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Das Gartenhäuschen - eine Weihnachtsgeschichte

Der Kopf ist nach hinten auf die Sofalehne gesackt. Das Strickzeug liegt in ihrem Schoß. Tief und gleichmäßig atmet sie aus und ein. Auf der Anrichte laufen Hirten und Könige hinter der Krippe her, ohne sie einzuholen. Die drei Kerzen flackern in der Zugluft der Pyramide, die sie antreiben. Der Fernseher wirft ein fahles Licht in das Wohnzimmer. Ein Knabenchor steht auf einem watteweißen Weihnachtsmarkt und singt: „Ja, er kommt der Friedefürst.“ Als der Applaus des Publikums aus den Lautsprechern rauscht, schlägt die Frau zuhause vor dem Fernsehgerät die Augen auf. Sie sieht einen Engel in einem weißen, goldbestickten Kleid. Die Kamera fährt heran und zeigt das junge Gesicht, von dem sie nicht sagen kann, ob es einem Mädchen oder einem Jungen gehört. „Fürchte dich nicht!“, sagt der Engel. „Siehe ich verkündige dir große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn dir ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids.“ Mit einem Ruck setzt sich die Frau

Von diesem Kind geht ein Geheimnis aus

Alle Jahr wieder staune ich über den Zauber, der von Weihnachten ausgeht. Eine besondere Stimmung erfasst mich jedes Mal. Eine leise Ahnung wacht bei mir schon auf, wenn die ersten Schokoladenweihnachtsmänner in den Läden stehen. Auch wenn sie Weihnachten viel zu früh ankündigen, muss ich doch lächeln: „Ach ja, bald ist es wieder so weit.“ Nach dem Ewigkeitssonntag beginnt dann das Vorbereiten. Der Adventsschmuck zieht in unsere Wohnung ein. Es duftet mitten in der Nacht nach frisch gebackenem Stollen. Ich suche nach fremden und eigenen Weihnachtswünschen. Langsam wächst die Sehnsucht nach dem Frieden, den die Weihnachtstage ausstrahlen. Das hat auch mit der Hektik zu tun, die im Advent überall ausbricht. Mit all den Dingen, an die zu denken ist und die noch schnell zu erledigen sind. Bei manchen von Ihnen mischen sich in die Sehnsucht vielleicht auch Fragen: Wie wird dieses Weihnachten werden? Ohne den geliebten Menschen, der gestorben ist? Ohne die Kinder, die in diesem Jahr weit we

Gute Nachrichten

Heiligabend ist es wieder so weit. Die Bild-Zeitung erscheint mit einer Sonderausgabe. Sie veröffentlicht nur gute Nachrichten. Seit 2002 ist das alle Jahre wieder so. 2012 zählte zum Beispiel diese Schlagzeile dazu: „Feuer in Kinderheim. Wegen Weihnachten wird niemand verletzt“ – wunderbarerweise sind fast alle Heimkinder schon zum Weihnachtsbesuch bei ihren Eltern, als der Brand ausbricht. Ebenso gehört die Nachricht dazu, dass Robert Förstemann und seine Frau Jenni ihren Sohn Noah erwarten – zwar erst am 19. Januar, aber vielleicht kommt er ja schon am Heiligen Abend. Was für die Bild-Zeitung eben gute Nachrichten sind, mögen Sie sagen. Und Recht haben Sie ja. Dennoch: Die Idee hat etwas Verlockendes: Einen Tag mal nur die guten Nachrichten lesen. Die Welt ist doch gar nicht so schlimm, wie sie sonst immer geschrieben wird. „Was schade“, würden die Autoren einer Internetseite unter der Adresse www.gutenachrichten.org dazu sagen. Auch wenn ihre Internetseite so heißt, interessieren s

Advent heißt: Vor einer Tür stehen und warten

Advent heißt: Vor einer Tür stehen und warten. Wie der Mann vom Lande in der Türhüterlegende, die Franz Kafka erzählt. Dieser Mann kommt zum Gesetz. Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Der Mann vom Lande bittet ihn um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. "Es ist möglich", sagt der Türhüter, "jetzt aber nicht." Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: "Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal mehr ich ertragen." Der Mann vom Lande entschließt sich, lieber zu w

Dieses Ende ist auch ein Anfang

Eigentlich ist dieser Morgen viel zu klar und zu hell für den Tag heute. Eigentlich müsste er grau und trüb sein. So wie sich der November eben in der Regel zeigt: Kahl und verhangen. Die Natur zieht sich zurück, die feuchte Kälte kriecht in die Knochen. Der November – er stößt darauf, wie vergänglich das Leben ist. Er führt Ihre Wege heute hierher. An die Gräber derer, von denen Sie sich hier in der Kirche verabschieden mussten. Dieser Weg ist ein schwerer Weg. Es schmerzt, mich an das Sterben und den Tod eines Menschen zu erinnern, den ich verloren habe. Egal, ob der Abschied nun erst ein paar Wochen zurückliegt, einige Monate oder gar schon Jahrzehnte. Ob die Wunden schon vernarbt sind oder noch ganz frisch: Es macht neu und wieder traurig, dass er, der mir lieb war, nicht mehr bei mir ist; dass sie, die zu mir gehörte, mir fehlt. Es gibt Menschen, die vor dem grauen November hier an der Nordsee fliehen. Wie Zugvögel machen sie sich in den Süden auf, um ein wenig Wärme und Licht zu

Maria klingelt bei Martha

Maria stößt die Gartenpforte auf. Sie quietscht noch immer. Es ist ein vertrauter Ton. Jetzt erschreckt er sie. Lange hat sie ihn nicht mehr gehört. Sie wendet sich um und drückt die Tür vorsichtig ins Schloss. Sie schaut zum Haus hin. Es ist niemand zu sehen. Aber ein blaues Licht flackert hinter einem Fenster. Ihr ist, als würde sich die Gardine bewegen. Martha lässt den weichen Stoff los und tritt einen Schritt ins Dunkel des Raumes zurück. Ihr Herz schlägt zu schnell, die Hände werden feucht. Sie schaut auf die Frau, die mit langsamen Schritten auf das Haus zugeht. Maria bleibt auf dem Plattenweg stehen und wischt sich einen Regentropfen von der Stirn. Sie will den Weg ums Haus zur Hintertür laufen. Sie zögert einen Augenblick. Dann geht sie auf den Vordereingang zu. Martha blickt sich um. Sie packt den Stapel Wäsche, den sie schon zusammengelegt hat, und trägt ihn ins Schlafzimmer. Dann räumt sie die Zeitungen vom Tisch auf das kleine Regal neben dem Fernseher. Zwei Frauen streite

Ihr seid dran mit dem Wunder

Der Opfer von Krieg und Gewalt zu gedenken – das ist ein wenig, als würde man einen Stein ins Wasser werfen, der immer weitere Kreise zieht. Wir können bei den Opfern aus unserer Kirchengemeinde beginnen. In dem Buch auf dem Pult in der Vierung sind ihre Namen aufgeschrieben und ihre Bilder bewahrt. 44 junge Männer waren es im ersten Weltkrieg. 123 dann im zweiten Weltkrieg. Sie tragen die Namen der Familien, die heute noch hier leben. An viele von ihnen werden Sie sich erinnern. Wir können fortsetzen mit den Vertriebenen und Flüchtlingen, die aus Pommern und Ostpreußen oder auch Hamburg nach Föhr kamen. Die Einwohnerzahl von Wyk etwa verdoppelte sich von nicht ganz 3.000 im Jahr 1939 auf mehr als 6.000 im Jahr 1947. Manche von Ihnen, die heute hier sind, gehören zu denen, die damals auf die Insel kamen und blieben. Wir können und müssen die Kreise aber noch viel weiter ziehen. 3,25 Millionen deutsche Soldaten fielen im Zweiten Weltkrieg. 3,8 Millionen deutsche Zivilisten starben. Und

Nun wartet draußen unser Nächster

Als die Synagogen brannten, blieb die Kirche stumm. Kein einziger Bischof, keine Kirchenleitung wurde zum Anwalt der verfolgten Jüdinnen und Juden. Bereits drei Jahre später schrieb Dietrich Bonhoeffer: „Durch ihr eigenes Verstummen ist die Kirche schuldig geworden an dem Verlust an verantwortlichem Handeln, an Tapferkeit des Einstehens und der Bereitschaft, für das als recht Erkannte zu leiden.“ Und er fragt: „Ist das zuviel gesagt? War denn nicht die Kirche nach allen Seiten gehindert und gebunden? Stand nicht die ganze weltliche Gewalt gegen sie? Durfte denn die Kirche ihr Letztes, ihre Gottesdienste, ihr Gemeindeleben gefährden, indem sie den Kampf mit den antichristlichen Gewalten aufnahm? So spricht der Unglaube.“ Die Kirche blieb stumm. Ein paar Pastoren aber sagten, was zu sagen war. Gleich nach den Übergriffen gingen sie auf das unglaubliche Geschehen ein. Zu ihnen gehörte Helmut Gollwitzer, damals Pastor in Berlin-Dahlem. So beginnt er seine Predigt am Buß- und Bettag, dem 16

Ich habe deine Sünden vergessen

Von einer alten Frau im Dorf sagte man, ihr erscheine Gott. Der Pastor verlangte dafür Beweise: „Wenn Ihnen Gott das nächste Mal erscheint, dann bitten Sie ihn, Ihnen meine Sünden zu nennen, die nur er allein kennt.“ Einen Monat später kam die Frau wieder zum Pastor. Der fragte, ob ihr Gott erschienen sei. „Ja“, sagte sie. „Und haben Sie ihn nach meinen Sünden gefragt?“ „Ja, das habe ich!“ „Und was sagte er?“ „Sag’ dem Pastor, ich habe seine Sünden vergessen.“ Da ist der Pastor erleichtert. Er ist erleichtert, dass die Frau sie ihm nicht aufzählt. Seine Sünden, die nur Gott kennt. Das, was er am liebsten vor sich selber verheimlichen würde. Aber weil die Scham stärker ist als das Verheimlichen, geht er davon aus, dass Gott die ganz geheimen Sünden auch kennt, kennen muss. „Du, Gott, erforschest mich und kennest mich.“ Aber Gott sei Dank: Es bleibt ihm erspart, das alles vorgesetzt zu bekommen. Er muss sich nicht damit auseinandersetzen. Er darf weiter versuchen, die brennende Scham zu

Muck feiert Erntedank

Im Erntedankgottesdienst sitzt plötzlich Muck, die Zwerg-Handpuppe aus dem Kindergarten, auf der Kanzel. Pastorin: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Muck: Mit dir auch. Wer war das? Ach. Du, Muck. Was machst du denn hier? Och, der Kindergarten macht jetzt drei Wochen Ferien. Drei Wochen so ganz ohne Kinder, das finde ich doof. Da habe ich Eiken gefragt, ob ich auch Ferien machen darf. Und sie hat ja gesagt. Also bin ich jetzt hier. Und was machst du ausgerechnet hier, im Gottesdienst, auf der Kanzel? Weil: Ich habe noch nie einen Trachtentanz gesehen. Und von hier oben kann ich am besten sehen. Wegen des Trachtentanzes. Na klasse. Und weil es hier in der Kirche so schön ist. Immer, wenn mich ein Kind mit zur Kinderkirche nimmt. Heute ganz besonders. Da bin ich ja ein bisschen erleichtert. Ich dachte schon … Und was machst du jetzt? Noch eine Geschichte erzählen? Nee, ich wollte predigen. Predi

Alles hat seine silberne Zeit

Was feiern wir, wenn wir Silberne Konfirmation feiern? Die grüne Konfirmation ist ein Fest auf der Schwelle. Als Konfirmand stehe ich auf der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen. Ich werde freigemacht. Ein ganzes Leben mit all seinen Freiheiten und Träumen öffnet sich vor mir. Was aus aus den Träumen und Freiheiten geworden ist – die Frage stelle ich mir, wenn die Goldene Konfirmation ansteht. Auch sie ist ein Fest auf der Schwelle. Ich stehe dann auf der Schwelle zum Altenteil. Und ich schaue zurück. Erkenne ich noch den Konfirmanden von damals, der ich war? Alles hat seine Zeit, heißt es. Die grüne Konfirmation, da hat die Vorfreude auf die große Freiheit ihre Zeit. Es ist Zeit, Pläne zu schmieden. Die Goldene Konfirmation – sie ist die Zeit des Dankens für mein Leben. Es ist Zeit, Rückschau zu halten. Und wie ist das nun mit der Silbernen Konfirmation? Was hat da seine Zeit? Ist Zeit für die Vorfreude oder für den Dank? Schmiede ich Pläne oder halte ich Rückschau? Die Antwort finde ic

"Ich befehle dir: Steh auf!"

„Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein.“ Ich finde das eine wunderbare Verszeile aus dem Lied "Jesu meine Freude" (Evangelisches Gesangbuch Nr. 396) – mit einer kraftvollen Melodie dazu. Diese sechste Strophe ist wie gemacht dafür, sie mit ganzer Kraft zu singen und von ganzem Gemüt. So laut, dass die Trauergeister sich tatsächlich erschrecken und abziehen. Und so innig, dass ich es wahrhaft glaube: Jesus kommt und alles wird anders. Das Lied wird so zu einem Protestsong. Ich singe es und stemme mich mit aller Macht gegen das, was das Leben niederhalten will. Ich singe es gegen all das, was mir Schmerzen bereitet und Leid bringt. Ich singe es vor allem und immer wieder gegen den Tod. Denn er ist es ja, der letztlich hinter dem Leid steht und den Schmerzen. Der Tod schickt immer wieder seine Boten in mein Leben. Ob er nun an meiner Gesundheit knappst oder ich mir Sorgen um einen lieben Menschen machen muss. Ob ich den Tod und seine Schrecken i