Samstag, 23. Juni 2018

Das Interview

In Sotschi trifft heute die deutsche Nationalmannschaft beim zweiten Gruppenspiel auf das schwedische Team.
Unsere Reporterin Claudia Altmann ist auf der Strandpromenade der Stadt am schwarzen Meer unterwegs, um etwas von der Stimmung einzufangen. Und sie hat auch schon einen interessanten Gesprächspartner gefunden.
Claudia, wie sieht es aus in Sotschi?

Ein herzliches Willkommen aus Sotschi. Gut sieht es hier aus. Die Sonne scheint. Es weht ein laues Lüftchen vom Meer herüber. Die Leute sitzen in den Strandcafés. Neben mir steht Johannes Täufer.
Friede sei mit dir. Und auch mit euch.
Gleichfalls. Johannes – ich darf doch Johannes sagen? – Johannes, viele werden sicher überrascht sein, sie hier zu sehen. Wir wussten gar nicht, dass sie Fußball-Fan sind.
Ich sag' mal: Das wusste ich bis vor kurzem auch nicht. Und ich bin selber ein wenig von meiner Begeisterung überrascht. Sie kam unverhofft über mich.
Wo kommt sie denn her, diese Begeisterung? Vorsichtig formuliert: Am Spiel der deutschen Mannschaft gegen Mexiko kann es ja nicht liegen.
Ja, gut. Ich muss sagen: Auf die Feinheiten des Spieles achte ich gar nicht so sehr. Die Abseitsregel zum Beispiel …
Da sind sie sicher nicht der einzige. Aber woher kommt dann die Begeisterung? Spielen Sie selber?
Nein, nein. Die Begeisterung kommt vom Zuschauen. Und vielleicht ist es auch gar nicht so sehr das Spiel, das mich anzieht. Sondern die Begeisterung der Menschen.
Der Jubel in den Stadien also. Die Gesänge?
Es ist ja eigentlich nur ein Spiel.
Die schönste Nebensache der Welt.
Aber wenn ich die Menschen anschaue im Stadion, dann berührt mich ihr heiliger Ernst.
Es heißt, Fußball sei eine Religion.
Das weiß ich nicht. Ich sehe nur, was ich sehe. Und ich höre, was ich höre. Menschen, die aus voller Kehle und mit ganzem Herzen ihre Lieder singen.
Das sind im Zweifelsfall die gleichen, die von sich behaupten, dass sie nicht singen können.
Genau. Und dann sitzen und stehen die da 90 Minuten lang und verfolgen das Spiel, als ginge es um alles.
Manchmal geht es das ja auch. Heute zum Beispiel, wenn Deutschland nicht gewinnt …
Es fühlt sich zumindest so an. Ich schaue bei den Spielen den Menschen ja immer gern in die Gesichter.
Das tun unsere Kameramänner auch mit Vorliebe. Vor allem bei den Frauen.
Was Sie da alles sehen können. Wenn der Schiedsrichter nicht pfeift, was er pfeifen soll.
Dann erntet er ein Pfeifkonzert.
Wut und Hass schlägt ihm dann entgegen. Schauen Sie sich die Gesichter an. Ganz verzerrt sind sie.
Ja. Manchmal ist es zum Fürchten. Aber das ist doch kein Vergleich zum Jubel, wenn ein Tor fällt.
Dann explodiert die Freude. Ich habe ja immer gedacht, was für ein merkwürdiger Ausdruck: Das Stadion explodiert vor Freude. Aber so ist es.
Ich vermute, man muss Fußball-Fan sein, um das zu verstehen.
Und auch nur ein Fußball-Fan kann nachvollziehen, wieso man traurig, richtig traurig sein kann, wenn die eigene Mannschaft verliert.
Mich bewegen ja noch mehr die letzten Minuten eines Spiels. Wenn die Spannung mit den Händen zu greifen ist.
Man kann das dann wirklich fast greifen: Bei den einen die Angst: Was soll werden? Und bei den anderen die Hoffnung: Das wird was.
Und dann pfeift der Schiedsrichter ab und alles ist vorbei. Sieg für die einen, Niederlage für die anderen.
Es ist ja nicht vorbei. Die Gefühle halten an. Die Freude, wenn die eigene Mannschaft gewonnen hat. Die Trauer, wenn sie eine Niederlage einstecken musste.
Und man kann sich noch tagelang über den Fehler von Caballero und das Tor von Rebic unterhalten.
Oder über die Kommentare der Kommentatorin, ob die nun weiß, was sie da tut oder nicht.
Als ginge es um alles.
Das ist es, was mich am Fußball begeistert: Dass er die Menschen, die Fans so berührt, als ginge es um alles.
Dabei geht es gar nicht um alles.
Das fühlt sich in den 90 Minuten und der Nachspielzeit eines Spiels aber anders an. Da geht es wirklich um alles.
Finden Sie nicht, dass der Fußball manchmal viel zu wichtig genommen wird?
Ich finde, man kann gerade das von der Fußballbegeisterung lernen: Etwas wirklich wichtig zu nehmen.
Wie meinen Sie das?
Ich meine: Nur wenn ich etwas wichtig nehme, wenn ich mich von etwas berühren lasse, ändert sich etwas. In meinem Leben. Auf der Welt.
Vermissen Sie das bei den Menschen heute?
Ich sage lieber: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich es erlebe. Wenn ein Mensch zu mir kommt und fragt: Johannes, wie kann ich mein Leben ändern?
Wünschen Sie sich, dass mehr Menschen das tun?
Mein Eindruck jedenfalls ist: Es tut gut, wenn ich berührt werde. Von etwas, das mich riesig freut. Auch von etwas, das mich tieftraurig macht. Dann berührt mich das Leben. Dann berührt mich Gott. Und ich werde ein anderer.
Also: Ihre Hoffnung ist, dass der Fußball uns Gott näher bringt.
Meine Hoffnung ist, dass wir uns von Gott berühren lassen, wie manche sich vom Fußball berühren lassen: Von ganzer Seele und ganzem Herzen und mit aller Kraft.
Erst einmal hoffen wir, dass die deutsche Mann heute Abend so spielt: Mit ganzem Herzen und mit aller Kraft. Was ist ihr Tipp?
Es hat mal einer gesagt: Gott ist das, was dich unbedingt angeht. Was dich im tiefsten Inneren berührt. Öffne dich und lass dich von Gott berühren.
Ja, danke. Aber ich meinte den Ausgang des Spiels heute Abend.
Oh. Achso. Ja. Zwei zu eins für Deutschland.
Sie sind der Prophet. Ihr Wort in Gottes Ohr. Ich gebe zurück ins Studio.
Ja, vielen Dank, Claudia. Vielen Dank auch an Johannes Täufer. Der Mann Gottes outet sich als Fußball-Fan. Wer hätte das gedacht.

Sonntag, 17. Juni 2018

Wie du selber umarmt werden willst

Rembrandt van Rijn, Die Heimkehr des verlorenen Sohnes, 1642 (Haarlem, Tylers Museum)
Das ist die Botschaft, die wir von Jesus Christus gehört haben und die wir euch verkünden: Gott ist Licht, in ihm gibt es keine Spur von Dunkelheit. (1 Johannes-Brief 1,5)

Einer, der sich Johannes nennt, schreibt das an seine Gemeinde.
Gott ist Licht. Gott ist eine Gestalt aus Licht. Jesus erzählt von ihm, als er von dem Vater erzählt, der aus seinem Haus stürzt und dem Sohn entgegen läuft.
Ich versuche mir Gott so vorzustellen. Wie einen, den die Freude ganz und gar ausfüllt. Das Herz macht einen Sprung, als er den sieht, den er so lange vermisst hat.
Fast setzt das Herz aus. Ein freudiger Schreck. Was auch immer er gerade in der Hand hat – er lässt es fallen. Er rennt zur Tür. Er reißt sie auf.
Er läuft los. Es sieht ein wenig merkwürdig aus. Da rennt einer, der das nicht mehr gewohnt ist. Einer, der bald ein alter Mann ist, läuft wie ein Kind. Leichte Schritte, fast ein Hüpfen.
Und wie ein Kind lacht und juchzt er. Mit einer glockenhellen Stimme ruft er von weitem: Kind. Sohn.
Und dann, auf den letzten Metern, breitet er die Arme aus und stolpert fast. Schließlich schlingt er die Arme um den, der vor ihm steht, und umarmt ihn so fest, wie er kann.
Der Atem geht schwer, und man weiß nicht, ob er nach Luft schnappt. Oder ob er vielleicht schluchzt. Vor Glück, weil sich eine Sehnsucht erfüllt hat.
Die Augen strahlen, das ganze Gesicht leuchtet. „Da bist du wieder.“ Und zärtlich fährt die Hand dem Wiedergefundenen durch die Haare und über das Gesicht.
Gott ist eine Gestalt aus Licht. Eine Lichtgestalt, die den, den sie wiederfindet umarmt und einhüllt mit leuchtender Liebe.

Johannes schreibt in seinem Brief:
Wir lügen, wenn wir behaupten: »Wir haben Gemeinschaft mit Gott!«, aber unser Leben nach der Dunkelheit ausrichten. Was wir tun, steht dann im Gegensatz zur Wahrheit.
Gott selbst ist ja im Licht. Wenn wir nun ein Leben führen, das – wie er selbst – im Licht ist, haben wir Gemeinschaft untereinander. (1 Johannes-Brief 1,6-7a)

Gott ist Licht. Gott selbst ist ja im Licht. Jesus erzählt weiter von ihm, als er von dem Vater erzählt, der noch einmal vor die Tür tritt.
Dort steht der andere Sohn in der hereinbrechenden Nacht. Düster sind seine Gedanken, dunkel fühlt es sich in ihm an.
Ich frage mich, was ihn davon abhält, einfach hineinzugehen. Dorthin, wo das Licht ist und sie gerade ein Fest feiern. Was hält ihn draußen vor der Tür, dort im Dunkeln, fest?
Fragen wir ihn, den Sohn. Er wird womöglich antworten: Der Vater lässt mich hier draußen im Dunkeln stehen. Die Party steigt ohne mich. Ich bin nicht eingeladen.
Fragen wir den Knecht, der neben ihm steht und ihm von dem Fest erzählt. Wenn er mutig ist, wird er vielleicht antworten: Keiner schließt dich aus. Du selber bist es, der draußen im Dunkeln bleibt.
Ob dem Sohn das hilft, die dunkle Wolke zur Seite zu schieben, die sich zwischen ihn und das Licht geschoben hat? Eine Wolke aus Neid und Eifersucht.
Liebe und Leben lassen sich nicht teilen, flüstert es aus der Wolke. Wer dich liebt, darf nur dich lieben. Was bleibt von der Liebe, wenn auch andere von ihr bekommen?
Wer sich dem einem zuwendet, muss sich schließlich von dem anderen abwenden. Und was der eine erhält, ist für den anderen verloren. So ist es doch, oder?
Dem Sohn fehlt die Kraft, die dunkle Wolke zu vertreiben. Sie legt sich schwer aufs Gemüt. Mit dem Bruder, der ihm die Liebe des Vaters stiehlt, will er nichts zu tun haben.
Und er wendet sich um und will fortgehen von diesem Vater, der seine Liebe verschleudert wie der Bruder das Erbe.
Doch dieser Vater tritt vor die Tür und geht ihm nach und nimmt ihn in den Arm und hüllt ihn ein in sein Licht und lädt ihn ein zum Fest.
Seine Gegenwart vertreibt die dunkle Wolke und ihr Flüstern verstummt. Der Sohn fühlt wieder, was er früher schon fühlte: Liebe leuchtet wie das Licht. Wenn ich Licht teile, wird es mehr. Wenn ich die Liebe teile, wird es heller.

Johannes schreibt weiter an seine Gemeinde:
Wir betrügen uns selbst, wenn wir behaupten: »Uns trifft keine Schuld!« Dann ist die Wahrheit nicht in uns am Werk.
Wenn wir aber unsere Schuld eingestehen, ist Gott treu und gerecht: Er vergibt uns die Schuld und reinigt uns von allem Unrecht. (1 Johannes-Brief 1,8-9)

Gott ist Licht. Gott ist treu und gerecht. Jesus erzählt von diesem Vater, der ganz anders treu und ganz anders gerecht ist, als die beiden Söhne es erwarten.
Was sie erwarten, ist: Ich bekomme, was ich verdient habe. Ich werde belohnt dafür, dass ich all die Jahre für den Vater gearbeitet habe, erwartet der eine.
Der andere erwartet: Weil ich das Erbe verschleudert habe, muss ich etwas tun, um das wieder gut zu machen. Und irrt sich genauso wie sein Bruder.
Er hat sich das in Selbstgesprächen fein säuberlich zurecht gelegt: Vater, ich stehe in deiner Schuld. Aber ich will die Schuld abtragen. Stück für Stück.
Er sagt es auch dem Vater: Ich bin schuldig geworden. Wer mag ermessen, wie viele unruhige Nächte ihn das zuvor gekostet hat. Wer gesteht schon gern eine Schuld ein?
Doch der Vater hört gar nicht, was der Sohn zu sagen hat. Er ist davon ausgefüllt, sich über die Rückkehr zu freuen. Statt ihn als Knecht anzustellen, gibt er ihm den Ring des Erben.
Von Schuld sprechen nur die beiden Söhne. Der eine, weil er Angst hat, dass das, was er getan hat, ihn vom Vater trennt. Der andere, weil er den Vater davon überzeugen will, dass es doch genauso ist: Die Schuld trennt.
Aber für den Vater ist die Schuld nichts, was trennt. Mit einem Handstreich der Liebe wischt er sie einfach beiseite. Im Licht seiner Liebe verschwindet, was die Söhne für einen dunklen Fleck halten.
Ob die Söhne das verstehen können? Ob ich das annehmen kann? Es zählt nicht die Schuld, die einer angesammelt hat. Es zählt, was Gott daraus macht: eine Umarmung.
Die Schuld fängt erst da an, wo ich meine, es gibt etwas, das mich von Gott trennen könnte. Erst da, wo ich meine, Gott könne mir nicht treu sein und gerecht werden.
Die Schuld trifft Gott: Wenn ich ihm nichts zutraue, verschleudere ich sein Erbe. Die Schuld trifft mich. Weil ich Gott nie kennen lernen, wenn ich ihm nicht alles zutraue.

Johannes schreibt:
Ob wir Gott wirklich kennen, können wir daran ablesen, dass wir seine Gebote halten. Wer behauptet: »Ich kenne ihn«, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner. In ihm ist die Wahrheit nicht am Werk.
Aber wer sich an sein Wort hält, in dem ist die Liebe Gottes wahrhaftig vollendet. Daran können wir ablesen, ob wir in der Gegenwart Gottes leben. (1 Johannes-Brief 2,3-5)

Gott ist Licht. Gott ist nah und gegenwärtig. Jesus erzählt davon, als er vom Vater erzählt, der seine beiden Söhne umarmt. Da hört die Geschichte auf, die Jesus erzählt.
Mit Fragen hört sie auf. Geht der andere Sohn noch hinein und feiert Wiedersehen mit seinem Bruder? Wie lange dauert das Fest, das sie hoffentlich alle Drei gemeinsam feiern?
Ich frage mich auch: Wie sieht der Alltag aus, der sie früher oder später einholt? Wie viel bleibt in diesem manchmal so grauen Alltag von dem Licht, das Gott ist?
Jesus erzählt von dem Vater, der seine Söhne liebt wie sich selbst. Er erzählt von Gott, der wie dieser Vater ist. Einer, der die Söhne umarmt, wie er von ihnen umarmt werden will. Mit ganzem Herzen und von ganzer Seele.
Ich stelle mir vor: Die Söhne genießen, wie sie umarmt werden. Sie finden gefallen daran. Sie spüren den Druck, mit denen der Vater sie umarmt.
Sie spüren ihn auch dann, wenn sich die Umarmung einmal kurz löst. Dann sehen sie sich danach, von neuem umarmt zu werden.
Diese Sehnsucht stillen sie, indem sie sich gegenseitig umarmen. Das, was sie einmal getrennt hat, hat zwischen ihnen keinen Platz mehr. Sie wollen sich ja umarmen. Also haben sie es gemeinsam zur Seite geschoben.
Sie umarmen einer den anderen, wie sie selber umarmt werden wollen. Sie wenden sich einander zu, wie ihr Vater sich ihnen zugewandt hat. Und darin ist ihnen immer auch der Vater nahe.
Daran können wir ablesen, dass wir in der Gegenwart Gottes leben: Wir haben einmal gespürt, wie Gott uns umarmt. Wir spüren immer noch den leichten Druck an der Seele: Du gehörst zu mir.
Wir suchen immer wieder nach dieser Umarmung. Und finden sie, wenn wir einen anderen Menschen umarmen. Wenn wir ihn umarmen, wie wir von Gott umarmt sind. Und wenn wir ihn umarmen, wie wir selbst umarmt werden wollen.
Eines Tages kam einer, der vormachte, wie das geht: umarmen. Er umarmte, wie er selbst umarmt war, ganz und gar, von Gott, dem Vater. So fing es an, so geht es weiter.

Johannes schreibt:
Wer von sich sagt: »Ich lebe in der Gegenwart Gottes!«, geht damit eine Verpflichtung ein – so zu leben, wie Jesus gelebt hat. (1 Johannes-Brief 2,6)