Sonntag, 6. August 2017

Brot schmeckt nach Himmel

Er hatte ihnen doch das Blaue vom Himmel versprochen. Da war es doch ihr gutes Recht, das jetzt auch einzufordern.
Von Freiheit hatte er gesprochen. Davon, dass sie niemals mehr ihren Rücken krumm machen müssten. Weder vor dem fremden Herrscher. Noch für die Arbeit, die sie wider Willen verrichten mussten
Sie hatten zu träumen angefangen. Von blühenden Landschaften, in denen es allen besser gehen würde. Sie könnten gehen, wohin sie wollten. Sie könnten sagen, was sie dachten.
Milch und Honig würden fließen. So hatte er ihnen doch den Mund wässrig gemacht. La dolce vita, ein süßes Leben sollte auf sie warten. Wenn sie mit ihm aufbrächen und ihm folgten.

Als sollte er ihnen die Sterne vom Himmel holen. Diesen ewig unzufriedenen, murrenden Menschen.
Wenn sie satt waren, saßen sie träge da und kauten wieder und ließen sich durch nichts und niemanden stören. Aber wenn sie Hunger hatten, wonach auch immer, wurden sie böse.
Böse auf ihn. Er sollte ihren Hunger stillen. Sofort und auf der Stelle. Wenn er es doch könnte. Ein für allemal. Aber er konnte es nicht. Hatte es noch nie gekonnt.
Wann würden sie das endlich einsehen? Er war nicht das, was sie in ihm sahen. Alles, was er hatte, war, was sie hatten: leere Hände.
Das einzige, was ihn von ihnen vielleicht unterschied: Er wusste, die mussten sie hinhalten, die leeren Hände. Gott hinhalten. Er würde sie füllen.
Und Gott tat das. Wachteln und Manna fielen vom Himmel, ihnen geradewegs in die ausgestreckten leeren Hände. Sie füllten die knurrenden Mägen und brachten die murrenden Stimmen zum Schweigen.
Danach konnte er es ihnen noch so oft sagen: Nicht ich habe. Gott hat. Für sie war er es, der das Wunder tat. Er machte sie satt. Er holte ihnen Wachteln und Manna vom Himmel.

Wer vom Himmel sprach, der musste sich seitdem an ihm, an Mose, messen lassen. Wer ein großer Mann sein wollte, einer, dem man glaubte – der müsste einer sein wie Mose.

Einmal fragten die Leute Jesus: »Was ist das denn für ein Zeichen, das du vollbringst? Lass es uns sehen, dann glauben wir dir! Was wirst du also tun?
Damals in der Wüste haben unsere Vorfahren das Manna gegessen. In den Heiligen Schriften steht: ›Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.‹«
Darauf sagte Jesus zu den Leuten: »Amen, amen, das sage ich euch: Mose hat euch kein Brot vom Himmel gegeben. Sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
Denn das Brot Gottes ist der, der vom Himmel herabkommt und dieser Welt das Leben schenkt.«
Sie baten ihn: »Herr, gib uns immer von diesem Brot!«
Jesus entgegnete: »Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern. Und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.
Aber ich habe es euch ja schon gesagt: Obwohl ihr mich gesehen habt, glaubt ihr nicht.
(Johannesevangelium 6,30-36 -- www.basisbibel.de)

Da warten sie also wieder mal auf einen, der ihnen das Blaue vom Himmel verspricht. So einer wie Mose damals soll es sein.
Einer, der von Freiheit spricht und den Weg weiß, der dorthin führt. Der sie aufrichtet und ihnen den Rücken stärkt. Der von besseren Zeiten redet. Aber auch so, dass man denkt, sie wären schon längst angebrochen.
Und dann steht er vor ihnen und er spricht mit ihnen und sie reden mit ihm – und sie erkennen ihn nicht. Was sie sehen, öffnet ihnen nicht die Augen. Blind bleiben sie, als wären sie geblendet.
Vielleicht stehen sie zu nah an der Lichtquelle. Vielleicht musst du von weiter weg auf die Zeichen sehen, um zu erkennen, wohin sie zeigen.

Da feiern zwei eine Hochzeit und versprechen ihren Gästen ein rauschendes Fest. Doch Ernüchterung droht, der Wein reicht nicht. Der Kater kommt schon vor dem Rausch.
Aber fast nur. Jesus hilft ihnen aus. Sie füllen Wasser in Krüge und als sie von dem Wasser kosten, ist es Wein. Wein im Überfluss für ein wirklich rauschendes Fest.
Kein Wunder, sondern ein Zeichen. Nicht um den Wein geht es, sondern um den, er ihn gebracht hat. Um Jesus und das Fest, das da gefeiert wird, wo er ist.
Ein Zeichen: Wo er hinkommt, bringt er das Leben mit. In berauschender Fülle, die nicht enden will.

Da stehen zwölf Männer und bestimmt auch ein paar Frauen mit ein paar Broten und ein wenig Fisch vor 5.000 Menschen. Sie sollen sie satt machen und wissen: Das schaffen wir nie. Das geht nicht.
Und dann teilen sie aus und teilen aus und teilen aus. Am Ende sind 5.000 Menschen und bestimmt noch ein paar mehr satt geworden. Und es ist immer noch etwas da.
Kein Wunder, sondern ein Zeichen. Nicht um das Brot und den Fisch geht es, sondern um die Menschen, die satt werden. Um das, was sie bekommen, um ihren Hunger zu stillen.
Ein Zeichen: Wo Jesus hinkommt, wird der Hunger gestillt. Der Hunger nach Leben. Wo Jesus ist, ist Leben, das satt macht.

Und dann hängt er am Kreuz, von Schmerz und Tod gezeichnet. Und sagt, nein: flüstert: Es ist vollbracht.
Kein Wunder, sondern ein Zeichen, auch das. Nicht um Schuld und Gehorsam geht es und den Plan hinter allem. Sondern um das Leben, das er bringt. Auch und gerade dorthin, wo der Tod am sichtbarsten und am grausamsten ist.
Ein Zeichen: Seit Jesus am Kreuz stirbt, gibt es keinen Ort mehr, an dem das Leben nicht ist. Das Leben ist überall. Jesus trägt es bis ans Kreuz und in den Tod.

Jesus verspricht nicht das Blaue vom Himmel herab. Er holt nicht die Sterne vom Himmel. Anders, mehr: Er kommt selber vom Himmel und bringt das Leben.
Er sagt: "Das Brot Gottes ist der, der vom Himmel herabkommt und dieser Welt das Leben schenkt." Er sagt: "Ich bin das Brot des Lebens."
Und weiß doch: "Obwohl ihr mich gesehen habt, glaubt ihr nicht." Als hätten sie, als würden wir die Zeichen übersehen.

Vielleicht ist das die Aufgabe: Nach den Zeichen zu suchen. Nach den Zeichen, die auf die Fülle zeigen inmitten des Hungers – und inmitten des Todes auf das Leben.
Die Zeichen, die dich und mich inmitten dieser Welt darauf stoßen, wie nah Gott ist. Auf den Korb, den Gott uns auf den Tisch stellt, gefüllt mit dem Brot des Lebens.

Da bist du gerade umgezogen und wühlst in deinen Kartons und weißt noch gar nicht, ob die Seele schon da ist, wo du jetzt bist.
Und du denkst an deine Freunde und deine Freunde denken an dich und sind auf einmal bei dir mit einem großen Topf Suppe und duftendem Brot und sagen: Wir wollten Einweihung feiern.
Und dann packt ihr erst noch drei Kisten aus und macht dann eine Flasche Sekt auf und die Suppe warm und brecht von dem Brot ab.

Da klingelt einer an deiner Tür und bettelt um etwas Geld für den Bus. Du willst die Tür eigentlich zumachen und ihn wegschicken. Aber du öffnest sie weit und bittest ihn herein.
Du schmierst ihm zwei Scheiben Brot und setzt dich mit ihm an den Tisch und er erzählt dir seine Geschichte, die vielleicht wahr ist. Am Ende seufzt er und sagt: „Das tat gut!“, und: „Gott segne dich!“, und geht.

Da nimmst du dir ein Stückchen von dem Brot und gehst zur alten Nachbarin. Die liegt in ihrem Bett, satt an Leben und schwach an Kraft. Sie will sterben und hat Angst davor.
Und du setzt dich einen Augenblick nur an ihr Bett und hältst ihre Hand und murmelst ein Vaterunser und wünschst ihr viel Kraft und sagst: Ich komme morgen wieder.

Das ist alles nicht der Himmel, noch nicht der Himmel. Aber ein wenig danach schmeckt es, das Stück Brot des Lebens.

Montag, 31. Juli 2017

Friedensbergwanderung

Ein langgestrecktes Gebäude steht auf einem Hügel. Hohe Mauern mit Fensteröffnungen auf drei Stockwerken. Ein Portal, fast so hoch wie das ganze Gebäude, links und rechts von Säulen begrenzt.
Vor dem Gebäude weitet sich ein Platz. Wie Adern zum Herz laufen Wege auf ihn zu. Auf diesen Wegen wimmelt es von Menschen.
In großen und kleinen Gruppen ziehen sie zum Hügel. Wem sie unterwegs begegnen, den fordern sie auf, mitzukommen. Gemeinsam steigen sie die Wege hoch.
Sie treffen sich alle auf dem Platz vor dem hohen Gebäude. Ein unglaubliches Gedränge. Ein fröhliches Gedränge.
Wer dort ankommt, verändert sich. Angestrengte Gesichtszüge lösen sich, gebeugte Rücken richten sich auf. Zornige Augen beginnen vor Freude zu strahlen, geballte Fäuste öffnen sich.
Im Gebäude selber stehen sich Männer gegenüber. Mächtige Männer, die es gewohnt sind, dass man auf sie und ihren Befehl hört.
Sie reden, sie hören, sie wiegen die Häupter, sie nicken mit den Köpfen, sie reichen sich die Hände.
Sie treten hinaus aus dem Gebäude, vor das Portal. Die Menschenmenge steht still und schweigt. Die gewichtigen Männer breiten die Arme aus. „Friede sei mit euch.“
Die Menge jubelt. Die Menschen liegen sich in den Armen. Irgendwoher kommt Musik. Die Menschen beginnen zu tanzen. Ein fröhlicher Reigen. Und das ist nur der Anfang.

Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem.
Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!
(Jesaja 2,1-5.)

Am Freitag Vormittag meldete die Deutsche Presseagentur:
Israel hat aus Sorge vor neuer Gewalt erneut den Zugang von Muslimen zum Tempelberg beschränkt. Nur Männer über 50 und Frauen dürften die heilige Stätte betreten, teilte Polizeisprecher Micky Rosenfeld am Morgen mit.
"Es sind Sicherheitserwägungen gemacht worden, und es gibt Hinweise, das es heute Unruhen und Demonstrationen geben wird."
Palästinenser-Organisationen haben für heute [also Freitag] zu einem neuen "Tag des Zorns" aufgerufen.
Nach der Aufforderung der Wakf-Behörde zum Massengebet wird damit gerechnet, dass Zehntausende zum Tempelberg kommen werden.
Am Abend meldet DPA:
Rund 10 000 Menschen kamen nach Schätzungen der jordanischen Wakf-Behörde auf den Tempelberg. Nach den Mittagsgebeten blieb es zunächst ruhig in Jerusalem. Später wurden einige Palästinenser verletzt. Sie atmeten Tränengas der israelischen Polizei ein.

Was hat Jesaja da nur gesehen, als er das Haus des Herrn auf dem Zion sah und die Völker, die auf den Tempelberg ziehen, und die Weisung, die von dort ausgeht, und die Menschen, die Schwerter zu Pflugscharen schmieden?
Das fragen sich schon seine Zeitgenossen. 15 Jahre nach Jesajas Bild vom großen Frieden besetzen die Assyrer das Nordreich, zerstören die Hauptstadt Samaria und zwingen den König ins Exil.
Noch einmal 20 Jahre später belagert der Assyrer-König Sanherib Jerusalem, die Hauptstadt des Südreichs. Der König wird deportiert und mit ihm ein Teil der Bevölkerung. Einige Gebiete des Landes müssen abgetreten werden.
Die folgenden 2.700 Jahre geht die Geschichte weiter. Es ist keine Geschichte des Friedens. Es ist eine Geschichte des Streits um die Macht.
Sie erzählt von kleinen Königen und großen Mächten. Von Aufstand und Besetzung und Befreiung. Von Krieg und Vertreibung und Heimkehr. Von Zerstörung und Neuaufbau.
Es ist auch eine Geschichte des Streits um den Zugang zu Gott. Die davon erzählt, wie Juden und Christen und Moslems gegeneinander streiten.
Darum, wer rechtgläubig ist und wer ungläubig. Wer den Gott des gemeinsamen Urahnen Abraham so verehrt, wie er verehrt werden soll.
Es ist eine Geschichte voller Unrecht, das Juden und Christen und Moslems sich antun. Das auf allen Seiten groß genug ist, dass man beim Vorrechnen des Unrechts an kein Ende kommt. Und schon gar nicht zum Frieden.

Was hat Jesaja da nur gesehen als er die Menschen und Völker sieht, die zum Berg des Herrn ziehen?
Vielleicht ist das, was er sieht und beschreibt, nicht die Lösung. Vielleicht ist es ein Teil des Problems.
Wer nur schnell hinsieht, sieht womöglich das, was er sehen will: Einen Triumphzug, wie ihn Herrscher gern zeigen.
Der Kaiser, König, Führer vorneweg hoch zu Pferd und huldvoll winkend. Hinter ihnen Wagen voller erbeuteter Waffen und Goldtruhen. Und schließlich in Ketten und mit gesenkten Köpfen die Geschlagenen und Unterworfenen. Am Rand die johlende und spuckende Menge.
So ziehen die Völker und die Herrscher zum Zion, zum Berg Gottes: als Geschlagene und Unterworfene. Dort wartet Gott auf sie und nimmt die Parade derer ab, die zu ihm kommen.
Am Ende, so sagt das Bild denen, die nur schnell hinschauen, am Ende siegt unser Gott. In den letzten Tagen werden sich ihm und nur ihm alle Völker unterwerfen. Und wir werden mit Gott herrschen. Wir werden die Herren des Friedens sein.
Wer nur schnell hinsieht, der sieht wie unser Gott auf unserer Seite eingreift und den Feinden die Schwerter nimmt und die Spieße und sie von Soldaten zu Bauern umschult. Als wäre Gott der Erfinder des Morgenthau-Plans.
Aber ist das Frieden? Wenn einer gewinnt und der andere verliert? So hört womöglich Krieg auf. Wenn einer stärker ist als der andere. Wenn einer die Macht hat, dem anderen den Frieden nach seinem Willen aufzudrängen.
Aber was für den einen ein Friedensvertrag ist, wird für den anderen zum Schanddiktat. Und nach kurzer Zeit marschieren wieder die Soldaten und zwanzig Jahre später brechen die Verlierer den nächsten Krieg vom Zaun.

Was hat Jesaja da nur gesehen, als er sich auf die Zehenspitze stellte, um hinter den Horizont zu schauen? Dorthin wo die Sonne nur noch über Gerechten scheint, weil es keine Ungerechten mehr gibt.
Man muss ein zweites Mal hinschauen. Dann sieht man in der Völkerwanderung zum Berg des Herrn die einen, die von weither kommen. Und die anderen, die sich dort schon längst zuhause wähnen.
Es sind nicht nur die anderen, die Frieden machen müssen mit Gott. Es sind nicht nur die anderen, denen Gott die Waffen aus der Hand nimmt und stattdessen ein Buch mit seiner Anleitung für den gerechten Frieden in die Hand gibt.
Auch die einen, die meinen, einen Standortvorteil zu haben, sind dabei. Nur weil sie Einheimische sind, können sie sich noch lange nicht an der Schlange vorbeimogeln. Sie müssen sich einreihen.
Das Licht des Herrn scheint über denen, die auf den ersten Blick ungerecht sind. Wie über denen, die sich in der eigenen Rechtschaffenheit und Rechtgläubigkeit sonnen wollen.
Siehe da: Da fällt das Licht des Herrn auf sie beide, auf die einen und auf die anderen. Die einen erkennen, dass Gott wohl das Unrecht verurteilt, das sie tun – aber nicht sie, die es tut. Die anderen erkennen, dass Gott sie liebevoll anschaut – sie aber dennoch nicht tun, was gut und gerecht ist.
Die einen wie die anderen erkennen erst jeder für sich und dann staunend gemeinsam: Wir sind bestenfalls auf dem Weg. Auf dem Weg zu dem Menschen, der wir nach Gottes Willen sein sollen.
Kein einer ist einen Schritt weiter als ein anderer, kein anderer weiß den Weg besser als irgend einer. Den Weg zu dem Frieden, den Gott will. Den muss Gott ihnen schon zeigen, den einen wie den anderen, allen gemeinsam.

Stell dir vor, die großen Kriegstreiber und die kleinen Streithähne würden das einsehen. Diejenigen, die sich um die Hoheit über den Tempelberg streiten. Wie diejenigen, die um die Wahrheit im Familienstreit rangeln.
Stell dir vor, sie würden das einsehen: Frieden finden wir nur, wenn wir gemeinsam den Weg dorthin gehen. Sie hätten noch keinen Schritt getan – und stünden schon in Gottes Licht.
Dann haken sie sich ein und singen gemeinsam: We are marching in the light of God und gehen los.
Wer nicht marschieren mag, hält sich einfach an Jesaja. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob – und auch alle anderen: Lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Sonntag, 23. Juli 2017

Segnen befohlen

Die Evangelische Kirche in Deutschland zählt jedes Jahr ihre Schäfchen. Jetzt hat sie erfreut die Statistiken für 2016 vorgelegt.
Danach gab es im vergangenen Jahr mehr Taufen und Aufnahmen in die evangelische Kirche hinein als Austritte aus ihr. Mehr gefundene also als verlorene Schafe.
Für die Zahlenfreunde unter Ihnen: 190.000 Austritten stehen 180.000 Taufen und 25.000 Aufnahmen oder Wiedereintritte gegenüber. Macht einen Überschuss von 15.000 Schafen.
Wären Sie jetzt spitzfindig, würden Sie nach den Sterbefällen fragen. 340.000 waren das in 2016. Macht einen Unterschuss von 325.000 Schafen.
Aber Sie sind ja nicht spitzfindig und ich bin es auch nicht. Also freuen wir uns mit der EKD über die erfreuliche Entwicklung.
Schließlich geht es ja darum: Schafe suchen und Menschen gewinnen. Fragt sich nur: Wozu? Und wofür?
Die Frage nach dem Warum ist schnell beantwortet. Die Kirche hat einen Auftrag. Stärker noch: Sie hat einen Befehl. Einen Taufbefehl.

Jesus sagt:
„Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun zu allen Völkern und macht die Menschen zu Jüngern. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gebt ihnen die Weisungen weiter, die ich euch gegeben habe, und helft ihnen, danach zu leben. Und seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“
(Matthäus 28,16-20 - nach Jörg Zink.)

Das Matthäusevangelium erzählt diese Worte als Abschiedsworte. Jesus spricht sie, als seine Freunde und er einander noch einmal begegnen. Auf dem Berg in Galiläa, zu dem Jesus sie bestellt hatte.
Es ist nach dem Schrecken seines Todes am Kreuz – und nach dem noch größeren Schrecken, dass er den Tod überlebt hat. Einfach so. Weil Gott es wollte.

„Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden“, sagt Jesus da.
Alle Macht, tatsächlich, die Jünger habe es gesehen, wir haben davon gehört.
Er lässt Lahme gehen, Blinde sehen, Taube hören. Er macht Hoffnungslosen Hoffnung. Er zeigt Verirrten neue Wege. Er befreit Schuldige aus ihrem Netz. Er schüttelt die Last des Todes ab.
Einfach so. Weil Gott es wollte. Er hat ihm diese Macht gegeben. Und Jesus hat sie reichlich genutzt.
Aber was wird jetzt aus ihr, wenn er geht. Und aus den Menschen, die auf sie angewiesen sind?

„Geht nun zu allen Völkern und macht die Menschen zu Jüngern.“ So sagt Jesus.
Ganz einfach also: Macht ihr weiter mit der Macht. Alle Menschen sollen es hören, dass sie bei Gott Macht finden. Die Macht, die Leben schenkt und es zu einem Fest macht. Die heil macht, was zerbricht, und schön, was krumm ist.
Alle sollen es hören. Die Macht ist nicht euer Privatbesitz. Dein Glaube ist nicht deine Privatsache.
Woran ich mich im Leben und Sterben festhalte, das muss doch auch anderen ein Halt sein können. Worauf ich im Unglück und Glück baue, darauf müssen doch auch andere bauen können.
Was dir lieb und heilig ist, musst du doch mit anderen teilen. Du kannst doch davon nicht schweigen, wovon dir das Herz voll ist. Du musst es ihnen doch mitteilen.
Mitgeteilter Glaube ist doppelter Glaube. Oder kann es werden. Ob die, denen ich mit meinem Glauben begegne, ihn tatsächlich teilen – das liegt nicht in meiner Hand. Das liegt an Gottes Stimme und den Ohren der anderen.
Aber ich kann doch Gott für den Anfang meine Stimme leihen. Damit die anderen schon mal ahnen, wie Gottes Stimme klingen könnte. Und nach ihr lauschen in den Geräuschen des Alltags.
Gott seine Stimme leihen – Jörg Sollbach tut das mit seinen Liedern. Als Pastor tue ich das auch. Und ich tue es gern. Meinen Glauben in Worte fassen. Immer wieder neu.
Aber noch lieber ist es mir, wenn mir andere auf der Straße oder auf dem Sofa von ihrem Glauben erzählen. Davon, wie er ihren Alltag bunt und ihre Feste rund macht.
Jede Geschichte sagt mir: Schau hin und hör zu. So kannst du Vertrauen leben. Und Segen entdecken.

„Tauft die Menschen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ So sagt Jesus. Auch da liegen Segen und Vertrauen drauf.
Jedes Mal, wenn wir das tun. Wenn wir einen Menschen taufen, einen kleinen oder einen großen.
Es liegt Segen drauf, wenn wir ihn und er sich selber Gott und seiner Macht anvertrauen.
Eltern, die ihr Kind zur Taufe bringen, zählen darauf, dass Gottes Güte sich über ihm breitet, so weit der Himmel ist. Und wer selber kommt, vertraut darauf, dass Gottes Macht stärker ist als alles andere, was ihm im Leben begegnet.
Also werden kleine und große Menschen hineingestellt in den Segen Gottes. Und sie werden hineingestellt in die Gemeinschaft der Glaubenden.
Wir haben gemeinsam das Glaubensbekenntnis gesprochen. Als Menschen aus ganz verschiedenen Orten, mit ebenso verschiedenen Arten und Weisen an Gott zu glauben.
Aber wenn wir das tuen, auswendig und mit anderen in einer Gemeinde das Glaubensbekenntnis sprechen – dann wird es wie ein großes Dach.
Keiner von uns muss es mit seinem kleinen Glauben allein tragen. Jeder von uns kann es an einer Stelle mittragen und mithalten. So finden alle unter dem Dach Platz, das wir gemeinsam und füreinander tragen.

Und wir machen fröhlich Platz, damit jeder, der mag, auch unter dieses Dach schlüpfen und es dann an seinem Ort und in seiner Art mittragen kann.
„Gebt den Menschen die Weisungen weiter, die ich euch gegeben habe, und helft ihnen, danach zu leben.“ So sagt Jesus.
Früher nannte sich das einmal Kirchenzucht. Manchmal ist das ja auch heute noch so: Dass einer sehr genau weiß, wie der andere lebt und was daran falsch ist.
Und dass er sehr genau weiß, wie der andere leben sollte, damit es richtig wird. Also gibt er ihm ungefragt Weisungen.
Die hat Jesus auch gegeben. Aber nicht ungefragt. Die Menschen kamen zu ihm und wollten wissen: Wie sollen wir leben und glauben und beten? Und Jesus hörte ihnen zu und gab ihnen eine Antwort.
Manche gingen dennoch traurig weg. Weil ihnen die Antwort mehr abverlangte, als sie geben konnten oder mochten.
Sie wussten: Jesus ist es ernst mit ihnen und ihrem Leben. Sie wussten bloß nicht, ob sie es auch so ernst nehmen sollten.
Das wäre doch eine Gemeinde: Wo einer Rat sucht bei einem anderen, Weisung aus einer Sackgasse. Wo der ihn dann ernst nimmt und ihm zum Wegweiser wird.
Und mehr noch womöglich: Wenn er ihn bei der Hand nimmt und die ersten Schritte in die richtige Richtung mit ihm geht.

Für den ganzen Weg eines Menschen kann aber keiner verantwortlich sein. Selbst die eigenen Kinder müssen oder dürfen schneller, als man denkt, ihren Weg allein gehen.
Aber was heißt allein. Die Eltern lassen die Hand des Kindes los. Im Kindergarten. Am Eingang der Schule. Beim Abschied an der Fähre.
Dann liegt die Hand des Kindes in der Hand eines anderen. Sagt Jesus. Verspricht er:
„Und seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“
Für dieses Versprechen steht der Segen, den in der Taufe über einem gesprochen wird. Und dafür steht auch der Segen, den wir am Ende eines Gottesdienstes zusprechen.
Er sagt: Dein Leben macht Sinn, weil Gott es so will. Du kannst im Vertrauen auf diesen Segen deinen Weg gehen.
Wo du dich bewegst, bewegst du dich unter dem weiten Himmel von Gottes Segen.

Und das ist es, was zählt. Jeder große Segen, den eine zugesagt bekommt. Und jeder kleine Segen, den du weitergibst.

Montag, 17. Juli 2017

Trachten machen Menschen

Foto: Landestrachtenverband Schleswig-Holstein (via Facebook).
Kleider machen Leute, heißt es. Und Trachten machen Menschen.
Das wusstet ihr natürlich längst. Ihr tragt sie ja oft genug.
Wir haben das erst gelernt. Als wir auf die Insel kamen. Bei der ersten Konfirmation, die wir hier miterlebt haben.
Die Insulaner wissen Bescheid. Den Nicht-Insulanern müssen wir das erklären.
Die Jungen ziehen zur Konfirmation einen dunklen Anzug an. Und blanke Schuhe. Schick sehen sie damit aus und festlich. Manche ziemlich cool, die Hände in den Hosentaschen.
Die Mädchen tragen fast alle zur Konfirmation Tracht. Zum ersten Mal die Festtagstracht mit der weißen Schürze. Manche auch das erste Mal Tracht überhaupt.
Früh müssen sie aufstehen, um angekleidet zu werden. Mit Pai und Schürze und Schultertuch und Kopftuch und Schmuck und allem, was dazugehört.
Dann kommen sie zur Kirche und sind verwandelt. Aus den Mädchen sind Frauen geworden. Aufgeregt und ein wenig unsicher, aber vor allem: glücklich und stolz.

Kleider machen Leute. Trachten machen Menschen. Den Unterschied, den kann man sehen.
Da läuft einer in einem Anzug herum, der sonst immer Jogginghosen anhat. Und bei jedem Schritt ist zu erkennen, dass er lieber die Jogginghosen anhätte statt des Anzugs.
Das sagt weder etwas gegen den Anzug noch gegen ihn selber. Es sagt nur: Der Anzug und er passen nicht zueinander. Nicht so jedenfalls wie er und die Jogginghosen.
Da hat eine die Tracht angezogen. Die ersten Schritte tut sie noch wie immer. Dann wird der Gang aufrechter und das Lächeln offener.
Etwas hat sich verändert. Was das ist, kann sie gar nicht sagen, wenn man sie fragt. Aber das Leben fühlt sich anders an in der Tracht. Erwachsener, könnte man sagen. Wenn das meint: Gewichtiger, ernster.

Trachten machen Menschen. Bei Jesus ist es eine Tracht aus Licht.
Er steigt auf einen Berg. Zusammen mit drei Freunden. Was er dort erlebt, ist vielleicht so etwas wie seine Konfirmation.
Seine Kleider werden strahlend weiß wie Licht. Sein Gesicht beginnt zu leuchten wie die Sonne.
Er hört eine Stimme, die über ihn spricht: „Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb.“
Die drei Freunde sehen und hören das ebenso. Sie sehen es auch noch, als es längst vorüber ist und Jesus so vor ihnen steht, wie sie mit ihm auf den Berg heraufgestiegen sind.
Aber ich stelle mir vor: Jesus ist nicht mehr derselbe. Die Tracht, das Kleid aus Licht, hat ihn verwandelt.
Die Stimme hat ihn verwandelt: „Du bist mein Sohn, dich habe ich lieb.“
Mit jedem Schritt, den er vom Berg heruntergeht, kehrt der Alltag näher. Aber die Stimme klingt im Ohr nach. In seinen Augen strahlt immer noch etwas von dem Licht.
Was er mit sich nimmt wie ein Gewand, das er umgeworfen hat, ist ein Segen. Das Versprechen, dass gut wird, was ihm begegnen wird.
Gut in dem Sinn, dass es sich einfügt in sein Leben. Und gut in dem Sinn, dass Gott ihn in allem bewahrt.

Man müsste das können: Sich den Segen, also: Gottes Versprechen, einfach so anziehen.
So ähnlich, wie wir das mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden gemacht haben vor zehn Tagen.
Wir waren gemeinsam in der Kirche. Gesungen haben wir dort und gebetet auch, natürlich.
Außerdem haben die, die wollten, einmal einen Talar in schwarz übergeworfen: Wie fühlt es sich an, so ein Gewand zu tragen?
Hilfe beim Anziehen braucht man zunächst, um mit den Ärmeln und den Knöpfen zurecht zu kommen. Aufpassen muss man dann beim Gehen, so lang, wie der Talar ist.
Aber wenn du es tust, den Talar anziehen und zuknöpfen und mit ihm umhergehen, dann fühlt es sich besonders an.
Viel Raum bietet er dir, der Talar, eine Weite, in der du fast geborgen ist. Sie schützt dich. Gemütlich fühlt es sich an. Und irgendwie auch heilig.
Heilig ist, was zu Gott gehört. Und heilig ist, wer zu Gott gehört.
Dazu braucht es keinen Talar. Zu Gott gehörst du auch so.
„Du bist mein Kind, dich habe ich lieb.“ Gott sagt es. Zu allen und zu jedem ganz besonders. Ohne wenn und aber.
Aber es braucht etwas, um das zu spüren. Ein Licht aus Kleid womöglich. Einen Talar vielleicht. Oder eine Tracht.

Bei der Föhrer Tracht zum Beispiel gibt es den Brustschmuck. Aus Silber ist er, in den Familien oft von einer Generation an die nächste vererbt.
Schwer sind die zehn bis zwölf Knöpfe und die Gliederkette aus drei bis vier Reihen.
Und in der Mitte dieser Gliederkette und auch an sie angehängt zieren sie drei Symbole: Kreuz und Herz und Anker. Oder: Glaube und Liebe und Hoffnung.
Natürlich ist das Schmuck. Dem Menschen, der ihn trägt, zur Zier. Aber doch auch Gott zur Ehre. Ein kleines Bekenntnis. Oder ein Gebet um Glaube und Liebe und Hoffnung.

Glaube soll mir geschenkt werden. Daran, dass mein Leben getragen wird. Von Menschen, die um mich sind an guten wie an schlechten Tagen. Von Gott, der mit mir durch die dunklen Täler geht und über die grünen Wiesen.
Liebe soll mir geschenkt werden. Zu dem Leben, das ich leben darf. Zu den Menschen, die darauf setzen, dass ich mich ihnen freundlich zuwende. Zu Gott, der darauf wartet, dass ich mich an ihn wende.
Hoffnung soll mir geschenkt werden. Darauf, dass mein Leben Sinn macht. Weil andere Menschen sich mit ihm verbinden. Weil Gott sich mit ihm verbindet – auch über die Zeit meines Lebens hier hinaus.

Wir wissen nicht, ob ihr Föhrerinnen das dachtet, als ihr heute morgen eure Tracht angezogen habt.
Aber vielleicht erinnert ihr euch ja beim nächsten Mal: Glaube und Liebe und Hoffnung ist das Kleid, das ihr anhabt.

Predigt zum Landestrachtenfest, Sonntag, 16. Juli -- Kirsten Hoffmann-Busch & Philipp Busch

Samstag, 8. Juli 2017

Josef und die G20

So hätte das Ergebnis des G20-Gipfels lauten können:
Weil ein Linksautonomer aus dem schwarzen Block während eines Protestes einen geparkten Twingo am Straßenrand angezündet hat, haben die geschockten Regierungschefs der G20-Staaten umgehend eine sozialere Weltordnung beschlossen.
Die heroische Tat dieses Freiheitskämpfers hat uns umdenken lassen“, erklärten US-Präsident Donald Trump, der russische Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Der Raubtierkapitalismus, wie er bisher praktiziert wurde, ist hiermit offiziell beendet. Lasst uns alle im Feuerschein dieses brennenden Kleinwagens als Menschheit näher zusammenrücken.“

Das sind natürlich Fake News. Gefunden auf der Satire-Seite „Der Postillon“. Die wirkliche Welt spielt nach anderen Regeln. Wie zum Beispiel Josef und seine Brüder mit ihrer vertrackten Familiengeschichte.
Sie spielen ihr Geschwisterspiel. Um Macht und Liebe treten sie gegeneinander an.
Josef hat zunächst die besseren Karten. In einem bunten Gewand stolziert er herum, das ihm der Vater schenkte. „Ich bin der Lieblingssohn“, sagt es.
Und Josef sagt das den Brüdern ins Gesicht: „Hört doch, was mir geträumt hat. Siehe, wir banden Garben auf dem Felde, und meine Garbe richtete sich auf und blieb stehen, aber eure Garben stellten sich ringsumher und neigten sich vor meiner Garbe.“ (1. Mose 37,6f.)
Hätte es damals Twitter gegeben, Josef hätte seine Freude daran gehabt, kleine Nachrichten in die Welt zu schicken: „I had another dream. Die Sonne und der Mond und die elf Sterne neigten sich vor mir.“ (1. Mose 37,9.)
Selbstverliebte Machtträume sind es, die Joseph träumt. Sie treiben die Trumps und Putins und Erdogans dieser Welt an: Ganze Länder, die sich vor ihnen verneigen sollen.
Wer es nicht tut, wird auf Twitter mit Hohn und Spott überhäuft, bekommt verdeckte oder offene Drohungen, wird verhaftet, ausgewiesen, mundtot gemacht.
Das Erstaunliche: Unzählige Follower und Anhänger tun es. Sie verbeugen sich vor denen, die sich selbst ermächtigen. Sie huldigen denen, die huldvoll in die Kameras grinsen oder mit sich überschlagender Stimme geifern.

Josefs Brüder sind keine Follower. Sie beugen sich nicht. Noch nicht. Im Gegenteil – sie erheben sich:
Seht, der Träumer kommt daher! So kommt nun und lasst uns ihn töten und in eine Grube werfen [...]; so wird man sehen, was seine Träume sind.“ (1. Mose 37,19f.)
Wer Machtträume träumt, träumt sie immer auch für andere: Für die, über die er die Macht haben will. Aber was, wenn die es vorziehen, ihre eigenen Träume zu leben, statt eine dienstbare Rolle im Traum eines anderen zu spielen?
Hätte es damals Facebook gegeben, Josef wäre in einem Shitstorm hinweggefegt worden. Einer fängt an: Was denkst du dir eigentlich, du Träumer? Der nächste hängt sich dran: Du bist doch ein Vollhonk. Der dritte fällt mit einem wütenden Emoji ein: So einen wie dich sollte man in die Grube werfen.
Schon ist sie losgetreten, die Lawine aus Hass. Sie ist nicht mehr aufzuhalten. Sie überrollt den, dem der Hass gilt. Und sie überrollt die, die sie losgetreten haben.
Und sie ziehen sich schwarz an und bilden einen Block und stapeln Barrikaden und zünden sie an und sammeln Steine und zerschmeißen Schaufenster.
Und wenn sie einen Josef finden, werfen sie ihn in die Grube. Oder verkaufen ihn an Kaufleute aus Midian.

So wie die Brüder Josef verkaufen. Sie wollen seinen Traum zerstören und helfen ihm, ihn zu leben – weit weg, in Ägypten.
Dort steigt er auf. Er wird Wesir des Pharaos. Einer, vor dem die Menschen die Augen niederschlagen und sich verbeugen.
Die Brüder tun es, als sie nach langen Jahren vor ihm stehen. Getreide wollen sie von ihm kaufen, gegen die Hungersnot in ihrem Land.
Er erkennt sie, sie erkennen ihn nicht. Wer Täter geworden ist, vergisst seine Schuld und mit ihr sein Opfer. Das Opfer würde gern vergessen, kann es aber nicht.
Josef spielt mit seinen Brüdern. Sie sind dem Fremden, der er für sie ist, ausgeliefert. Das lässt er sie spüren. Sie wollen etwas von ihm, also müssen sie tun, was er will.
Er schickt sie zurück in ihr Land und behält einen von ihnen als Geisel bei sich. Sie sollen wieder kommen. Er legt ihnen Gold in ihre Säcke. Damit sie noch tiefer in seiner Schuld stehen und sich vor ihm fürchten.
Josef sitzt ganz allein auf seiner Seite der Wippe. Mit den Scheunen voller Getreide und den Truhen voller Gold hält er sie am Boden
Die Brüder sitzen auf der anderen Seite. Mit nichts in den Händen und Hunger in den Bäuchen und der Bitte nach Getreide auf den Lippen hängen sie in der Luft
Und Josef fragt wie Kinder im Spiel: Wie viele Tage wollt ihr dort oben bleiben? Keinen einzigen, wollen die Brüder entgegnen. So lange du willst, müssen sie antworten.
Am Freitag Abend gab es in Hamburg und in vielen anderen Kirchen in Norddeutschland und auch bei uns hier auf der Insel Friedensgebete zum G20-Gipfel. Mit 21 Glockenschlägen sollten sie anfangen und 21 Minuten dauern.
Ein Zeichen sollte die 21 sein: An die G20, die Schwergewichte, die ihre Seite der Wippe unten halten und vergnügt oder zynisch zur anderen Seite schauen.
Dort hängen die Leichtgewichte aus Afrika und Asien in der Luft, mit nichts als geplünderten Staatskassen und leeren Getreidesilos. Sie sind die 21, mit denen die G20 ihr Machtspiel spielen.
Das muss anders werden. Kann das anders werden?

Zwischen Josef und seinen Brüdern wird es anders. Er gibt sich ihnen zu erkennen. Sie liegen sich in den Armen. Sie holen den alten Vater nach Ägypten. Die Familie ist wieder vereint.
Aber kann es wirklich anders werden?
Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: „Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.“
Darum ließen sie ihm sagen: „Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 'So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.' Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“ (1. Mose 50,15-17a.)
Die Brüder kennen die Spielregeln. Und sie erkennen: Sie können das Spiel nicht mehr gewinnen. Sie können allenfalls noch erreichen, dass die Niederlage sich in Grenzen hält.
Sie machen sich klein. Ob nun aus Überzeugung oder aus Not. Es ist unwortwörtlich alternativlos: Der Sieger bestimmt die Regeln.
Zeit also für Josef, die Hymne des Siegers anzustimmen: No time for losers, 'cause we are the champions of the world.
So sagen es die Regeln. Eigentlich. Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. (1. Mose 50,17b.)
Der Sieger weint. Der Sieg ist da. Die Sterne verbeugen sich vor der Sonne. Josefs Traum wird Wirklichkeit. Aber jetzt, wo er wirklich ist, fühlt er sich schal an und falsch.
Josef könnte den Triumph auskosten. Stattdessen schmeckt er, wie bitter die Niederlage seinen Brüdern schmeckt.
Ein Leben lang sah er sich als die Garbe, vor der sich die anderen Garben verbeugen sollten. Jetzt, da sie es tun, wechselt er die Seiten und spürt, wie sich der Rücken krümmt und der Blick senkt.
Ein Fußballtrainer bekam im letzten Jahr einen Fairplay-Preis: Im Augenblick des Sieges war er zuerst zu den Spielern des Gegners gegangen und hatte den Arm um sie gelegt und ihnen vom Rasen hoch geholfen.
Der Sieger wechselt auf die Seite der Verlierer. Nicht auszudenken, wenn das Schule machen würde. In der Politik, in der Wirtschaft.

Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor Josef nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.
Josef aber sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.“
Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.  (1. Mose 50,18-21.)
Vielleicht kniet Josef sich zu seinen Brüdern in den Staub. Vielleicht geht er auch zu jedem einzelnen hin und reicht ihm die Hand und hilft ihm auf. Sie schauen sich an und sehen sich ins Angesicht und erkennen einander als Brüder.
Dann beginnt der Tag, heißt es: Wenn du im Angesicht des Gegenübers deinen Bruder oder deine Schwester erkennst. Und dann beginnt die Sonne zu strahlen: Wenn du in ihm und sie in dir das Angesicht Gottes erkennt.
Josef sieht seinen krummen Weg. Und er erkennt, wie reich er ist. Und er sieht, wozu das alles gut war und gut ist. Und er erkennt, was er tun muss. Mit der Macht, die er hat, als Wesir des Pharaos. Mit dem Reichtum, den er verwaltet.
Es ist das Ende der langen Geschichte zwischen Josef und seinen Brüdern.
Was, wenn die Präsidenten und Kanzlerinnen unserer Tage auch dahin kämen, wenn sie von ihrem Gipfel herabsteigen?
Wenn sie ihren Reichtum nehmen, den persönlichen und den, den sie verwalten. Und ihn weiterreichen an die, die bislang nur von den Krümeln leben, die vom Tisch fallen. Wenn sie denen einen Platz anbieten an ihrem Tisch?
So fürchtet euch nun nicht. Wir wollen euch und eure Kinder versorgen.“
Und alle rücken zusammen und lauschen der Ode an die Freude.

Ja, nur ein Traum. Aber so ist die Reihenfolge: Erst kommt der Traum, dann folgt die Wirklichkeit.

Montag, 19. Juni 2017

So einfach


Am Anfang war alles ganz einfach.
„Steh auf, nimm deine Matte und geh!“ Das hatte der Mann zu ihm gesagt, der plötzlich vor ihm stand und ihn fragte, ob er gesund werden wolle.
Natürlich wollte er das. Seit 38 Jahren wartete er darauf. Endlich wieder laufen können. Ein Traum, der ihm in den Jahrzehnten zum Alptraum wurde, weil er sich nicht erfüllen wollte.
Aber es am Ende doch tat. „Steh auf, nimm deine Matte und geh!“ Ja, er nahm seine Matte und ging. So einfach war das.
Am Anfang ist alles ganz einfach.
Eine Tür tut sich für dich auf und du trittst durch sie ein in das Haus des Glaubens.
Vielleicht bist du vorher um das Gebäude geschlichen, hast an Türen gerüttelt, die verschlossen waren, hast durch Fenster geschaut, die lange nicht mehr geputzt wurden.
Aber jetzt trittst du über die Schwelle. Vielleicht reicht dir jemand die Hand. Einer, der sich auskennt in dem Haus. Der die Tür von innen für dich öffnet und dich freundlich fragt, ob du nicht eintreten willst.
Und du trittst ein und staunst und fühlst dich wohl: „Ja, hier kann ich bleiben.“ Und du wunderst dich, warum du nicht schon viel früher die Tür gefunden hast.
Du gehst zu den Menschen, die dir winken, dich zu ihnen zu setzen. Einer holt einen Stuhl und stellt ihn dir hin, eine andere springt auf und bringt Teller und Glas.
Du setzt dich und schaust sie an. Sie lächeln dir zu und schenken dir ein und du feierst mit ihnen das Leben.
So einfach war das. Am Anfang. Dann kamen die Probleme.
„Du darfst deine Matte nicht tragen!“ Zwei Vertreter der Behörden hielten ihn fest. Der eine zeigte auf die Matte unter seinem Arm, der andere auf das dicke Buch, das der unter dessen Arm trug.
Da stand drin, dass man das nicht tun dürfe, am Sabbat eine Matte tragen. Da müsse man Gott die Ehre geben und ruhen.
Gott die Ehre geben, das wollte er gern, schließlich war er endlich gesund. Aber ruhen, ach, das hatte er doch zuvor 38 lange Jahre getan.
Das ließen die beiden nicht gelten, und er wollte ihnen den Mann zeigen, der ausgerechnet am Sabbat zu ihm gesagt hatte, er solle seine Matte nehmen. Aber der war weg.
Damit hätte der Ärger ein Ende haben können, wenn er nicht selber für mehr gesorgt hätte. Er ging in den Tempel, um Gott die Ehre zu geben und ihm zu danken. Dort traf er ihn wieder, den Mann, der ihn geheilt hatte, Jesus.
Er dankte ihm, er dankte Gott. Dann ging er fort aus dem Tempel und zu den Behörden und sagte: Der war es, der Wanderprediger Jesus, der mir gesagt hat, ich solle meine Matte nehmen, und ich habe das getan, wo ich doch nicht wusste, dass man das am Sabbat nicht darf.
So einfach ist das. Am Anfang. Dann kommen die Probleme.
Du fühlst dich wohl im Haus des Glaubens. Du genießt die Gemeinschaft.
Aber die ist nicht nur gastfrei. Die weiß auch, wie einer sich zu benehmen hat, der dazu gehören will. Du musst gerade sitzen am Tisch des Herrn und die Hände auf den Tisch legen.
Es gibt viele Regeln, die du kennen sollst, ohne dass sie dir einer erklärt. Und Vorschriften, die du halten sollst, weil man das eben schon immer so getan hat.
Und es gibt Menschen, die darauf achten, dass du auch das tust, was sie für richtig halten. Schließlich steht das ja in dem dicken Buch, das sie unter ihrem Arm tragen.
Nur den Gastherrn, den vermisst du manchmal. Sein Platz an der großen Tafel bleibt leer. Das muss so sein, sagen die anderen. Er ist dennoch gegenwärtig. Davon spürst du manchmal wenig.
Dafür entdeckst du die Spinnweben in den Ecken des Hauses und den Dreck, der unter den Teppich gekehrt wurde.
Und dir fallen die Leute ein, die dich schon gewarnt haben, als du noch um das Haus des Glaubens herumgelaufen bist. Was, wenn es den Hausherrn gar nicht gibt?
So einfach war das am Anfang. Und es wurde wieder einfach.
Er war mit dabei, als die Vertreter der Behörden Jesus zur Rede stellten. Oder war es umgekehrt: Jesus stellte die Behördenwächter zur Rede?
Er zeigte jedenfalls auf das dicke Buch unter ihrem Arm und sagte:
„Ihr erforscht die Heiligen Schriften, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu erhalten. Auch die sind meine Zeugen. Aber ihr wollt euch mir nicht anschließen, um das ewige Leben zu erhalten.“ (Johannesevangelium 5,39-40 -- www.basisbibel.de.)
Die Behördenvertreter schauten verdutzt. Er verstand ihn sofort. Aber er hatte ja auch nicht 38 Jahre über Büchern gesessen, sondern gelähmt auf einer Matte gelegen.
Wenn dann einer kommt und sagt: „Steh auf!“ – dann musst du nicht in Büchern forschen; dann weißt du, wie Trost und Segen sich anfühlen und woher sie kommen. Plötzlich sind sie in dein Leben gefahren. Nicht weil du sie gesucht hast, sondern weil sie dir einer geschenkt hat.
Aber Jesus war noch nicht fertig mit den Behördenmenschen. Freundlich holte er zur Klatsche aus:
„Ich habe euch durchschaut: Ihr habt keine Liebe zu Gott in euch. Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr lehnt mich ab. Wenn aber irgendjemand anderes in seinem eigenen Namen kommt – den nehmt ihr auf. Wie könnt ihr denn zum Glauben kommen? Es geht euch doch nur darum, dass einer dem anderen Herrlichkeit zugesteht! Aber nach der Herrlichkeit, die der einzige Gott schenkt, strebt ihr nicht.“ (Johannesevangelium 5,42-44 -- www.basisbibel.de.)
Er sah, wie der eine der Behördenmenschen zuckte, als wollte er sich wegducken, der andere aber vor Zorn bebte: Keine Liebe zu Gott? Wo sie doch dessen Gesetze verwalteten.
Er fühlte mehr, als er verstand, dass stimmte, was Jesus den Behördenleuten vorwarf. Sie waren gefangen in dem Netz, dass sie selber gesponnen hatten.
Ein feines, ein kunstvolles Netz aus Regeln über das, was man zu glauben hat und zu tun. Sie webten immer weiter an dem Netz, immer engmaschiger wurde es. Sie achteten darauf, dass jeder tat, was er tun sollte. Und sie wussten, dass auch sie beobachtet wurden.
Es war ein Wettstreit: Wer die Regeln am besten beherrschte, stieg am höchsten. Woher die Regeln einmal kamen und wozu sie gut waren – das spielte nur auf dem Papier eine Rolle.
Sie und all die anderen Behördenvertreter hatten sich selbst gefangen in ihrem Netz. Sie waren so gelähmt, wie er die 38 Jahre auf seiner Matte gelegen hatte.
Es war an der Zeit, dass mal einer kam und zu jedem einzelnen von ihnen sagte: „Steh auf!“ Und eigentlich stand der ja vor ihnen. Aber sie sahen die Hand nicht, die er ihnen zum Aufstehen reichte.
Er, er hatte die Hand genommen. Er war aufgestanden. Und er wusste jetzt auch, wer ihm aufgeholfen hatte. So einfach war das. So einfach würde das hoffentlich bleiben.
So einfach ist das am Anfang. Und es wird wieder einfach.
Da betritt eines Tages ein Fremder das Haus des Glaubens und fragt, ob neben dir noch Platz sei. Du willst erst auf einen anderen freien Platz zeigen. Doch dann stehst du auf und holst einen Stuhl und einen Teller und ein Glas.
Der Fremde sitzt neben dir und ist neugierig. Er will wissen, was du hier machst. Du fängst an, ihm von den Regeln zu erzählen.
Aber er unterbricht dich. Von den Regeln will er nichts wissen. Von dir will er etwas wissen. Was du hier machst. Was du hier suchst.
Dir läuft es kalt über den Rücken und heiß durch den Magen. Das hattest du fast vergessen. Du bist ja in das Haus des Glaubens gekommen, weil du etwas suchtest.
Was war es? Trost? Vielleicht war es Trost. Kein Taschentuch, kein „Das wird schon wieder“. Sondern Trost. Also: Die Gewissheit, dass es Sinn macht, was du erlebst. Das Schöne und das Schwere.
Segen, das wäre ein anderes Wort für diesen Trost. Nicht dass alles irgendwie gut wird und dir nichts geschehen kann. Aber dass du gewiss sein kannst: Einer meint es gut mit dir. Er schaut dich freundlich an.
Der Fremde schaut dich an, ziemlich freundlich immerhin, und nickt. Das kann dich hier finden, sagt er. Dann legt er dir die Hand auf die Schulter und steht auf.
Er geht um den Tisch herum und setzt sich auf den Platz des Hausherrn. Und er nimmt ein Stück Brot und bricht es und gibt es an seine Nachbarin weiter.
Du willst etwas sagen, aber der Fremde, der es auch für dich jetzt nicht mehr ist, legt den Zeigefinger an die Lippen und lächelt dich an.
So einfach ist das. So einfach wird das hoffentlich bleiben.

Sonntag, 11. Juni 2017

Hinter der Tür

Die Holztür öffnet sich schwer und langsam. Als wolle sie sagen: Achtung, du trittst über eine Schwelle zu einem anderen Raum.
Die Tür schließt sich hinter ihm. Mit einem Klicken fällt sie ins Schloss. Die Geräusche und das Licht des Tages bleiben draußen.
Er macht drei, vier Schritte nach vorn. Der Raum breitet sich vor ihm aus in seiner Breite und Höhe und Tiefe. Als sollte er die Ewigkeit fassen.
Am anderen Ende leuchtet der Altar mattgolden. Unendlich viele Schritt scheint es von hier bis dorthin. Das Gewölbe zieht den Blick nach oben. Knapp unter dem Himmel schließt es der Schlussstein, der die Spannung hält.
Seine Schritte verhallen in der Weite. Er lauscht in die Stille unzähliger Gebete, die in dem Raum schweben.

Jesaja schreibt:
In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.
(Jesaja 6,1)

Da betrittst du eine Kirche und hast eigentlich nichts anderes vor, als sie dir einmal anzuschauen. So viel gibt es an dem Ort ja nun nicht zu sehen.
Dann stehst du in dem Raum und wunderst dich über dich: Was ist es, das dich so ergreift?
Bilder steigen in dir auf. Aus längst vergangenen Zeit kommen sie und von ganz anderen Orten. Doch sie ziehen jetzt in diesem Raum an dir vorüber.
Diese kindliche Weihnacht an der Seite deiner Eltern, umgeben von leuchtenden Kerzen und andächtig-ungeduldigen Menschen. Das klopfende Herz, als du am Taufstein stehst, deinen Kopf beugst und das Wasser spürst und die Hand, die dich segnet. Die Tränen, die du weinst und deine Mutter mit dir, als ihr nebeneinander sitzt und auf den Sarg von Oma schaut.
Du schüttelst dich. Eigentlich willst du dir doch nur den Raum anschauen und vielleicht ein oder zwei Bilder machen. Stattdessen siehst du dein Leben.
Du setzt dich hin und schließt die Augen. Da siehst und spürst du noch mehr: ein heiliger Ort, der Gott gehört. An dem du Gott gehörst.

Jesaja schreibt:
Serafim standen über dem Thron; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie.
Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.
(Jesaja 6,2-4)

Auch Serafim sind Engel, sind Boten Gottes. Aber solche, die Furcht einflößen: Schlangengleiche Wesen mit einem Menschenkopf, sechsflügelig. Mit zwei Flügeln fliegen sie.
Mit zwei anderen bedecken sie ihre Augen, weil Gottes Angesicht so blendet. Mit dem letzten Paar decken sie ihre Geschlechtsteile ab, um allein Gott die Ehre zu geben.
Aber vor allem: Sie rufen und singen laut: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen! Alle Lande sind seiner Ehre voll.“
So laut ist ihr Gesang, dass die Schwellen des Tempels davon erbeben und das Gebäude in seinen Grundfesten erzittert.

So jedenfalls sieht und erzählt es Jesaja vor bald 2.800 Jahren. Er steht im Tempel, einem Gebäude aus Stein und Lehm wie andere Gebäude auch. Und doch ein Heiliger Ort, einer der Gott gehört. Der Tempel kann Gott nicht fassen, aber seit Salomos Zeiten wohnt dort immerhin Gottes Name.
Jesaja sieht, wie mitten in seiner Wirklichkeit noch eine ganz andere verborgen ist, unsichtbar und doch da: die Wirklichkeit Gottes. Unfassbar groß, erschreckend und gefährlich, so erlebt er sie.
Alles Reden vom lieben Gott, von dem, der gütig und verständnisvoll ist wie ein gütiger Großvater, verbietet sich. Für Jesaja zumindest. Wer so von Gott redet, redet ihn klein.
Er begegnet Gott. Und der hat die Kraft, ein ganzes Leben in den Grundfesten zu erschüttern wie es der Gesang der Seraphim tut.
Vermutlich wäre Jesaja etwas anderes lieber. Ein wohliger kleiner Schauer vielleicht und das warme Gefühl, dass alles so, wie es ist, gut ist. Dass er so, wie er ist, gut ist. Als würde Gott sagen: Ich bin okay, du bist okay.
Aber Gott sagt nichts. Nur die Serafim singen laut. Und Jesaja zittert vor Angst.
Wer in das Kraftfeld Gottes gerät, womöglich ganz unbeabsichtigt, der wird durcheinandergewirbelt. Am Ende ist er nicht mehr der, der er vorher war.

Jesaja schreibt:
Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.
(Jesaja 6,5)

Jesaja gibt sein Leben aus der Hand in diesem einen Augenblick. Alles, was er hat oder ist, verliert seinen Wert.
Da ist nichts mehr, worauf er stolz wäre, was er in die Waagschale werfen wollte. Unter den Augen Gottes zerfällt sein Leben zu einem kleinen Häufchen Elend.
Er schämt sich: Er malt sich aus, wie Gott ihn wohl sehen muss. Und ihm fällt nichts ein, was ihm an sich selber gefallen würde, wenn er Gott wäre. Dafür aber vieles, was er vor sich selber gern verbirgt – aber jetzt nicht mehr kann.
Wie kommt einer wieder heraus aus der Scham? Was mache ich, wenn ich überführt bin: eines kleinen Fehlers, einer großen Lüge? Wie gehe ich damit um, wenn mein stolzes Ich angegriffen wird?
Ich kann Tweets schreiben. In denen ich leugne, dass ich etwas falsch gemacht haben sollte. Und in denen ich die lächerlich mache, die mir etwas vorwerfen. In denen ich alles zu fake news erkläre, was nicht meiner Sicht auf die Welt und die Wahrheit entspricht.
Natürlich mache ich das nicht. Ich habe ja keinen Twitter-Account. Und doch leugne ich eher, als dass mir gelingt, was Jesaja tut. Er verwandelt seine Scham in Demut. Er hält sie aus, seine Fehler, und liefert sich dem aus, an dem er schuldig geworden ist. Der, Gott, soll sein Urteil sprechen.

Jesaja schreibt:
Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.
(Jesaja 6,6-7)

Auch das ist eine Taufe: eine glühende Kohle, die den Mund verbrennt.
Kein Vergleich zu den beiden Taufen, die ihr gerade erlebt habt, liebe Anna und liebe Familie Holst . Da ging es um etwas anderes. Da ging es um ein Versprechen.
Ihr habt Kira zur Taufe gebracht, weil ihr hofft: Gott umgibt sie von allen Seiten und hält seine Hand über ihr.
Dass du jetzt getauft bist, Anna, ist auch dein Versprechen, dass du vertrauen willst: Gott ist dein Licht und Heil, wovor solltest du dich also fürchten?
Taufe ist ein Bündnis, das ihr geschlossen habt mit Gott. Ein Bündnis für das Leben von … und dein Leben – und gegen all das, was euch ängstlich und einsam machen könnte.
Auf dem Taufstein hat das der Steinmetz eingehauen: Ein Ritter ist darauf zu sehen, der einen Menschen vor einem Monster retten will. In letzter Sekunde befreit er ihn vor dem, was ihm ans Leben will, und schenkt ihm das Leben neu.
Aber auch das, was Jesaja erlebt, ist Taufe: Wer vor dem Monster gerettet wird, trägt Narben aus dem Kampf davon. Gott hinterlässt Spuren, wenn er so in ein Leben tritt.
Manchmal sind es Wunden, die sich dem Gedächtnis einbrennen. Wie die Kohle an Jesajas Lippen.
Manchmal ist es wie ein Bauchnabel ist, der Jahre später noch an die neue Geburt erinnert: Jetzt ist dein Leben neu und du bist frei.

Jesaja schreibt:
Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!
(Jesaja 6,8)

Du sitzt eine kleine Weile in deiner Bank und merkst gar nicht, wie die Zeit vergeht. Vielleicht steht sie ja auch still, für einen kleinen ewigen Augenblick.
Solltest du jetzt beten?, geht es dir durch den Kopf. Irgendetwas sagen, dem, der so nah ist, obwohl du ihn nicht siehst, noch nie gesehen hast.
Aber er hat dich berührt. Am Herzen berührt. Er muss also da sein. Irgendwo um dich herum. Dir gegenüber. In dir. Also wird er auch hören, was du nicht sagen kannst.

Er wendet sich zum Gehen. Noch ein letzter Blick auf den Altar, in das Gewölbe.
Dann steht er vor dem Tisch im Vorraum. Ein Buch liegt dort, die Seiten beschrieben von den Leuten, die in den letzten Tagen wie er diesen Raum betraten. Die nichts suchten, aber gefunden wurden.
Er nimmt den Kugelschreiber, hält kurz inne und schreibt: Danke für das Leben, das jeden Tag neu wird und immer dir gehört.

Vergnügt blinzelt er in die Sonne, als er vor die Tür tritt.