Montag, 29. Oktober 2018

Wenn du loslässt

Einen Affen zu fangen, möchte man meinen, muss ziemlich schwer sein. Es sei denn, man kann wie ein Affe klettern. Aber eigentlich ist es ziemlich einfach.
Man muss nur in einer Erdhöhle mit einem schmalen Loch Leckereien für den Affen hineinlegen und warten. Irgendwann kommt der Affe, langt hinein, greift die Leckerei.
Dann braucht man nur noch hinzugehen und ihn an die Leine zu legen. Der Affe kommt nicht auf die Idee, das, wonach er gegriffen hat, loszulassen. Er steckt mit der Hand fest
Einem Menschen, möchte man meinen, kann das nicht passieren. Aber Menschen sind nun einmal mit Affen verwandt.
Ein Kind sieht in einem Glaskrug viele Bonbons. Es greift hinein und möchte möglichst viele herausholen. Aber die geballte Faust geht nicht mehr durch die enge Öffnung des Kruges. Es ist gefangen von den Bonbons.

Der Trick gelingt auch mit Erwachsenen – zumindest im übertragenen Sinn.
Da ist die Spielerin, die am Roulettetisch sitzt und die weiße Kugel mit den Augen verfolgt. Wieder und wieder setzt sie auf rot und schwarz, gerade und ungerade. Egal wie groß oder klein der Haufen Jetons vor ihr ist. Aufstehen kann sie nicht.
Da ist der Vereinsvorsitzende, der seit 32 Jahren die Geschicke des Vereins leitet. Wieder und wieder lässt er sich wählen. Weil es ja kein anderer macht, sagt er. Weil er niemanden anderen lässt, sagen die anderen. Abtreten kann er nicht.
Da ist die junge Frau, die Tag und Nacht online unterwegs ist bei Facebook, Twitter, Instagram und Co. Beständig zählt sie die Freundinnen und Follower, die Daumen, Herzen, Smileys unter ihren Beiträgen. Offline gehen kann sie nicht.
Da ist der Tischlermeister, der immer in seiner Werkstatt steht. Nur noch dieses Regal. Und nur noch dieser Schrank. Und das Angebot für den nächsten Auftrag. Immer ist noch Arbeit da, die ihn braucht. Abschalten kann er nicht.
Ihre Gier hat sie gefangen. Die Spielerin, die noch einmal alles auf schwarz setzt. Den Vereinsvorsitzenden, ohne den nichts geht. Die Frau, die sich online verläuft. Der Tischler, der den Ausknopf bei seinen Maschinen nicht findet.

Affenleicht lassen wir uns fangen. Man muss nur Geld in einem Loch verstecken. Oder Zuwendung. Oder Macht. Oder Arbeit.
Und wir greifen hinein. Legen die Hand um das Geld. Um die Macht. Um die Zuwendung. Um die Arbeit.
Die Hand steckt fest. Wir können sie nicht mehr hinausziehen. Wir halten fest, was wir wollen. Das, was wir wollen, hält uns fest.
Es ist erstaunlich, dass sich Menschen immer wieder von ihrer Gier – wonach auch immer – fangen lassen. Eigentlich wissen wir doch, dass wir nicht bekommen, wonach wir gieren – sondern dass früher oder später die Gier uns bekommt. Dass wir ihre Gefangenen werden.
Das weiß auch schon der Johannes, der vor 1.900 Jahren an seine Gemeinde einen Brief schreibt. 

Liebt nicht die Welt und das, was zu ihr gehört! Wer die Welt liebt, in dessen Herz gibt es keine Liebe zum Vater.
Die Welt ist erfüllt von der Gier der Triebe und Sinne, von der Gier der Augen, vom Prahlen mit Geld und Macht. Das alles kommt nicht vom Vater, sondern gehört zur Welt.
Die Welt vergeht und mit ihr die ganze Lust und Gier. Wer aber tut, was Gott will, wird ewig leben.

Johannes weiß um die Gier, wie wir wissen, dass sie gefangen nimmt. Er und wir wissen, wie schwer es ist, ihr aus dem Weg zu gehen.
Johannes weiß auch ein Gegenmittel gegen die Gier, es ist ein einfaches Rezept: Widersteht der Versuchung. Geht dem, was eure Gier lockt, aus dem Weg.
Das Kind soll von dem Glaskrug mit den Bonbons weg bleiben, die Spielerin vom Geld, der Vorstandsvorsitzende von der Macht, die Frau von den Likes, der Tischler von der Arbeit.
Liebt nicht die Welt und was zu ihr gehört“, schreibt Johannes. Nicht die Bonbons, nicht die Macht.
Er hat leicht schreiben. Er geht davon aus, dass es diese Welt nicht mehr lange gibt. Dass sie gleich morgen zu Ende geht.
Die zwei, drei Nächte, die werden wir es doch wohl schaffen, dem Geld und den Social Media auszuweichen.
Aber: Johannes Antwort ist nicht mehr die Antwort, die wir bald 2000 Jahre später geben wollen, geben können. Wir rechnen nicht mehr damit, dass morgen die Welt zu Ende geht – und darauf warten, das tun wir schon gar nicht. Oder?
Wir leben hier und jetzt. Und das wollen wir auch. Wir wollen heute und in dieser Welt leben.
Wir wollen gut leben: erfüllt, glücklich, zufrieden – oder, mit einem altmodischen Wort: Wir wollen gesegnet leben.
Darin allerdings sind wir uns wieder mit Johannes einig. Wir sind gesegnet, wir können gesegnet leben

Ihr Kinder, ich gebe es euch schriftlich: Eure Verfehlungen sind vergeben; das verbürgt der Name Jesus Christus.
Ihr Väter und Mütter, ich gebe es euch schriftlich: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an da ist.
Ihr jungen Leute, ich gebe es euch schriftlich: Ihr habt den Teufel besiegt.
So habt ihr es jetzt schwarz auf weiß, ihr Kinder: Ihr habt den Vater erkannt!
Ihr habt es schwarz auf weiß, ihr Väter und Mütter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an da ist!
Ihr habt es schwarz auf weiß, ihr jungen Leute: Ihr seid stark, denn das Wort Gottes ist in euch lebendig und ihr habt den Teufel besiegt!

In seiner Sprache, die nicht mehr die unsere ist, schreibt Johannes schwarz auf weiß an seine Gemeinde: „Ihr seid gesegnet. Ihr wisst, dass euer Leben wertvoll ist, weil es Gott ist, der es euch schenkt. Ihr wisst, dass ihr geliebt seid, weil ihr Menschen Gottes seid. Also könnt ihr ganz gelassen sein.“
Wer gelassen ist, der kann auch etwas loslassen. Aber es ist so schwer, von dem zu lassen, nach dem eine oder eine giert. So leer droht es zu sein, das Leben ohne Spiel und Macht, ohne Likes und Arbeit. Nichts, das einen hält.
Natürlich: Du kannst einen Halt zu finden. Du kannst nach dem Segen greifen, den Gott dir verspricht.
Auch wenn es schwer ist, danach zu greifen. Als greift man in die Luft und hat nichts in der Hand. Außer einem Versprechen.
Mit Händen ist es nicht zu greifen, dieses Versprechen. Du kannst den Segen nicht in die Hand nehmen. Dein Herz musst du hinhalten, dein Vertrauen ausbreiten. So kannst du Segen auffangen – das, was Gott dir verspricht.

Ich stelle mir die Spielerin vor. Sie sitzt am Roulettetisch und sieht plötzlich, was sie vorher nicht sah: Das kleine, alltägliche Glück, das zu Hause auf sie wartet. Ein Garten, frisches Brot, ein warmes Bett. Sie nimmt die paar Jetons und steht auf und geht.
Und ich stelle mir den Vorstandsvorsitzenden vor. Er nimmt auf der Jahreshauptversammlung hinterm Vorstandstisch Platz und sieht, was er vorher nicht sah: Menschen, die neben ihm sitzen und vor ihm. Denen der Verein so wichtig ist wie ihm. Fröhlich hebt er die Hand, um seinem Nachfolger die Stimme zu geben.
Und ich sehe die junge Frau. Mit dem Blick aufs Smartphone geht sie ihren Weg stößt plötzlich an ein weiches Hindernis. Sie schaut auf und in Augen und ein Gesicht, die sie anstrahlen. Sie lächelt zurück und bekommt das fremde Strahlen nicht mehr aus dem Sinne und das eigene Lächeln bleibt auf ihrem Gesicht.
Und ich sehe den Tischlermeister. Er steht in seiner Werkstatt und hört durch den Lärm der Söge hindurch, was er so oft schon überhört hat. Die Glocken von der Kirche im Nachbardorf läuten den Feierabend ein. Und er stellt die Maschine aus und tritt vor die Werkstatt und lauscht den Glocken, bis sie verklingen. Dann schließt er die Tür hinter sich ab.

Das Leben ändert sich, wenn du loslässt, wonach du gierst. Du kannst die Hand aus dem Loch ziehen, das dich festhält. Du kannst gehen. Du bist frei. Gott macht dich frei. Er stellt dich in seinen Segen.

Sonntag, 30. September 2018

Ernte gut, alles gut


Paulchen schaut auf die Tafel Schokolade. Tante Gertrud hat sie ihm geschenkt. „Meine Lieblingsschokolade. Mit Erdbeerjoghurtfüllung“, hat sie gesagt.
Paulchen aber mag keine Schokolade mit Erdbeerjoghurtfüllung. Schon gar nicht in einer rosafarbenen Schachtel. So ein Mädchenkram. Er sieht Mama an und weiß sofort, was jetzt kommt.
Und wie sagt man, wenn man etwas geschenkt bekommt?, fragt Mama. Natürlich weiß er, was man sagt. Er ist ja seit ein paar Wochen schon ein Schulkind.
Aber er weiß auch, dass man nicht lügen soll. Das sagt Mama auch immer. Da muss sie doch verstehen, dass er sich nicht für etwas bedanken kann, worüber er sich nicht freut.
Naja“, sagt Mama, „dann sage ich mal Danke für ihn. Sie streicht Paulchen über den Kopf. Das allerdings mag er noch weniger als Schokolade mit Erdbeerjoghurtfüllung.

Wir feiern Erntedank. Wir feiern es in der geschmückten Kirche. Brot und Weintrauben, Kohlköpfe und Kartoffeln stehen für das, was wir dieses Jahr geerntet haben.
Auch wenn wir einiges dafür tun, damit es wächst im Garten und auf den Feldern: Dass es wächst und wir etwas zu ernten haben, ist immer auch ein Geschenk.
Und wie man sagt, wenn man etwas geschenkt bekommt, das wissen wir. Schließlich sind wir schon groß und haben es von unseren Eltern gelernt und an unsere Kinder weitergegeben.

Paul schaut über seinen Hof. Wie jedes Jahr hat er den Grünschnitt und die Maishäcksel mit Planen abgedeckt.
Aber dieses Jahr wird beides nicht reichen, um über den Winter zu kommen. Erst gab es zu viel Regen und zu wenig Sonne. Dann gab es zu viel Sonne und keinen Regen.
Er hat schon Kühe verkauft und Grünfutter vom Festland eingekauft. Aber er wird noch mehr Futter einkaufen müssen und noch mehr Kühe verkaufen müssen.
Ob die Rücklagen dann reichen werden oder er doch einen Kredit aufnehmen muss, weiß er jetzt noch nicht. Den Antrag auf Fördermittel beim Land hat er gestellt.
Aber welchen Betrag er tatsächlich bekommt und was er womöglich zurückzahlen muss, wenn er im nächsten Sommer den Jahresabschluss nachreicht, das weiß er noch weniger.

Wir feiern Erntedank. Weil man Danke sagt, wenn man etwas geschenkt bekommt. Aber können wir uns für etwas bedanken, worüber wir uns nicht freuen?

Paula sitzt in ihrem Zimmer in der Reha-Klinik. Sie fährt mit der Hand über den Kopf. Die Haare wachsen wieder. Und so schlecht steht ihr die Kurzhaarfrisur nicht.
Acht Mal war sie im Krankenhaus und hing an den Infusionen. Regelmäßig wurde ihr schlecht. Trotz der Gegenmittel, die sie bekam.
Auf wackligen Beinen und müde schlich sie durch die Tage zwischen den Klinikaufenthalten. Nur mühsam lernte sie, nicht mehr machen zu wollen, als sie tun konnte.
Angst hat sie keine. Manchmal ist sie traurig und die Tränen laufen. Aber sie lässt sich von dem kleinen fiesen Krebs nicht unterkriegen.
Langusten gehören ins Wasser, hat ihr einer gesagt. Daran muss sie denken, wenn sie jetzt am Strand spazieren geht und Kräfte sammelt für den Weg, der sie an ein Ziel führen wird, das weder sie noch ihre Ärzte kennen.

Wir feiern Erntedank. Wir feiern es in der geschmückten Kirche. Mohrrüben und Zwiebeln, Sonnenblumen und Kastanien stehen für das, was wir geerntet haben.
Auch wenn wir einiges dafür tun, damit wir glücklich werden in unserem Leben: Dass es wächst und wir etwas zu ernten haben, ist immer auch ein Geschenk.
Und wie man sagt, wenn man etwas geschenkt bekommt, das hören wir ein ganzes Leben lang. Auch jetzt hier in der Kirche. Paulus schreibt an seinen Freund Timotheus:

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts hat er verworfen. Wir müssen es nur mit Dankbarkeit von ihm entgegennehmen. Durch Gottes Wort und durch unsere Fürbitte wird es nämlich zu etwas Heiligem.“

Paulchen hat Mama, die ihn daran erinnert, was man sagen soll, wenn man etwas geschenkt bekommt. Paul und Paula und wir haben Paulus, der die Hand aufs wunde Herz legt: Sei dankbar.

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts hat er verworfen. Wir müssen es nur mit Dankbarkeit von ihm entgegennehmen. Durch Gottes Wort und durch unsere Fürbitte wird es nämlich zu etwas Heiligem.“

Paulus legt die Hand aufs wunde Herz, damit es heil wird und ich Erntedank feiern kann. Auch dann, wenn mir das, was ich geerntet habe, aus guten Gründen nicht gefallen kann.

So wie ich Paulus höre, sagt er: Auf allem, was dir geschieht, liegt Gottes Segen. Alles auf dieser Welt und in deinem Leben ist mit Gott verbunden.
Mir tut es gut, dass er mich daran erinnert. Manchmal nämlich vergesse ich das und meine, Gott wäre nur dann an meiner Seite, wenn es mir gut geht.
Aber wie komme ich darauf, dass er sich von mir abwendet, wenn die Ernte schlecht ausfällt? Segen heißt: Gott ist dir nah in allem.

So wie ich Paulus höre, sagt er auch: Was dir geschieht, muss dir nicht gefallen. Nimm es entgegen und schaue es dir mit wachen Augen an. Vielleicht kann Gott dich überraschen.
Mir hilft die Vorstellung, dass mir manches auf den ersten Blick wie ein grauer Stein am Strand vorkommt. Aber befeuchte ich ihn und halte ihn in die Sonne, beginnt er zu glitzern.
Gottes Segen liegt auf dem, was mir geschieht. Ich will ihn auch in dem suchen, was mir nicht gefällt.

So wie ich Paulus höre, sagt er auch: Aus allem, was dir geschieht, kann etwas Heiliges werden. Gott kann es in Segen verwandeln.
Nicht immer und nicht in allem finde ich Gottes Segen. Dann hilft es mir, Gott genau das zu sagen. Und ihn darum zu bitten: Wandle es in Segen. Wandle es durch deinen Segen.
Was mir nicht gefällt, vertraue ich Gott an und seinem Segen. Damit er das, was nicht gut ist, gut machen kann. Damit ich Erntedank feiern kann.

Wir feiern Erntedank. Wir feiern, dass das Leben etwas Heiliges ist.
Paula hat in der Reha-Klinik andere Menschen getroffen, Männer und Frauen, die wie sie mit dem kleinen fiesen Krebs kämpfen.
Bei einigen hat sie die Kraft gespürt, die Leben gewinnt, wenn es dem Tod ins Auge schaut. Sie weiß jetzt: Auch sie trägt diese Kraft in sich. Ein unbändiger Wille zu leben.

Wir feiern Erntedank. Wir feiern, dass das Leben aus Gottes Segen lebt.
Paul weiß, dass er getan hat, was er tun konnte. Nach allen Regeln des Könnens und des Wissens.
Zu diesen Regeln gehören auch die Geduld und die Zuversicht. Die Natur ist ein Kreislauf. Nach der Ernte ist vor der Saat ist vor der Ernte. Es wird etwas wachsen.

Wir feiern Erntedank. Wir feiern, dass das Leben ein Geschenk ist.
Paulchen hat seine Freunde zur Geburtstagsparty eingeladen. Er und sechs Jungs sitzen um die Schnecke aus Süßigkeiten.
Jeder, der eine Sechs würfelt, darf sich die nächste Süßigkeit nehmen. Und jedes Mal, wenn einer einen Schokoriegel in rosafarbenem Papier bekommt, ist das Gelächter besonders laut.

Wir feiern Erntedank. Erntedank, das heißt glauben zu üben, dass Gott mein Leben segnet. Erntedank, das heißt vertrauen zu üben, dass Gott mein Leben in Segen wandelt.