu geschaffen sind, andere zu verletzen.
Wir nehmen diese Worte und drücken sie Gott in die Hand: Nimm du sie mit, ich will sie nicht mehr gebrauchen.
Und dann lassen wir uns von Gott in die andere Schatzkammer führen, die gute Schatzkammer. Und bitten Gott, dass er dort all die Worte ablegt, die er mitgebracht hat.
Worte, die verbinden und zusammenbringen. Die anderen sagen, was sich keiner selber sagen kann: Ich liebe dich.

Und wer weiß, vielleicht verändert sich dann unser Gesicht. Wird weich und zugewandt. Und grün und golden glänzen die Blätter, die aus dem Mund und der Stirn wachsen.

Mit Gedanken und Worten von Matthias Wöhrmann.

Streit! für den Frieden

Mit dem Streiten ist das so eine Sache.
Auf der einen Seite gibt es die, die jedem Streit aus dem Weg gehen. Sobald man anfangen will, mit ihnen zu streiten, suchen sie das Weite. Sie haben etwas Dringendes zu tun oder gehen einfach nur ins Bett.
Auf der anderen Seite gibt es die, die den Streit suchen. Sobald man anfängt zu streiten, brausen sie auf. Bestenfalls fahren sie einem über den Mund, schlimmstenfalls hauen sie einem auf die Nase.
So richtig streiten können weder die einen noch die anderen.
Die einen schrecken vor dem Streit zurück. Aus Angst, dass sie verlieren könnten. Nicht den Streit, sondern den Menschen, mit dem sie sich streiten müssten. Was, wenn sie am Ende des Streits einander nicht mehr in die Augen schauen können?
Die anderen brauchen den Streit. Nicht, weil ihnen die Sache wichtig wäre, um die sie sich streiten. Ihnen geht es beim Streiten um die Macht. Die hat, wer sich durchsetzt und den Streit gewinnt. Also wollen sie streiten, bis sie die Gewinner sind. Und das ohne Rücksicht auf Verluste.

Mit dem Streiten ist das so eine Sache.
Jesus sagt: „Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin.“ (Lukasevangelium 6,29 -- www.basisbibel.de.)

Zumindest für die, die den Streit suchen, klingt das nach einem aberwitzigen Ratschlag: Wie soll ich einen Streit gewinnen, wenn ich klein beigebe? Die andere Backe hinzuhalten, das heißt doch: klein beigeben.
Aber auch für die, die einen Streit kaum ertragen können, ist die Vorstellung erst recht unerträglich. Nur die andere Backe hinhalten und dem anderen einfach das Feld überlassen? Der wird sich doch in die Faust lachen, bevor er mit ihr zuschlägt.

Auch wenn also jeder diesen Jesusratschlag kennt und ihn immer mal wieder gern zitiert – kaum einer folgt ihm tatsächlich.
Das hat womöglich etwas damit zu tun, dass streiten einen gefangen nimmt. Wenn ich erst einmal damit anfange, komme ich nur schwer wieder heraus.
Aus dem Ärger über eine geöffnete Zahnpastatube werden kleinere Diskussionen über Ordnung und Sauberkeit werden Vorwürfe der Schlampigkeit und Spießigkeit werden Lästereien gegenüber den Freunden werden Auszugsdrohungen werden getrennte Wege werden übles Nachtreten.
Was im Kleinen geht, läuft auch im Großen: Aus dem Ärger über einen Raketentest wird Drohung von angemessenen Antworten wird Verlegung von Kriegsschiffen und Mobilmachung wird der Druck auf den roten Knopf.
Wer hineingerät in die Spirale, kommt nur schwer wieder hinaus. Immer schneller dreht sie sich, bis alles zu spät ist. Es sei denn, jemand hält sie rechtzeitig an, irgendwie.

"Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin."

Das kann das Irgendwie sein, mit dem sich die Spirale anhalten lässt, bevor sie ins Drehen kommt.
Wenn ich es in der Hitze des Streites nicht vergesse und mich daran halten kann, dann bin ich schon einmal ausgestiegen aus der Spirale.
Ich verzichte darauf, ein böses Wort mit einem bösen Wort zu erwidern und wandle es stattdessen in ein ehrliches Kompliment um.
Und plötzlich dreht sich die Spirale ein klein wenig langsamer und auch der andere kann aus ihr aussteigen. Wenn er es denn will.
Dass er es tut, habe ich nicht in der Hand. Aber ich kann ihm wenigstens die andere Backe hinhalten und meine Hand reichen. Und wenn ich es das zweite und das dritte Mal tue, steigt er womöglich auch aus.

Oder bleibt darauf zu setzen weltfremd und gutgläubig?
Wenn das so ist, ist es auch der andere Jesussatz, der gern zitiert wird.
Jesus sagt: „Liebt eure Feinde.“ (Lukasevangelium 6,27 -- www.basisbibel.de.)

Liebe macht blind, heißt es. Kann sein, dass das auch für die Feindesliebe gilt. Vielleicht ähnelt sie einem Paar Scheuklappen.
Ich setze sie auf, um nicht sehen zu müssen, was der Feind anrichtet. In der Annahme, dass ich, wenn ich es nicht sehe, auch nicht mit ihm streiten muss.
Dann wäre Feindesliebe nichts anderes als eine Ausrede für meine eigene Feigheit. Ich bin zu feige, zu streiten, wo ich streiten müsste.

Aber Liebe macht nicht blind, Feindesliebe auch nicht. Was blind macht, ist der Hass.
Wer hasst, sieht – wenn er noch etwas sieht – nur noch Zerrbilder. Er sieht in seiner verdrehten Welt allein das, was er sehen will. Und er macht sich sein Zerrbild vom anderen.
Das gelingt besonders gut dort, wo ich den anderen nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern nur virtuell sehe.
Da liest einer in irgendeiner Facebook-Gruppe nur einen halben Satz eines anderen, den er nicht einmal kennt, und schon reißt ihn der Hass hin.
Der Kommentar ist schnell geschrieben, vollgepackt mit Vorurteilen, Unterstellungen und Beschimpfungen. Dann wird das Ganze noch eifrig geteilt und schon ist eine Lawine aus Hass losgetreten.

Hass macht blindwütig. Liebe dagegen öffnet beide Augen. Das eine Auge sieht den anderen Menschen. Das andere Auge sieht seine Meinungen.
Und beide Augen zusammen können das auseinander halten: Den anderen Menschen und die Meinung, die er vertritt. Die Worte, die er sagt, und der Mensch, der er ist.
Dann kann das gelingen: Mit dem anderen in der Sache zu streiten, ohne ihn persönlich zu verletzen. Den anderen zu schätzen und zugleich seinen Aussagen mit Argumenten zu widersprechen.

Darum muss man streiten, in den Internetforen wie im wirklichen Leben: Dass Vorurteile durch belastbare Fakten ersetzt werden.
Ein Sozialwissenschaftliches Institut hat beispielsweise in europäischen Ländern und in den USA gefragt, wie hoch denn der Anteil der Muslime im jeweils eigenen Land liege.
Die in Deutschland Befragten meinten, jeder Fünfte hier sei Muslim. Statistisch nachweisbar ist es nur jeder Zwanzigste.
Auch in allen übrigen Ländern lag der gefühlte Wert der Umfrage zufolge deutlich über dem tatsächlichen Wert.
Übrigens: Der tatsächliche Anteil der deutschen Juden lag 1933 bei unter einem Prozent der Bevölkerung. Aber diese Zahl konnte dem Hass, der wütete, den Boden nicht entziehen.

Auch darum muss man streiten: Um dem Hass entgegen zu treten, wo er einem begegnet. Eine Beleidigung auch eine Beleidigung zu nennen, wenn es eine ist – ohne dabei selber zu beleidigen.
Laut und deutlich zu sagen und zu schreiben: Beschimpfungen und Verleumdungen sind kein Umgang, persönliche Angriffe sind weder unter noch über der Gürtellinie zulässig.
Auch und gerade dann, wenn die Angriffe nicht dir gelten, sondern anderen. Ein Feuerwehrkamerad rückt ja auch bei jedem Feuer aus – und nicht nur dann, wenn das eigene Haus brennt.

Jesus sagt: "Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin." Und er sagt: "Liebt eure Feinde".

Das kann gelingen, wenn du es für andere tust. Weißt du, wofür und für wen du streitest, wirst du das Streiten lernen.
Und es lohnt sich, zu streiten. Ohne Streit gibt es keinen Frieden.

Das ist so im großen Zusammenleben von Menschen, in der Demokratie. Sie lebt vom Streit. Um Windkrafträder und Hotels. Um offene Grenzen und Obergrenzen. Um Werte und Zukunft.
Der Streit ist dazu da, Positionen zu klären und Argumente zu schärfen und Entscheidungen vorzubereiten.
Am Ende führt der Streit in den Frieden: eine Entscheidung, die von allen angenommen wird.

Das ist auch so im kleinen Zusammenleben von Menschen, in Paaren, in Familien. Auch das lebt vom Streit. Um Urlaubsziele und Zahnpastatuben. Um Mittagessen und Erziehung. Um Hobbies und Zeit.
Der Streit ist dazu da, Freiräume zu klären und Vorstellungen auszutauschen und gemeinsame Wege zu finden.
Und am Ende führt der Streit in den Frieden: eine Zukunft, die alle miteinander teilen wollen.

Aber mit dem Streiten ist das eben so eine Sache: Die miteinander streiten, müssen den Frieden wollen.

Aber wenn sie ihn wollen, werden sie ihn auch schließen.

Samstag, 11. November 2017

Angst weicht Segen

Jetzt ist die Zeit der Gnade. Stumm steht der Mann in der Menge. Mittendrin und doch nicht so recht dabei. So ist es jedes Mal. Er ist immer dabei. Aber er gehört nicht dazu. Er ist da und ist es doch auch nicht.
Er war nicht immer so. Früher gehörte er dazu. Als Kind spielte er mit den Kindern auf der Straße. Er warf mit Kieseln auf Spatzen. Er hütete die Ziegen im Dorf.
Er wurde groß, wie die anderen. Das Dorf wurde ihm zu klein. Er packte seine Sachen und zog los. Er wollte etwas sehen, die Stadt, die Welt.
Nach drei Jahren war er wieder da. Eines Tages stand er auf der Dorfstraße. Und schwieg.
Spricht ihn jetzt einer an, sieht er ihn mit großen Augen an. Und schweigt. Wenn er etwas braucht, zeigt er mit der Hand darauf. Und schweigt.
Seine Nachbarn sagen über ihn: Er ist besessen. Ein böser Geist lähmt ihm die Zunge. Ein Dämon hat ihm die Sprache genommen.

Aber hier ist der Tag des Heils. Jesus steht vor dem Stummen. Sie schauen sich an. Der Stumme und der Prediger. Der Heiler und der Besessene. Lange schauen sie sich an.
Jesus sieht dem Mann in die Seele. Er sieht das Dunkel dort, den Schmerz. All die Erlebnisse, die dort eingeschlossen sind, weil für sie die Worte fehlen.
Der Mann sieht das Angesicht, das ihn freundlich anschaut. Es leuchtet. Es bringt Licht in sein Dunkel. Etwas löst sich in ihm.
Jesus hebt die Hand an seine eigenen Lippen. Er streckt den Arm aus und berührt mit einem Finger die Lippen des anderen.
Der Mann öffnet den Mund. Er atmet ein. Er atmet aus. Und sagt zwei Worte: „Ich lebe!“

Jetzt ist die Zeit der Gnade, hier ist der Tag des Heils. Vielleicht hat sich es so ereignet, als der Stumme und Jesus sich begegneten. Das Lukasevangelium erzählt davon, kurz und bündig:

Jesus trieb einen Dämon aus, der stumm war. Dann, als der Dämon ihn freigab, konnte der Mann sprechen. Die Volksmenge staunte.
(Lukasevangelium 11,14 -- www.basisibibel.de)

Was mag der Mann noch gesagt haben, außer „Ich lebe“? Welche Worte und Geschichten brachen aus ihm hervor, nachdem sie so lang in ihm eingeschlossen waren?
Lukas erzählt davon nichts. Der Mann verschwindet ohne weitere Worte in der Menge. Gern würde ich sehen, wie Jesus ihm nachgeht, um all das zu hören, was der Mann zu erzählen hat von dem, was ihn stumm machte.
Aber Jesus bleibt in der Menge stehen. Sie hält ihn zurück. Lukas erzählt:

Einige der Leute sagten: »Beelzebul, der höchste der Dämonen, hilft ihm, andere Dämonen auszutreiben.« Andere wollten ihn auf die Probe stellen. Sie verlangten von ihm ein Zeichen vom Himmel.
(Lukasevangelium 11,15-16 -- www.basisibibel.de)

Jetzt ist die Zeit der Gnade? Es sieht vielleicht so aus. Aber wer kann sich da sicher sein? Das Heil, hier?
Sie sind zwar mittendrin, aber doch nicht so recht dabei. Sie sehen, wie es geschieht. Doch was geschieht, das sehen sie nicht. Die weiten Augen geschlossen.
Das macht die einen misstrauisch und lässt die anderen zweifeln. Ein Verdacht, der aufsteigt und sich hartnäckig einnistet. Fragen, die sie leise und laut stellen.

Woher hast du deine Macht?, fragen die einen Jesus. Sie rechnen damit, dass einer Macht haben kann, wie Jesus sie hat. Aber sie trauen der Macht nicht.
Zu mächtig ist sie ihnen. Was, wenn sie in ihren Bann geraten? Was, wenn sie sich nicht wehren können? Gegen das, was mit ihnen geschieht? Was einer mit ihnen anstellt?
Wer sagt ihnen, dass die Macht, der sie sich ausliefern, gut ist? Ein Segen? Angst baut sich vor dem Vertrauen auf.

Hast du überhaupt die Macht, fragen die anderen Jesus. Kann das nicht alles nur Zufall sein. Ein glückliches Zusammentreffen noch glücklicherer Umstände?
Vielleicht kann man das ja auch alles erklären. Vielleicht hat das, was wunderbar erscheint, seine nachvollziehbaren Ursachen und Wirkungen.
Wer sagt denn, dass es das tatsächlich gibt: eine Macht, die ganz machen kann. Einen Segen? Zweifel entziehen dem Vertrauen den Boden.

Manchmal halten Angst und Zweifel einen davon ab, sich in das Vertrauen zu werfen. Dann hat Glaube es schwer.
Dabei haben sie doch alles vor Augen, nur sehen sie es nicht.

Aber Jesus wusste, was sie dachten, und sagte zu ihnen: »Jeder Staat geht unter, wenn seine Machthaber im Streit liegen, und ein Haus stürzt über dem anderen ein. Wenn nun der Satan mit sich im Streit liegt: Wie soll dann sein Reich bestehen?
Ihr behauptet ja, Beelzebul hilft mir, die Dämonen auszutreiben. Aber wenn Beelzebul mir hilft, die Dämonen auszutreiben: Wer hilft dann eigentlich euren Anhängern, sie auszutreiben? Deshalb werden eure eigenen Leute eure Richter sein.
(Lukasevangelium 11,17-19 -- www.basisibibel.de)

So erzählt Lukas weiter. Davon, wie Jesus um Vertrauen wirbt. Gegen die Angst und gegen die Zweifel.
Dämonen sind das, was einen gefangen nimmt. Was einen immer fester umklammert, bis die Luft zum Atmen knapp wird.
Aber das, was einen gefangen nimmt, hat keine eigene Kraft. Dämonen sind Schmarotzer. Sie saugen ihre Kraft aus denen, die sie mit ihrem Griff einschnüren.
Sie zehren von der Angst, die sie in Kopf und Herz säen. Dort geht die Saat auf und wuchert und wuchert, bis sie alles Leben unter sich erstickt. Wer soll sich daraus dann noch selber befreien, gelähmt und verstummt vor Angst?
Jesus ist das Gegenteil eines Dämons. Er lebt nicht von der Kraft anderer. Er verschenkt die Kraft, die in ihm fließt. Das Leben, das in ihm stark ist, springt über.
Ein Finger nur, mit dem er über die Lippen fährt. Ein Blick nur, mit dem er in die Seele schaut. Und der Dämon zieht sich zurück, fährt aus, gibt frei. Die Angst weicht dem Segen.

Eine Sehnsucht, die sie teilen: Diejenigen, die der Dämon gepackt hat. Und diejenigen, die daneben stehen und hilflos zusehen.
Eine Sehnsucht, die sich erfüllt: Das Leben atmen wie die kühle Luft an einem klaren Herbstmorgen.

Auch das sagt Jesus noch: Wenn mir aber der Finger Gottes hilft, Dämonen auszutreiben: Dann ist das Reich Gottes doch schon zu euch gekommen!
(Lukasevangelium 11,20 -- www.basisibibel.de)

Eine Sehnsucht, die sich erfüllt. Nicht irgendwann, wenn am Ende alles gut wird. Nicht irgendwo, wo sich jenseits des Horizontes alles zum Guten wendet.
Nein. Jetzt ist die Zeit der Gnade, hier ist der Tag des Heils. Mittendrin im Leben.
Das Reich Gottes: Nicht von dieser Welt, aber mitten in ihr. Es schlägt sein Zelt auf und birgt den Menschen. Dann, wenn es gebraucht wird. Dort, wo es nötig ist.

Die Frau hat sich auf ihr Bett gelegt. Die Jacke hat sie noch ausgezogen, die Schuhe hat sie angelassen. Die Decke zieht sie bis übers Kinn.
Sie weint. Sie kann nur noch weinen. Und schlafen. Erschöpft ist sie, grenzenlos erschöpft.
Der Koffer liegt offen und unausgepackt im Flur. In der Küche stehen überall dreckige Tassen.
Es klopft an der Tür. Sie antwortet nicht. Ein Freund tritt ein, sucht sie, setzt sich zu ihr ans Bett. Sie hält die Augen geschlossen. Ihre Hand sucht seine Hand.
Hilf mir“, sagt sie. „Lass mich nicht allein. Hilf mir.“ – „Ich bin da“, sagt er, „ich helfe dir.“
Sie hält seine Hand. Sie weint. Er spürt ihren Griff. Fest und unruhig erst. Dann, nach einer langen Weile, wird er weicher. Wie bei einem Kind, das endlich in den Schlaf findet.
Behutsam steht er auf und geht in die Küche. Er räumt auf, er wäscht ab. Immer wieder schaut er nach ihr. Sie schläft.
Er setzt sich wieder zu ihr, nimmt sich ein Buch, schaut ihr beim Schlafen zu. Sie wacht auf, als es draußen dämmert.
Ein müdes Lächeln, als sie ihn sieht. „Du bist noch da.“ – „Ja, ich bin noch da.“ – „Warum bist du eigentlich gekommen?“ – „Ich wollte dich zu einem Spaziergang abholen.“
Sie schließt die Augen und schweigt. Dann schlägt sie die Bettdecke zurück und richtet sich langsam auf. „Dann lass uns gehen.“


Sonntag, 5. November 2017

Zwischendurch vereinzelt Frieden

Sieben Menschen sitzen um einen Tisch. Drei Frauen, vier Männer. Vor sich ein Glas Wein, eine Scheibe Brot.
Ein dunkelhäutiger Mann sitzt dort, die rechte Hand verbunden. Einer, der den Krieg erlebt hat, als Opfer und auch als Täter.
Neben ihm eine Frau, kerzengerade, aufmerksam, zugewandt. Sie sitzt für gewöhnlich an vornehm gedeckten Tafeln, führt gebildete Tischgespräche und hat auch sonst etwas zu sagen.
Immer noch etwas zu sagen, das hat auch der Mann daneben. Wenn alles seine zwei Seiten hat, kennt er auch noch die dritte. Wer zweifelt, ist immer im Recht.
Auch der Clown neben ihm lässt sich nicht festlegen. Alles ist Spiel für ihn. So hält er sich den Ernst des Lebens vom Leib, der ihn von allen Seiten bedrängt.
Zum Beispiel die alte, blinde Frau neben ihm. Die Trauer, die Armut haben ihr Gesicht wie ihr Leben tief gezeichnet. Hoffnung verspricht allenfalls das Ende.
Die junge Frau neben ihr dagegen, sie versprüht die Lust am Leben. Das zieht die Männer an, die sie für ihre Lust bezahlen. Verkaufte und gekaufte Liebe.
Das ist gegen all die Regeln, die für den Mann neben ihr maßgeblich sind. Er lebt nach Recht und Ordnung, weiß für sich und für andere, was richtig ist.

Ein merkwürdige Gesellschaft, die sich an dem Tisch eingefunden hat.
Auf der einen Ebene, der Sachebene, hat sie der Maler Sieger Köder dort hingesetzt, für sein Wandbild im Essensraum eines Studienkollegs in Italien.
Und auf der anderen, der Bildebene?
Die sieben Menschen sind alle auf einen achten am Tisch ausgerichtet. Sein Gesicht ist nicht zu sehen. Nur die Hände, die Brot austeilen und zum Wein einladen.
„Nehmt und esst“, sagen die Hände, „nehmt und trinkt!“
„Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Bei mir werdet ihr Ruhe finden.“
Und die drei Frauen und vier Männer nehmen aus den Händen von Jesus das Brot und sie nehmen den Wein. Und sie kauen und schlucken, schweigend. Den Blick nach innen gerichtet.
Es ist so leise, dass fast zu hören ist, wie die Spannung aus ihnen weicht, aus jeder und jedem einzelnen.
Der Rechtschaffene und die feine Dame lehnen sich zurück und legen die Rollen und Regeln ab, nach denen sie spielen. Sie genießen den Augenblick, in dem sie einfach nur sind, wie sie sind.
Die Hure und der Soldat weinen stille Tränen. Es sind Tränen des Schmerzes über das, was andere ihnen angetan haben, was sie sich selber antun. Und Tränen der Hoffnung, dass es ein Ende haben kann.
Der Clown und der Zweifler hören mit dem Denken auf. Die Kommentarschleife in ihrem Kopf verstummt. Sie schmecken den gefüllten Augenblick.
Die Blinde findet ganz tief in sich ein Lächeln und holt es auf ihr Gesicht. Eine zarte Erinnerung an ein Glück, die nicht schmerzt, sondern heilt. Das Leben ist immer noch mehr.

Frieden? Ja, vielleicht fühlt sich so Frieden an. Frieden, den die Frauen und Männer zuerst in sich selber finden.
Dann heben sie den Kopf und die Augen und sehen die anderen, die mit ihnen am Tisch sitzen.
Jede und jeder einzelne sieht und spürt, was sie verbindet: Die Unruhe, die ihr Leben umtreibt. Die Ruhe, die in ihr Leben einzieht.
Sie schenken sich ein Lächeln und Wein nach und reichen einander die Hand und etwas Brot.
Frieden also, der sich ausbreitet. In ihnen. Weil er dort blüht, tut er es auch zwischen ihnen.
Sie richten sich immer noch und wieder auf Jesus aus. Der schaut sie an, eine nach dem anderen, und sagt:

»Denkt ja nicht, ich bin gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Ich bringe Streit zwischen einem Sohn und seinem Vater, einer Tochter und ihrer Mutter, einer Schwiegertochter und ihrer Schwiegermutter. Die engsten Verwandten eines Menschen werden dann zu seinen Feinden.
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, zu mir zu gehören. Und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir auf meinem Weg folgt, ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren. Aber wer sein Leben verliert, weil er es für mich einsetzt, wird es erhalten.«
(Matthäusevangelium 10,34-39 -- www.basisbibel.de)

Das Lächeln verschwindet aus den Gesichtern der Tischrunde, die Blicke werden hart. Kein Frieden? Wieso?
Es fühlt sich doch gerade ganz anders an. Endlich einmal. Nach Frieden eben und Ruhe. Angekommen bei sich selber. Versöhnt mit dem eigenen Leben.
Warum zerstörst du das, Jesus? Lass uns doch hier sitzen, an deinem Tisch. Brich noch etwas Brot ab und bring noch ein wenig Wein. Wir nehmen gern noch mehr.
Wir wollen ihn auskosten den Frieden. Er zergeht uns auf der Zunge und wärmt uns das Herz. So ein Tag, so wunderschön wie heute, der sollte nie vergehen. Mach doch, das er andauert. Du kannst das doch.

Mag sein, dass Jesus das kann. Aber er tut es nicht. Er hält die Zeit nicht ewig an. Der heilige Augenblick verfliegt. Die Uhren ticken wieder. Leise, aber beständig.
Jesus weist der Tischgesellschaft den Weg zur Tür. Hinaus in ihr Leben, in ihren Alltag.
Dorthin müssen sie zurück, jede und jeder einzelne. Noch nicht jetzt sofort, aber gleich. Besser sie denken schon einmal daran, was auf sie zukommt.
Sie sehen sich, wie sie aufstehen, einer nach der anderen, und wie sie vor die Tür treten. Dort ist die Welt noch immer dieselbe. Nur sie, sie haben sich verändert.
Was wird geschehen, wenn sie aufeinandertreffen, die Welt da draußen und sie hier drinnen?

Der Soldat sieht sich zurück in seinem zerschossenen Kriegsland. Ihn ekelt der Hass, der die Gesichter verzerrt. Ihr Krieg ist nicht mehr sein Krieg. Er würde gerne Frieden stiften. Aber sie werden ihm eine Waffe in die Hand drücken wollen.
Die Vornehme sieht sich auf dem nächsten Empfang. Ihr fehlen die Worte für Smalltalk und sie mag die Maske mit dem Dauerlächeln nicht mehr aufsetzen. Nur ein paar ehrliche Fragen und ehrliche Antworten – das ist alles, was sie will.
Der Zweifler sieht sich in der nächsten Diskussion. Wie leer fühlen sich die akademischen Glasperlenspiele an. Viel lieber ginge er hinaus und staunte. Über die Sonne, die kitschig rot aufgeht; über die Rose, die im November noch blüht.
Der Clown sieht sich wieder in der Manege. Er soll dort stolpern und auf den Hintern fallen. Das Leben ist zu ernst für so einen Quatsch, die Zeit zu kostbar, um sie anderen zu vertreiben. Er fängt mitten in der Vorstellung an zu predigen. Und alle lachen.
Die blinde Frau sieht sich wieder im Heim. Sie wartet auf das Klappen der Tür und den Besuch, dem sie erzählen kann. Vom goldenen Oktober und dem dunklen November. Die Schwestern haben keine Zeit, der Sohn kein Ohr.
Die Hure sieht sich wieder in der Einkaufsstraße. Sie spürt die Blicke der Männer auf ihrem Körper. Unsichtbare Hände, die sie überall anfassen. Als würde ihr Körper ihnen gehören. Aber er gehört ihr. Wunderbar gemacht und ihr geschenkt.
Der Rechtschaffene sieht sich wieder im Park. Ein Ball rollt ihm vor die Füße. Er stellt die Tasche weg und geht zu denen, die auf der Wiese spielen. „He, Sie“, ruft ihm einer nach, „das Betreten des Rasens ist verboten!“

So oder so ähnlich wird es sein, wenn die Zeit wieder läuft, dort draußen in der Welt. Wenn die Sieben wieder mittendrin sind in ihrem Leben.
Gegen den Strom werden sie schwimmen müssen. Gegen den Pril der alten Gewohnheiten, der sich seinen Weg durchs Watt so tief gegraben hat. Ob sie dazu die Kraft haben?
Gegen die anderen Menschen werden sie sich stellen müssen. Die, die sie so kennen, wie sie gewesen sind. Die darauf bestehen, dass sie auch so bleiben. Ob sie das schaffen?
Wer sich gegen den Strom stellt, stößt gegen die, die mit dem Strom schwimmen. Wer sein Leben ändert, stellt die in Frage, die ihr Leben einfach so weiter leben.

So oder so ähnlich wird es sein, wenn sie wieder in der Welt sind. Noch sitzen die seligen Sieben hier drinnen und die Zeit steht im heiligen Augenblick still.
Sie fragen Jesus: Gibt es nicht etwas, das uns hilft? Beharrlich zu sein gegen die alten Gewohnheiten? Und denen zu widerstehen, die uns auf unsere Rollen festlegen?
Jesus steht auf und holt sieben Körbe und sieben Karaffen. Er nimmt vom Brot und verteilt es auf die Körbe. Er füllt die Karaffen mit Wein.
Verpflegung für unterwegs, ein Korb und eine Karaffe für jede und jeden von ihnen. Wo sie auch hinkommen, sie brauchen nur einen Tisch. Den decken sie dann mit dem Brot und dem Wein.
Sie laden die Leute ein. „Kommt, es ist alles bereit. Seht und schmeckt, wie freundlich unser Gott ist.“

Viele werden kommen – nicht alle, aber viele – und sich an den Tisch setzen. Gemeinsam werden sie von dem Brot essen und von dem Wein trinken. Es wird nach Ruhe schmecken und nach Frieden.

Montag, 9. Oktober 2017

Glaubensgesichter

Einmal kam Jesus zu den Jüngern zurück. Er fand eine große Volksmenge um sie versammelt. Darunter waren auch einige Schriftgelehrte, die mit den Jüngern stritten.
Die Volksmenge sah ihn sofort und wurde ganz aufgeregt. Die Leute liefen zu ihm hin und begrüßten ihn.
Und er fragte sie: »Worüber hattet ihr Streit mit meinen Jüngern?«
Ein Mann aus der Volksmenge antwortete: »Lehrer, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem bösen Geist besessen, der ihn stumm gemacht hat. Wenn der Geist ihn packt, wirft er ihn zu Boden. Er bekommt Schaum vor den Mund, knirscht mit den Zähnen und sein ganzer Körper verkrampft sich. Ich habe deine Jünger gebeten, dass sie den Geist austreiben – aber sie konnten es nicht.«
Da antwortete er ihnen: »Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation? Wie lange soll ich noch bei euch bleiben? Wie lange soll ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir!«
Und sie brachten den Jungen zu Jesus. Sobald der Geist Jesus sah, schüttelte er den Jungen durch heftige Krämpfe. Er fiel zu Boden, wälzte sich hin und her und bekam Schaum vor den Mund.
Da fragte Jesus den Vater: »Wie lange hat er das schon?«
Er antwortete: »Von klein auf. Der böse Geist hat ihn auch schon oft ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Wenn du kannst, dann hilf uns! Hab doch Erbarmen mit uns!«
Jesus sagte: »Was heißt hier: ›Wenn du kannst‹? Wer glaubt, kann alles.«
Da schrie der Vater des Jungen auf: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben.«
Immer mehr Menschen kamen zu der Volksmenge. Als Jesus das sah, gebot er dem unreinen Geist: »Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir: Verlasse den Jungen und kehre nie wieder in ihn zurück!«
Da schrie der Geist auf und schüttelte den Jungen durch Krämpfe hin und her. Dann verließ er ihn. Der Junge lag da wie tot. Schon sagten viele: »Er ist tot.«
Aber Jesus nahm seine Hand und zog den Jungen hoch. Da stand er auf.
(Markus-Evangelium 9,14-21 -- www.basisbibel.de)

Da stand der Junge nun. Und alle schauten ihn an und schauten Jesus an und schauten wieder ihn an.

Die Jünger schauten beschämt auf den Jungen. Sie waren an ihm gescheitert. Was mochte er von ihnen halten?
Sie hatten doch gehofft, dass sie das konnten: einen Menschen heilen. Sie hatten schließlich oft genug gesehen, wie Jesus es tat. Hätten sie es sich nicht zutrauen sollen?
Es waren die anderen gewesen, die sie beredet hatten. Sie trauten es ihnen jedenfalls zu, dass sie es konnten: „Gehört ihr nicht zu Jesus? Macht den Jungen gesund!“
Sie wollten nur helfen – und waren gescheitert. An dem Jungen und vor Jesus. Sie nannten sich seine Jünger und hingen an seinen Lippen und folgten jedem seiner Schritte. Aber sie hatten nichts gelernt.
Wenn sie ihn hörten, leuchtete alles ein. Wenn sie ihm zusahen, sah es so selbstverständlich aus.
Dann suchten sie ein einziges Mal allein nach Worten und Handlungen – und blieben peinlich stumm und hilflos.
Und Jesus legte unbarmherzig den Finger in die Wunde. Ungläubige nannte er sie. Als würde er bereuen, sie um sich gesammelt zu haben.
Was das Schlimmste war: Sie wussten, dass er Recht hatte.

So standen die Jünger da und schauten den Jungen und Jesus an.
Auch der Vater schaute den Jungen an. Mit vor heiligem Schreck geweiteten Augen.
Er sah den Jungen dort aufrecht stehen. Und er sah die ganzen Jahre zuvor. Die Jahre der Krankheit. Jedes Mal, wenn es den Jungen zu Boden riss, zerriss es ihm das Herz und stieg hilflose Verzweiflung auf.
Er hatte so viel versucht. Jeder neue Ratschlag hatte ihm neue Hoffnung gemacht. Bis auch der nächste Versuch fehlschlug und die Hoffnung wie eine Seifenblase zerplatzte.
Er mochte keine Ratschläge mehr hören. Schon gar nicht den, den Jesus ihm gab: „Wer glaubt, der kann alles.“
Als wäre das so einfach. Er hätte ja glauben wollen – aber wie sollte er das können mit einem unheilbar kranken Sohn? Jeder Anfall war eine Frage nach dem fernen Gott.
Aber jetzt war alles gut. Oder zumindest anders. Sein Junge stand da, aufrecht.
Und er, der Vater, schaute auf Jesus, dem er seinen Satz ins Gesicht geschrien hatte: „Ich glaube, hilf meinem Unglaube.“
Und dann war ihm, als wäre er gesprungen. Eine hohe Klippe hinab. Immer tiefer und weiter und schneller.
Und er wartete, dass er unten aufschlug. Und er wartete. Und dann wurde er aufgefangen. Und er machte die Augen auf und sah den Jungen stehen.

Der Junge stand da und sah wie alle ihn anschauten.
Und er sah sich selber. Ein freier Mensch. Sein ganzes Leben war er bislang ein Gefangener. Gefangen von einem stummen Geist.
Der bestimmte und zerstörte seinen Alltag. Er riss ihn vom Stuhl, wenn er aß. Er warf ihn auf den Boden, wenn er ging. Er schmiss ihn aus dem Bett, wenn er schlief.
Er hatte versucht, gegen ihn anzukämpfen. Sich zu wehren, wenn er nach ihm griff. Er hatte versucht, ihn hinzunehmen. Abzuwarten, bis er wieder ging.
Aber er schaffte es nicht. Weder konnte er den Geist vertreiben noch konnte er ihn dulden. Er musste damit leben, dass er so, wie er leben musste, eigentlich gar nicht leben konnte.
Aber jetzt stand er da aufrecht und wusste: Er war frei. Der Geist war weg und würde nie wiederkommen.
Er stand da und sah Jesus, sah den Mann, der ihn anschaute, der ihn berührte. Plötzlich fiel alles von ihm ab. Der ganze Druck, der auf ihm lastete. Der ganze Krampf, mit dem er sich immer gewehrt hatte. Die ganze Erschöpfung, die alle Luft aus ihm sog.
Erst fiel er in sich zusammen, weil die Anspannung wegging. Und dann richtete Jesus ihn auf. Er stand auf eigenen Füßen. Er konnte jetzt seinen Weg bestimmen. Er konnte in sein Leben gehen.
Aber noch steht der Junge da. Und wir sehen ihn an und den Vater und die Jünger.
Wir sehen sie an und es ist ein bisschen wie in den Spiegel zu schauen: Erkennst du dich wieder und deinen Glauben?
Glaube – deiner und meiner – hat womöglich drei verschiedene Gesichter.

Glaube trägt das Gesicht des Jungen. Ein strahlender Blick, weil Gottes Angesicht über ihm leuchtet. Voller Wärme davon, dass Gott das Leben berührt hat.
Glaube lebt davon und wächst daran, dass Gott nahe kommt. Plötzlich ist er da und wischt die Tränen ab und reicht die Hand und richtet auf.
Dieser Glaube kennt das dunkle Tal – dort hat er den getroffen, der ihn hindurch geführt hat. Jetzt steht er auf der grünen Aue, satt von der Nähe, die Gott ihm schenkt.
So satt, dass es auch für die nächste Durststrecke reicht. Die Nähe Gottes prägt sich der Seele ein. Eine helle Erinnerung, die im Dunkeln zu leuchten beginnt.

Glaube trägt auch das Gesicht des Vaters. Große Augen schauen aus ihm. Die nach einem Blick suchen, der ihnen standhält. Die flehen: Hilf mir! Die fragen: Bist du es?
Glaube trägt etwas in sich, das oft Zweifel genannt wird. Zweifel an sich selber und daran, ob er sich denn lohnt, der Glaube.
Antwort finden die Zweifel nur, wenn sie aufs Ganze gehen. Wenn sie dem Glauben sagen: Verlass dich doch ganz auf Gott. Du wirst sehen, was du davon hast.
Ganz heimlich sind die Zweifel überhaupt keine Zweifel. Sondern eine verkleidete Sehnsucht: Dass Gott trägt, wirklich trägt. Durchs dunkle Tal, auf die grüne Aue.
Und diese Sehnsucht fordert den Glauben heraus: Wag es. Spring. Spring Gott in die Arme. So soll der Glaube die Sehnsucht erfüllen, die sich Zweifel nennt.

Glaube trägt aber auch das Gesicht der Jünger. Den Blick leer und auf den Boden gerichtet. Enttäuscht durch die eigenen Erwartungen, beschämt vom Blick in den falschen Spiegel.
Glaube scheitert manchmal an sich selber. Weil er sich für etwas hält, das er nicht ist. Weil er auf sich setzt und vor allem an sich selber glaubt.
Als könnte er sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Das kann wohl Münchhausen, der Glaube kann es nicht. Der Glaube braucht Gott, der es für ihn tut. Der Glaube braucht Gott, wenn er Glaube sein will.
Der Glaube hat keine eigene Kraft. Wenn er sich auf sie verlässt, ist er verlassen. Wenn er sich selber helfen will, hilft ihm kein Gott.
Glaube ist Glaube, weil er auf einen anderen schaut. Auf den, bei dem alles möglich ist. Gott ist es, der ihm alles möglich macht. Gott ist es, der den Glauben überhaupt möglich macht.

So halten sie uns den Spiegel hin, die Jünger und der Vater und der Junge. Wir sehen hinein und erkennen uns selber. Mal so, mal anders. Und wir schauen noch einmal hinein – und sehen wie der Ganz Andere uns aus dem Spiegel anschaut. Er lächelt.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Brot verwandelt sich in Rosen

Vielleicht war es an einem Erntedankfest. Vielleicht geschah es auch an einem anderen Tag vor achthundert Jahren.
Die junge Elisabeth von Thüringen packt sich warm duftendes Brot in ihren Korb und deckt es mit einem Leinentuch zu.
Heimlich schleicht sie sich aus der Burg. Es gibt schon genug Gerede am Hof in Eisenach. Ständig geht die Frau des Landesherrn in die Stadt hinab zu den Armen. Was sucht sie dort?
Es steht der gnädigen Frau nicht an, in den Armenhäusern ein- und auszugehen. Erst recht, wenn sie dabei die Vorratskammern des Schlosses lehrt.
Elisabeth also verlässt mit dem Korb am Arm die Burg durch einen Seiteneingang und steigt hinab. Kurz bevor sie die ersten Häuser erreicht, stellt sich ihr die Schwiegermutter in den Weg.
„Was trägst du da in die Stadt?“, fragt die und zeigt auf den Korb. Elisabeth schaut auf das Tuch und zögert. Sie sieht die Schwiegermutter an und antwortet: „Rosen!“
Sie macht einen Schritt, um an der Schwiegermutter vorbei zu gehen. Aber die hält sie am Arm fest. „Das glaube ich dir nicht!“
Sie zieht das Leinentuch vom Korb. Er ist voller Rosen.

Brot verwandelt sich in Rosen. Aus dem, was einer alltäglich braucht zum Leben, wird etwas Schönes, Wunderbares.
Das ist, wie eine Kirche zu Erntedank zu schmücken. Im Kirchturm zum Beispiel liegen Getreidegarben durcheinander. Hafer und Weizen und Gerste und Roggen, irgendwann im August auf den Föhrer Feldern geschnitten.
In den Tagen vor Erntedank kommt dann eine und ordnet die Garben. Bündel für Bündel nimmt sie und schneidet eines nach dem anderen zurecht.
Sie fügt sie zusammen, bindet sie aneinander. Stunde um Stunde entsteht unter ihren Händen, was vor ihrem inneren Auge fertig ist: Eine Krone, an der jede Ähre ihren Platz hat.
Am Tag vor Erntedank kommen andere und bringen von dem, was der Garten so hergibt. Äpfel und Kartoffeln und Kürbisse. Ein ganzer Reichtum und doch nur ein Teil davon.
Zwei, drei, vier Menschen nehmen das alles in die Hand und schauen es an und fügen es zusammen zu einem duftenden und leuchtenden Stilleben.
Erntedank: Stroh verwandelt sich zu einer Krone. Mohrrüben und Kartoffeln und Zwiebeln werden zu Gaben. Und der Bäcker legt das Brot auf den Altar.

Brot verwandelt sich in Rosen. Aus dem, was einer hat zum Leben, wird etwas Schönes, Wunderbares.
Du kannst auch dein Leben zu Erntedank schmücken. Mit all dem, was du den Sommer über fast nebenbei gesammelt und geerntet hast.
Du breitest vor dir aus, was dein Leben reich macht und deinen Alltag bunt.
Das Lächeln, das dir deine Tochter schenkt, zum Beispiel. Oder die Stunde, die du nur für dich durch die nebelfeuchte Marsch läufst.
Das Sofa auch, auf dem du den Feierabend und ein Glas Wein genießt. Oder der Haken, den du hinter eine Aufgabe machst, die du erledigt hast.
Der Ort schließlich, an dem deine Seele fröhlich baumelt, es kann Föhr sein. Oder dein Lieblingsmensch, mit dem du immer noch mehr Zeit verbringen willst.
All das und noch viel mehr schaust du dir an. Und du ordnest es und bringst es zusammen. Und es wird eine Krone daraus. Oder du nimmst es und legst es auf den Altar und es wird eine Gabe daraus.
Dank verwandelt Brot in Rosen. Du sagst „Danke!“ – und aus dem, was eben noch alltäglich war, wird etwas Wunderbares. Und dann?

Dann sagt Gott:
Ist nicht das ein [Danken], an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
(Jesaja 58,6-11.)
So richtet Jesaja Gottes Worte aus.

Brot verwandelt sich in Rosen. Dürre verwandelt sich in einen bewässerten Garten.
Danken geht in zwei Richtungen. Die eine führt zum Altar hin. Ich sammle das Alltägliche und das Wunderbare in meinem Leben zusammen und bringe es zum Altar.
Ich danke Gott für das, was ich sonst im grauen Alltag übersehe. Und ich danke ihm für das, was mein Leben in Sonnenlicht taucht.
Aus dem, was ich habe, wird eine Gabe, die Gott mir gibt. Das, was mir begegnet, wird zu einem Geschenk Gottes. Wenn ich ihm danke.
Aber zu danken geht in zwei Richtungen. Die andere führt zu einem Menschen hin. Zum Nächsten, heißt es auf kirchendeutsch.
Doch der Nächste ist mir immer mal wieder der Fernste. Weil er mich ekelt, wie er da in seinem Schlafsack vor der dunklen Ladentür in der Fußgängerzone liegt. Oder er mir Angst macht, weil er anders spricht und lebt und glaubt und betet als ich.
Der Weg zu ihm, dem Elenden und Fremden ist weit. Weiter als der zum Altar. Aber es liegt Segen auf ihm. Und dann ist der Weg auf einmal ganz kurz.
Nur ein Schritt trennt mich von ihm, dem fremden Nächsten. Wenn ich ihn nur mache. Warum eigentlich nicht? Ganz leicht fällt er mir. Und Gott sagt: „Siehe, hier bin ich.“

Brot verwandelt sich in Rosen. Und Türen öffnen sich.
An deiner Tür klingelt es. Du gehst hin und machst sie auf. Vor dir steht einer in dreckigen Jeans und verwaschenem Pullover. Wilder Bart, fettiges Haar.
„Entschuldigung“, sagt der Mann. Er sei auf der Durchreise. Nur leider gerade knapp bei Kasse. Er brauche Geld für den Bus.
Geld willst du ihm nicht geben. Aber auch nicht einfach die Tür schließen. Eine Scheibe Brot kannst du ihm anbieten. Und eine Dusche, wenn er mag.
Der Fremde kommt herein. Du bringst ihn ins Gästebad. Er duscht. Du setzt Kaffee auf und stellst Brot und Butter und Käse und Wurst auf den Tisch.
Ein wenig später sitzt ihr einander gegenüber. Er ist, du trinkst einen Kaffee. Er erzählt dir seine Geschichte. Von der Arbeit, die er hatte. Der Krankheit, die kam. Du willst ihm die Geschichte mal so abnehmen.
„Das tat gut“, sagt er zum Abschied. Du bringst ihn zur Tür und überlegst, ob du ihm vielleicht doch ein wenig Geld mitgibst.
„Sie sind ein lieber Mensch“, sagt er zu dir. Er gibt dir die Hand und geht. Du siehst ihm einen Augenblick nach.

Du schließt die Tür und gehst zurück in die Küche. Du fängst an aufzuräumen. Dein Blick fällt auf den Tisch und die Vase, die dort steht. Am Morgen hattest du eine Rose aus dem Garten hereingeholt. Jetzt ist sie aufgeblüht.