Begegnung mit einem alten Bekannten
Buß- und Bettag: Ich stelle mir vor, dass Gott an diesem Tag nach seinen Schafen sieht; nach den verirrten und all den anderen. So erzählt es Susanne Niemeyer: Als Gott seine Nachmittagsrunde dreht und rechts hinterm Bahnhof in diese kleine Seitenstraße einbiegt, deren Namen er sich nie merken kann, sieht er Frieda. Frieda mit dem Blümchenkleid. An ihren Armen hängen Tüten. Eine Menge Tüten, mehr Tüten, als sie eigentlich tragen kann. Sie sind prall gefüllt, und es sind Tüten von abgetragener Art. Dass sie nicht neu sind, sieht Gott sofort. Dass keine Einkäufe darin liegen, keine Äpfel, die Frieda zuhause in eine Schale legen wird. Der Rücken von Frieda ist rund vom vielen Arbeiten und auch sonst. Bestimmt schneiden die Tüten Kerben in ihre Hände. Buß- und Bettag. Gott sieht mich. Er sieht, wie ich meine Tüten durch den November trage. Manchmal trage ich schwer an ihnen. Vielleicht, weil andere mir vieles aufgeladen haben und ich mich nicht dagegen wehren konnte....
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